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Koch: Musikalisches Lexikon

Fließend.

<581> So nennet man diejenige Eigenschaft eines Tonstückes, wodurch das Spiel der Empfindung in einem ununterbrochenen sanften und ruhigen Gange erhalten wird, und wobey nur die nächstverwandten Modifikationen der Empfindung unmittelbar nach einander folgend dargestellet werden, und also unmerklich in einander übergehen. Der Charakter des Fließenden bestehet daher hauptsächlich in Leichtigkeit, Sanftheit, in der natürlichsten und ungezwungensten Gedankenfolge, und in der Vermeidung der unmittelbaren Verbindung solcher Theile, die nicht gerade zu auf die Hauptideen des Ganzen hinleiten, sondern erst durch vermittelnde Theile in Beziehung auf dieselbe gebracht werden müssen, oder mit andern Worten, in der Vermeidung aller Sprünge auf weit entlegene Modifikationen der vorhandenen Empfindung.

Hieraus folgt, daß das Fließende eigentlich bloß eine Eigenschaft solcher Kunstprodukte seyn müsse, die den Zweck haben, ruhige und sanfte <582> Empfindungen auszudrücken. Wenn man sich daher dieses Kunstwortes auch bey Tonstücken bedienet, die starke Rührung hervorbringen oder heftige Leidenschaften ausdrücken sollen, so braucht man es in einem eingeschränkten Sinne, und verstehet darunter die Vermeidung solcher Härten in der Tonfolge der Melodie und in dem Aneinanderreihen der Akkorde, die dem Gefühle bey der auszudrückenden Empfindung widerlich sind.

Unter den Kunstprodukten der höhern Klasse der Tonsetzer ist besonders Grauns Werken durchgehends der Charakter des Fließenden eigen.