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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

19tes Kapitel. Vom Fantasieren (oder Improvisieren) auf dem Fortepiano.

<91> § 1. Da der Verfasser dieser Schule über diesen Gegenstand bereits ein vollständiges Lehrbuch bekannt gemacht hat, (Anleitung zum Fantasieren, op. 200) und da der Umfang und Plan der gegenwärtigen Clavierschule eine erschöpfende Abhandlung hierüber unmöglich macht, so werden hier, mit Verweisung auf jene Anleitung, nur folgende allgemeinen Regeln und Grundsätze darüber aufgestellt.

§ 2. Unter Fantasieren oder Improvisieren versteht man, dass der Spieler aus dem Stegreif, ohne Vorbereitung, und auch oft ohne Nachdenken Etwas spielt, das ihm, so zu sagen, eben unter die Finger kommt, und das dennoch bis zu einem gewissen Grade alle Eigenschaften eines geschriebenen Tonstücks besitzt, und wo folglich Melodien mit brillanten Sätzen auf eine geschmackvolle oder kunstreiche Art abwechseln.

§ 3. Um sich diese höchst interessante und ehrenvolle Kunst anzueignen, muss der Spieler vor Allem folgende Eigenschaften besitzen:

1tens Eine grosse Fingerfertigkeit und Meisterschaft über die Tasten in allen Tonarten.
2tens Eine ausgedehnte musikalische Belesenheit und Kenntniss der Werke aller guten Tonsetzer.
3tens Ein gutes musikalisches Gedächtniss, und Gegenwart des Geistes.
4tens Eine gründliche praktische Kenntniss des Generalbasses.
5tens Eine natürliche Anlage zum musikalischen Improvisieren.

§ 4. Es ist klar, dass selbst das entschiedenste natürliche Talent zu dieser Kunst nichts nützt, wenn man mit unbehülflichen und ungeübten Fingern zu kämpfen hat, und wenn man sich alle Augenblicke fürchten muss, in Tonarten zu gerathen, deren man nicht praktisch mächtig ist.

Daher wird ein wahrer Virtuose stets, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, zu fantasieren im Stande sein, selbst wenn ihm zu dieser Kunst ein bestimmtes Talent mangeln sollte.

§ 5. So wie der Gelehrte in Büchern, so muss auch der Tonkünstler in den musikalischen Werken aller guten Tonsetzer eine grosse Belesenheit besitzen; denn die Masse der fremden Ideen, Melodien und Passagen, welche dadurch sich in seinem Gedächtniss aufhäuft, erzeugt zuletzt auch Eigene; der Spieler gewöhnt sich an die regelmässigen Formen und an die geordnete Ideenverbindung, welche auch beim Improvisieren Statt haben muss.

§ 6. Es ist nicht nur erlaubt, sondern eine Zierde und ein Reiz des Fantasierens, wenn man zu schicklicher Zeit auch fremde Ideen und Melodien einwebt, und auf irgend eine, in der Musik gebräuchliche Art, durchführt. Man muss da solche Melodien wählen, welche sich bereits einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen. Hiezu sind die Motive und Gesänge aus bekannten Opern, so wie auch Volksgesänge (besonders von der edleren Art,) und überhaupt alle ansprechenden und wohlklingenden Themas vorzugsweise anzuempfehlen. Der Spieler muss daher eine grosse Anzahl solcher Motive im Gedächtniss haben, um sie beliebig anzuwenden, und um nie wegen Mangel an Ideen in Verlegenheit zu gerathen. Denn ein immerwährendes Herumfahren in Passagen und Läufen ist noch keine Fantasie.

Es gibt jetzt so viele Fantasien und Potpourris über Opernthemas, dass der Spieler hinreichende Muster und Stoffe findet, um sein Talent hiernach auszubilden und zu bereichern.

§ 7. Es gibt Spieler, welche ohne Kenntniss des Generalbasses dennoch sehr richtige Harmonienfolgen und interessante Accorde im Fantasieren aufzufinden wissen, und denen nur selten auffallende Fehler in dieser Hinsicht entschlüpfen. Dieses ist stets der Beweis von einem bedeutenden musikalischen <92> Talente. Allein gerade bei solchen entschiedenen Anlagen ist das Studium der Harmonielehre um so mehr zu empfehlen, damit sich der Spieler über seine Leistungen Rechenschaft geben könne, damit er diejenige Zuversicht erlange, welche auch hier, so zu sagen, auf dem guten Bewusstsein beruht, und damit er auch von den harmonischen Hilfsmitteln sicheren Gebrauch machen lerne, ohne welche jede Musik in der Länge leer und nichtssagend erscheint. Aber diese Harmoniekenntniss muss durch langes Üben praktischer Beispiele aus dem Kopfe in die Finger übergegangen sein, wenn sie nützen soll; denn so lange der Spieler an den Generalbass denken muss, wird er nie gut fantasieren, sondern immer nur trockenes und steifes Zeug hervorbringen, weil die Freiheit der innern Gemüthsbewegung, welche zum Improvisieren so nöthig ist, hiedurch gelähmt wird.

§ 8. Wir haben auch das natürliche Talent als unerlässliche Bedingung zum Fantasieren bezeichnet, und allerdings kann bei völligem Mangel desselben in dieser, zum Theil geistigen, Kunst nichts geleistet werden. Aber zum Troste der Clavierspieler sprechen wir hier unsere Überzeugung aus, dass dieses Talent wohl nicht so selten ist, als man, bei der wirklichen Seltenheit guter Improvisatoren glauben sollte. Es wird aber leider nur zu selten erweckt und ausgebildet.

Hierzu kann, nebst dem eigenen Bestreben des Schülers, auch der Lehrer vieles beitragen, wenn er denselben auf folgende Weise anzuleieten trachtet:

Sobald der Schüler die mechanischen Schwierigkeiten des Spiels soweit überwunden hat, dass man ihn zu den geübten und fertigen Spielern rechnen kann, und dass er folglich schon eine grosse Anzahl guter Compositionen mit Gewandtheit vorzutragen weiss, muss ihn der Lehrer bisweilen auffordern irgend etwas zu improvisieren: seien es nun Accorde, oder Passagen, oder eine Melodie mit einfacher Begleitung. Anfangs wird dieses natürlicherweise sehr mangelhaft erscheinen. Allein während der Schüler spielt und sucht, kann der Lehrer ihn aufmuntern und erinnern, entweder einige leichte bekannte Passagen und Läufe, oder einige feste Accorde, oder eine kurze Melodie anzubringen, wobei jedoch alle Ausweichungen in andere Tonarten anfangs vermieden werden müssen. Harmonische Fehler werden nur dann gerügt, wenn sie gar zu auffallend sind.

Wenn diese Versuche, mehrmal in der Woche, durch eine längere Zeit fortgesetzt worden sind, so dass der Schüler ungezwungen und ohne Stottern Einiges Zusammenhängende hervorzubringen vermag, dann werden die Formen erweitert; er kann es versuchen, solche Ausweichungen, Accorde und Modulationen anzuwenden, welche ihm aus andern Werken erinnerlich sind, oder die er in irgend einem zweckmässigen Lehrbuche vorfindet, wobei immer Melodien mit Passagen abwechseln müssen, und nun kann ihn auch schon der Lehrer mit mehr Strenge auf jede harmonische Unrichtigkeit aufmerksam machen. Der Schüler kann dabei ohne Anstand jede melodische oder brillante Stelle, deren er sich aus andern Compositionen erinnert, in diesen seinen Versuchen mit einflechten. Allerdings gehört hiezu eine lange Zeit und unverdrossene Aufmerksamkeit. Sobald aber der Schüler darin hinreichend geübt ist, dann werden ihm nach und nach die Regeln entwickelt, nach welchen ein aufgegebenes oder selbstgewähltes Thema durchgeführt und zu den verschiedenen musikalischen Formen benützt wird, welche in der Fantasie anwendbar sind, und worüber die obenerwähnte Anleitung zum Fantasieren hinreichend Aufschluss gibt.

§ 9. Alles dieses kostet jahrelanges Studium und grosse Mühe: aber man wird dafür auch durch eine Kunst belohnt, die um so ehrenvoller und auszeichnender ist, als man sie sehr selten antrifft. Man kann viele Zuhörer ergötzen und erfreuen, ohne dazu fremder, eingelernter Tonstücke zu bedürfen. Aber freilich muss man vermittelst vieljähriger einsamer Übung eine grosse Fertigkeit und Zuversicht im Improvisieren erlangt haben, ehe man es wagen darf, damit nach und nach ins Publikum zu treten.