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Robert Odemann: Der Schicksalswalzer

In einem Bechsteinflügel lebte, dick und satt,
ein Mottenliebespärchen, ganz verborgen,
das sich am Filz der Hämmer gütlich tat.
Die beiden kannten keine Nahrungssorgen.
Doch wer nur immer frißt und liebt und frißt,
gedankenlos der Völlerei ergeben,
und darüber dann das Geistige vergißt,
der führt ein inhaltloses, schales Leben.

Der Mottenmann war etwas trivial,
hat nichts bei klassischer Musik empfunden.
Chopin und Schumann, sagte er einmal,
die würden seine Ohren nur verwunden.
Sie sagte spitz: "Jaah, du laßt nur Lehár
und seinen blöden Donauwalzer gelten.
Es wird mir immer deutlicher jetzt klar,
wir beiden leben in getrennten Welten."

Er sagte barsch: "Ach, spiel dich nicht so auf,
als ob du diesen Tonsalat verstündest!
Dann hau doch ab, ich warte nur darauf.
Schau, daß du einen Seelenpartner findest."
Da trennten sich die beiden dann im Haß.
Sie ist in den Diskant hinaufgezogen,
und er blieb, wo er immer war, im Baß.
Im Grunde waren sie sich noch gewogen.
Doch keiner sagte: "Liebling ach, verzeih."
Im Gegenteil, sie trotzten und sie schmollten.
Dabei verharrten sie. Bis dann die zwei
das Fürchterlichste bald erleben sollten.

Denn an den Flügel setzte sich ein Mann,
ein Virtuose, ein ganz weltbekannter.
Der fing ganz zart mit Joseph Haydn an,
und etwas später spielte er brillanter.
Mit letzter Meisterschaft, ganz unerhört,
erklang von ihm mit Verve und Ekstase
(das hat den Mottenmann total betört)
nun eine Donauwalzer Paraphrase.

Das Stück – es war in D-Dur komponiert –,
das brachte nun das Kommende ins Rollen.
In Es-Dur wäre niemals das passiert,
was wir hier wahrgetreu berichten wollen.
Denn er sah drüben im Diskant allein
ganz traurig seine kleine Freundin stehen.
Er dachte sich: Das renk' ich wieder ein.
Genug geschmollt, ich muß jetzt zu ihr gehen.

Sie hatte seine Absicht schon erkannt
und winkte ihm: Bleib da, bleib da, mein Lieber!
Doch er war aus dem Baß schon losgerannt.
Er dachte nur: Ich muß zu ihr hinüber.
Und wenn sie meinen Walzer auch nicht schätzt,
du lieber Gott, da ist man doch nicht kleinlich.
Ich hab' sie letzten Endes auch verletzt.
Sie wartet doch auf mich dort höchstwahrscheinlich.

Beflügelt von der Walzermelodie,
sprang mutig er von Hammer jetzt zu Hammer.
Er dachte voller Sehnsucht nur an sie,
da sprang er auf ein A, o welch ein Jammer.
Er ahnte nicht, daß er ins Unglück lief,
denn eben dieses A war unerläßlich
für das bekannte Walzerterzmotiv,
und dieses A zerschmetterte ihn gräßlich.

Mit eignen Augen sah sie diesen Graus,
wie er für sie dort in den Tod gegangen.
Die Walzermelodie von Johann Strauß
hat sie wie einen Keulenschlag empfangen.
Gewissensbisse packten sie nunmehr.
Das war die Weise, die er zärtlich liebte,
mit der sie ihn verspottete so sehr,
um derentwegen Selbstmord er verübte.
An ihrer Seele zerrte es und riß,
im Schuldgefühl begann sie zu erbeben.
Da warf sie sich verzweifelt auf ein Fis
und blieb wie er an diesem Hammer kleben.

Man merke es sich ein für allemal:
Man lasse doch bei künstlerischen Dingen
jedweder Kreatur die eigne Wahl,
denn der Geschmack läßt sich doch niemals zwingen.
Es mögen Menschen oder Motten sein,
sie sollen sich nach Wunsch nur amüsieren.
In keinem Falle greife man da ein,
denn sonst kann etwas Schreckliches passieren.