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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Schluss-Bemerkungen zum ganzen Werke.

<96> § 1. Der Hauptzweck dieser Schule ist: Jedem Schüler, der nur einiges Talent und dabei gesunde Finger besitzt, in der möglichst kürzesten Zeit eine grosse und geregelte Fingerfertigkeit zu verschaffen, und ihm alle, zum Fortepiano-Spiel gehörigen Gegenstände stets mit besonderer Rücksicht auf diese Haupteigenschaft folgerecht anzueignen.

Die Erfahrung hat bereits hinreichend gelehrt, dass jede entgegengesetzte Methode entweder gar nicht, oder auf jeden Fall weit langsamer, mühevoller und abschreckender zum Ziele führt.

§ 2. Wir dürfen mit Zuversicht annehmen, dass überall wo Lehrer und Schüler mit gleichem Fleisse das Ihrige thun, der erste Theil dieser Schule in 6 Monathen gründlich genug durchstudiert werden kann.

Wenn wir für jeden der 2 letzten Theile 3 Monathe annehmen, so können wir allerdings das Durchstudieren des ganzen Werkes in einem Jahre als vollendet betrachten. Allein die praktischen Beispiele können und sollen jedem Schüler für eine weit längere Zeit als Mittel zur Vervollkommnung dienen, so wie das Ganze als Erinnerungs-Buch und als Leitfaden für jeden schon bedeutend ausgebildeten Spieler wohl immer von Nutzen sein kann. Die gute Auswahl und grosse Anzahl zweckmässiger Compositionen, welche der Schüler nebstbei und in der Folge einstudieren muss, vollenden sodann seine Ausbildung bis zu jeder möglichen Stufe.

§ 3. Man hat in neuerer Zeit mehrere mechanische Hilfsmittel zur Förderung der geregelten Fingerfertigkeit erfunden, wie z.B. den Chiroplast, den Handleiter, das Dactylion, etc: -. Für solche Schüler, welche Anfangs durch einen schlechten Unterricht verdorben worden sind, können alle diese Maschinen von grossem, entschiedenem Nutzen sein. Allein bei jenen Schülern, welchen der Lehrer unermüdet und sorgsam gleich Anfangs alle Regeln der Handhaltung, des schönen Anschlags, der richtigen Fingersetzung, so wie sie in dieser Schule dargestellt worden sind, entwickelt und angewöhnt hat, halten wir jene Maschinen aus folgenden Gründen für entbehrlich:

1tens Weil deren langer Gebrauch für den Geist und das Gefühl nothwendigerweise sehr abspannend sein muss.
2tens Weil sie sehr viele Zeit rauben.
3tens Weil sie eben nicht sehr geeignet sind, bei jüngeren Schülern und Dilettanten die Liebe zur Kunst zu vermehren.
4tens Endlich, weil sie die Freiheit der Bewegungen allzusehr fesseln, und aus dem Spieler eine Art von Automat machen.

§ 4. Der Lehrer, der sich seinen Beruf angelegen sein lässt, hat in seinem Fache eben so nachzudenken und zu studieren, wie der Schüler. Er befindet sich beim Beginn seiner Laufbahn in der Lage eines jungen Arztes, der, nach gut vollbrachten Studien, am Bette des Kranken noch oft in Verlegenheit gerathen kann. Er muss den Charakter und die Eigenheiten seiner Schüler beachten, und sie darnach behandeln. Er muss sein eigenes Spiel durch fleissiges Üben stets mehr ausbilden, und über Fingersatz, Tempo, Vortrag eines jeden einzustudierenden Stückes völlig mit sich im Reinen sein. Der Schüler hat weit mehr Vertrauen und Achtung für seinen Lehrer, wenn er Ursache hat, ihn zugleich für einen geschickten ausübenden Künstler zu halten. Allein noch viel wichtiger und nothwendiger für den Lehrer ist die Fähigkeit, alles durch Worte, durch deutliche Erklärungen seinem Schüler begreiflich machen zu können, und in diesem Falle ist das öftere Vorspielen sehr entbehrlich. Eine besondere Pflicht des Lehrers ist es, dass er bei der Wahl der Tonstücke stets unparteyisch sei, und keine ausschliessende Vorliebe für eine besondere Manier, oder für einen einzelnen Tonsetzer zeige. Er muss das Gute und praktisch-brauchbare aller Zeiten, aller Schulen und aller guten Componisten kennen und zu benutzen wissen, und demnach auch seine Schüler damit bekannt machen.

§ 5. Was die zahlreichen jungen Talente betrifft, welche sich mit dem Fortepiano beschäftigen wollen, so mögen sie bedenken, dass ihre Fortschritte von der strengen Beobachtung der Grundregeln abhängen, welche die Erfahrung als die einzig richtigen bewährt hat; - dass jede Unachtsamkeit, jede falsche Angewöhnung sehr üble Folgen nach sich zieht, die oft gar nicht mehr auszurotten sind. Sie mögen bedenken, dass die Musik nur dann den Namen einer schönen Kunst verdient, wenn sie in einem höhern Grade der Vollkommenheit ausgeübt wird, und dass sie sodann eine edle Zierde jedes Standes ist und dieses auch bei allen Lebensverhältnissen bleibt, so wie auch ihre Ausübung den Zutritt in ein höheres Leben verschaffen kann, und auf diese Art bereits manches Lebensglück gegründet hat.

Der ausübende grosse Künstler ist ein mächtiger Zauberer: die ganze Welt steht ihm offen: er erobert alle Gemüther in der kürzesten Zeit. Bei seinem Leben bewundert, geehrt, belohnt, darf er hoffen, dass auch die Nachwelt seiner nicht vergisst. -

* Ende.*