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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Charakter.

<313> Allgemein betrachtet verstehet man darunter diejenigen Eigenschaften einer Sache, wodurch sie sich von andern ihrer Art unterscheidet. Wenn daher von dem Charakter der Tonstücke die Rede ist, so hat man darunter diejenigen Merkmale und Eigenheiten derselben zu verstehen, durch welche sie sich von ein ander unterscheiden lassen. Taktart, Zeitmaaß, Rhythmus, die Art und der Gebrauch der melodischen Figuren, die Form, die Begleitung, die Modulation, der Styl, die zum Grunde liegende Empfindung, die besondere Art, wie sie ausgedrückt wird, alles dieses trägt bald mehr, bald weniger zu dem eigenthümlichen Charakter eines Tonstückes bey. So unterscheidet sich z.B. der Marsch von der Menuet nicht bloß durch den Ausdruck des Feyerlichen, der ihm eigenthümlich ist, sondern auch durch Taktart, Bewegung und Rhythmus. Nimmt eine andere Gattung der Tonstücke von unbestimmtem Charakter, den Charakter des Feyerlichen an, so unterscheidet es sich sodann von dem Marsche durch Form, Taktart, Bewegung, u.d.gl. Der Marsch selbst kann aber verschiedene Eigenschaften erhalten, wodurch sein Charakter eine Verschiedenheit bekömmt. Wer empfindet nicht, daß z.B. der Ausdruck des Feyerlichen in einem Marsche, womit der triumphirende Einzug des Eroberers auf dem Theater begleitet <314> wird, ganz verschieden seyn muß von dem Ausdrucke des Feyerlichen in dem Marsche, womit man den Aufzug einer Gesellschaft Priester begleitet, die sich der Weisheit und Tugend widmen! Diese Verschiedenheit des Ausdruckes des Feyerlichen bestimmt bey dem Marsche selbst die Verschiedenheit des Charakters.

Andere Arten der Verschiedenheit zeigen sich zwischen Tonstücken von unbestimmtem Charakter, das heißt, zwischen solchen, die jeden Charakter annehmen können. So unterscheidet sich z.B. die Arie von dem Chore dadurch, daß in derselben nur eine einzige Person die Empfindung ihres Herzens bis zu einem gewissen Grade von Sättigung ausgießt, u.s.w. Die Einkleidung und Behandlung des Satzes, die diese Art der Verschiedenheit begünstiget oder nothwendig macht, hebt den Charakter einer solchen besondern Gattung der Tonstücke noch deutlicher und bestimmter heraus.

Es ist hier der Ort nicht in diesen viel umfassenden und in die Aesthetik gehörigen Gegenstand, tiefer einzudringen, man wird sich aber schon aus den angeführten Beyspielen die Ursachen von selbst leicht erklären können, warum die Beybehaltung oder Durchführung eines Charakters eins der nothwendigsten Erfordernisse aller Tonstücke sey.