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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Hauptsatz

<745> oder Thema, ist derjenige melodische Satz eines Tonstückes, der den Hauptcharakter desselben bezeichnet, oder die in demselben auszudrückende Empfindung in einem faßlichen Bilde oder Abdrucke darstellet. Ueber den Eintritt eines solchen Hauptsatzes lassen sich im Allgemeinen keine bestimmten Regeln geben. Bald fängt der Tonsetzer seine Kunstprodukte unmittelbar mit dem Hauptsatze <746> an, und dieses ist besonders in den Sonatenarten gewöhnlich; bald läßt er aber auch dem Hauptsatze einen kurzen Einleitungssatz, wie z.B. in den modernen Sinfonien, oder ein Ritornell, wie bey den Arien und Concerten, vorhergehen.

"So wie bey einer Rede der Hauptgedanke, oder das Thema den wesentlichen Inhalt derselben angiebt, und den Stoff zu der Entwickelung von Haupt- und Nebenideen enthalten muß, eben so verhält sichs in der Musik, in Absicht der durch den Hauptsatz möglichen Modifikation einer Empfindung, und so wie ein Redner von seinem Hauptsatz in Nebensätze, Gegensätze, Zergliederungen u.s.w. übergeht, wie er sich rhetorischer Figuren bedient, die alle die Bekräftigung seines Hauptsatzes bezwecken, eben so wird der Tonsetzer in der Behandlung eines Hauptsatzes verfahren, und ihn in Absicht auf Harmonie, Modulation, Begleitung, Wiederholung u.s.w. so bearbeiten, und in solche Verbindungen setzen, daß er immer mehr Neuheit und Zuwachs an Interesse erhält, daß die besonders in der musikalischen Schreibart so nothwendigen Episoden und Nebensätze die Hauptempfindung nicht stören, und der Einheit des Ganzen schaden u.s.w. -- Nicht so leicht und so geschwind wird sich der Tonsetzer erschöpfen, welcher vermöge seiner harmonischen Kenntnisse, alle die möglichen mit einem Hauptsatze vorzunehmenden Veränderungen einsieht, als der, welcher schon mit der Erfindung eines schönen Hauptsatzes zufrieden ist, und die Anknüpfung analoger Sätze mehr dem Zufall der Einbildung überläßt, als daß er sie durch überdachte Pläne anzuordnen suchen sollte. Jener wird bestimmter zeichnen, er kann eine gehörige Oekonomie der Gedanken beobachten, <747> kann jedes seiner Werke durch Einheit und Eigenthümlichkeit auszeichnen, da hingegen bey diesem unwillkührliche Wiederholungen, fremde Züge, matte Wendungen, und baldige Kraftlosigkeit ganz unausbleiblich seyn müssen." [FN: Handwörterbuch über die schönen Künste , Art. "Hauptsatz"]