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Hermann Hesse: Chopin

I

Schütte wieder ohne Wahl
Über mich die bleichen, großen
Lilien deiner Wiegenlieder,
Deiner Walzer rote Rosen.

Flicht darein den schweren Hauch
Deiner Liebe, die im Welken
Duft verstreut und deines Stolzes
Schaukelschlanke Feuernelken.

Grande Valse

Ein kerzenheller Saal
Und Sporengeläut und Tressengold.
In meinen Adern klingt das Blut.
Mein Mädchen, gib mir den Pokal!
Und nun zum Tanz! Der Walzer tollt;
Erhitzt vom Wein mein Brausemut
Nach aller ungenossenen Lust begehrt –

Vor den Fenstern wiehert mein Pferd.

Und vor den Fenstern hüllt die Nacht
Das dunkle Feld. Es trägt der Wind
Von fern Kanonendonner her.
Noch eine Stunde bis zur Schlacht!
– Tanz rascher, Schatz; die Zeit verrinnt,
Es wiegt der Sturm die Binsen hin und her,
Die nächste Nacht mein Bette sind –

Mein Totenbett vielleicht. – Juchhe, Musik!
In durstigen Zügen trinkt mein heißer Blick
Das junge, schöne, rote Leben ein,
Und trinkt sich nimmer satt an seinem Licht.
Noch einen Tanz! Wie bald! und Kerzenschein
Und Klang und Lust verlischt; der Mondschein flicht
Schwermütig seinen Kranz in Tod und Graus.
– Juchhe, Musik! Vom Tanz erbebt das Haus,
Erregt am Pfeiler klirrt mein hängend Schwert. –

Vor den Fenstern wiehert mein Pferd.

Berceuse

Sing mir dein liebes Wiegenlied!
Seit meine Jugend von mir schied,
Mag ich so gern die Weise hören.
Komm zu mir, süßer Wunderklang,
Nur du kannst noch die Nacht entlang
Mein ruheloses Herz betören.

Leg mir aufs Haar die schmale Hand
Und laß von unsrem Heimatland,
Von totem Ruhm und Glück uns träumen.
Gleich einem Stern, der einsam zieht,
Soll flackerhell dein Märchenlied
Die Nächte meiner Schwermut säumen.

Und stelle mir zu Häupten doch
Den Rosenstrauß! Er duftet noch
Und träumt sich heimwärts wehbeklommen.
Ich bin ja auch so welk und schwank,
Gebrochen und am Heimweh krank,
Und kann nicht mehr nach Hause kommen.