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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Figur,

<569> figurirt, wird in der Musik in verschiedenen Bedeutungen <|> gebraucht. Am gewöhnlichsten verstehet man darunter die Zergliederung der melodischen Hauptnoten in Noten von geringerem Werthe, oder die Vereinigung mehrerer Nebennoten mit einer harmonischen Hauptnote auf einer und eben derselben harmonischen Grundlage. Wenn z.B. die Noten c und d in folgendem Satze,

Notenbeispiel Sp. 570, Nr. 1

in welchem sie als melodische Hauptnoten zweyer zum Grunde liegender Sextenakkorde erscheinen, mit Nebennoten verzieret werden, so bestehet diese Verzierung entweder bloß in dem Gebrauche der harmonischen Nebennoten, das heißt, solcher Noten, die in der zum Grunde liegenden Harmonie enthalten sind, z.B.

Notenbeispiel Sp. 569/570, Nr. 2

<|> und in diesem Falle setzt die mechanische Behandlung derselben weiter keine Regel voraus, als die Vermeidung unerlaubter Oktaven und <|> Quintenfolgen gegen die im Satze vorhandenen Stimmen; so würde z.E. folgende Verzierung dieser beyden Hauptnoten

Notenbeispiel Sp. 569/570, Nr. 3

<571> wegen der Vernachlässigung dieser Regel fehlerhaft seyn; [FN: Siehe Quinte] oder es werden bey solchen Verzierungen mit der melodischen Hauptnote und mit den harmonischen Nebennoten auch solche Noten, die nicht in der zum Grunde liegenden Harmonie <|> enthalten sind, als durchgehende und Wechselnoten verbunden, deren Gebrauch die Regel voraussetzt, daß auf jede derselben unmittelbar eine melodische Hauptnote oder eine harmonische Nebennote stufenweis folgen muß; z.E.

Notenbeispiel Sp. 571/572

<|> In beyden Fällen entstehen sowohl in Rücksicht auf die Notenköpfe, als auch in Rücksicht auf die Striche, wodurch der Werth der Noten bestimmt wird, gewisse Arten von Figuren, die man überhaupt Setzmanieren nennet, und verschiedene derselben mit besondern Namen bezeichnet, wie z.B. die Walze, der Rauscher u.s.w. Diese Figuren haben die Veranlassung gegeben, daß man die gewöhnliche Musik, bey welcher man sich in den verschiedenen Stimmen solcher Figuren bedienet, Figuralmusik nennet, und sie dadurch von der Choralmusik unterscheidet, wobey die melodischen Hauptnoten ohne diese Verzierungen oder ohne den Gebrauch der Figuren, vorgetragen werden.

Der eigentliche Sitz der Figuren ist die Hauptmelodie eines Tonstückes, wobey zu bemerken ist, daß es weder die Regeln der Einheit, noch das Fließende des Gesanges erlauben, in der Melodie mehrere ungleichartige Gattungen solcher Figuren zu vereinigen, weil sie dadurch holpericht, mit Zierathen überladen, und unverständlich wird. Ehedem bediente man sich in den begleitenden Stimmen der Figuren äußerst sparsam: heut zu Tage hingegen braucht man sie weit häufiger, und zwar, so lange dabey die Begleitung nicht zu sehr überladen, und die Melodie dadurch verdunkelt wird, oft mit sehr glücklichem Erfolge.

Nächst dieser angezeigten Bedeutung braucht man das Wort Figur in der Musik auch in demjenigen Sinne, in welchem es in der Redekunst üblich ist, und verstehet darunter eine besondere Form des Ausdruckes. In diesem Sinne ist z.B. der Satz bey Fig. 1 aus Grauns Tod Jesu, eine Wiederholung, der Satz bey Fig. 2. eine Gradation oder Steigerung des Ausdruckes, oder der Satz bey a in Fig.3. eine Parenthese. <573>

Notenbeispiel Sp. 573/574

Eine Klassifikation und nähere Beschreibung dieser Figuren, die zwar der Sache nach in der Musik sehr gebräuchlich, wovon aber die in der Redekunst gewöhnlichen Benennungen derselben noch nicht üblich sind, findet man in der Einleitung zu Forkels allgem. Geschichte der Musik. Band 1. S. 53.