Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Begeisterung.

<231> Wenn die Kräfte des Geistes, die man Genie nennet, durch die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes in eine solche lebhafte Bewegung gesetzt werden, in welcher sie mit außerordentlicher Leichtigkeit, und ohne Bewußtseyn von Absicht und Regeln, eine Ganzes hervorbringen, welches durch seine Form gefällt, zugleich aber auch interessirt, so sagt man, der Künstler sey in dem Zustande der Begeisterung.

"Dieser Zustand des Künstlers" (sagt Heydenreich) [FN: Kurzgefaßtes Handwörterbuch über die schönen Künste] "bestehet in drey Hauptzeitpunkten: Erstlich faßt derselbe den Gegenstand, durch dessen Vorstellung seine Kräfte zu außerordentlicher Thätigkeit angefeuert werden; dann erfolgt die Ausbildung der Vorstellung des Gegenstandes entweder durch Erhöhung, Erweiterung, Verschönerung seiner Form selbst, oder durch weitere Ausführung seiner einzelnen Theile, oder durch Anknüpfung vieler mannigfaltiger analoger Vorstellungen; ist diese Ausbildung vollendet, so entstehet jene Liebe des <232> Künstlers zu dem schönen Ganzen, die ihn zur äußern Darstellung und Mittheilung bestimmt."

- Diese Liebe, und das Anziehende des Ganzen, welches er in diesem Seelenzustande geschaffen hat, zugleich aber auch eine gewisse Erinnerung oder ein gewisses Vorschweben dieses Seelenzustandes, facht in ihm zugleich das nöthige Feuer zur Ausführung und die unverdrossene Ausdauer in der Ausarbeitung an.

"Der Zustand des begeisterten Künstlers" (fährt der vorhin genannte Schriftsteller fort) "ist in der That in seiner Art einzig. Das ganze Bewußtseyn desselben ist gerichtet auf den Gegenstand, der seine Kräfte in Bewegung setzt, die Verhältnisse des Orts und der Gegenwart verschwinden aus seiner Seele, er lebt und wirkt gleichsam in einer andern Welt, als die wirkliche, die ihn umringt. In dem Drange seiner schaffenden und bildenden Kräfte kennt er sich selbst kaum; er ist höchst selbstthätig und scheint unter dem Einflusse einer Gottheit zu stehen. Vergebens würde man von ihm Rechenschaft fordern über die Möglichkeit und Art und Weise seines Zustandes; sie ist ihm eben so verborgen, als ihm die Naturgabe selbst räthselhaft ist, in deren Besitze er zu so großen Wirkungen fähig ist."