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Koch: Musikalisches Lexikon

Hauptstimme.

<747> Man braucht dieses Wort bald in einem engern, bald aber auch in einem weitläuftigern Verstande. Im weitern Sinne des Wortes verstehet man darunter jede Stimme, die durch das ganze Tonstück hindurch mit ihrer eigenen, und von den übrigen Stimmen verschiedenen Melodie in die Harmonie des Ganzen einstimmt. So viel also ein Tonstück Stimmen enthält, deren jede ihre eigene und besondere Melodie hat, eben so viel Hauptstimmen sind in demselben vorhanden. Heut zu Tage setzt man auch bei vollstimmiger Musik ohne besondere Veranlassung selten mehr als vier Hauptstimmen, weil in diesen schon alle Intervallen der gewöhnlichsten Akkorde enthalten seyn können, die bey der Harmonie zum Grunde liegen. In dem vierstimmigen Vocalsatze müssen alle vier Stimmen, nemlich Discant, Alt, Tenor und Baß als Hauptstimmen behandelt werden, das heißt, jede derselben muß ihre eigene Melodie haben, die von den Melodien der übrigen Stimmen verschieden ist. Bey der vollstimmigen Instrumentalmusik versieht die erste Violine die Stelle des Discantes, die zweyte Violine die Stelle des Altes, und die Viole die Stelle des Tenors. Bey diesen Compositionen behalten aber die zweyte Violine und Viole dennoch auch in solchen Tonstücken den Namen einer Hauptstimme, in welchen jene zuweilen mit der ersten Violine, diese aber mit dem Basse im Einklange oder in der Oktave fortgehet.

Von den Hauptstimmen unterscheidet man die Neben- oder Füllstimmen, welche entweder nur durch Verdoppelung der schon in den Hauptstimmen vorhandenen Töne die Harmonie ausfüllen, oder vermittelst <748> welcher diese oder jene Hauptstimme im Einklange oder in der Oktave verstärkt wird. Von dieser Beschaffenheit sind z.B. in den Sinfonien die Hörner, Oboen, Trompeten u.dergl. die den Namen der Füllstimmen auch alsdenn noch behalten, wenn sie sich gleich zuweilen mit einem kleinen Solo hören lassen.

Man pflegt die Hauptstimmen eines Tonstücks einzutheilen in die äußersten, und in die Mittelstimmen. Unter den äußersten Stimmen verstehet man den Baß, den man auch die Grundstimme nennet, und die vorhandene höchste Stimme, die auch die Oberstimme genannt wird; die übrigen heißen deswegen Mittelstimmen, weil die Höhe und Tiefe der Töne ihrer Melodie von den Tönen der Oberstimme und des Basses begrenzt werden.

Im engern Sinne des Wortes verstehet man unter einer Hauptstimme eine solche, durch welche die Empfindung besonders ausgedrückt wird, die bey einem Tonstücke zum Grunde liegt, und welcher die übrigen vorhandenen Stimmen bloß zur Begleitung und Unterstützung dienen. In dieser Bedeutung behauptet zum Beyspiel in einer Arie bloß die Singstimme, oder in einem Concerte, bloß die concertirende Stimme den Charakter der Hauptstimme. Bey solchen Tonstücken sind, so lange der Vortrage der Hauptstimme dauert, alle übrige Stimmen bloß begleitende Stimmen, das ist, sie sind nur deswegen vorhanden, um der Hauptstimme theils durch die Harmonie, theils auch durch ihre metrische Bewegungen mehr Deutlichkeit und Bestimmtheit zu geben. In Tonstücken, in welchen nur eine solche Hauptstimme vorhanden ist, kann der Tonsetzer die vorhandene Empfindung nur so ausdrücken, wie sie sich bey einem Menschen nach seiner besondern oder individuellen Art äußert. Die Tonkunst besitzt aber auch das Vermögen, die individuellen Empfindungsarten mehrerer Menschen, die sich zugleich äußern, auszudrücken. Soll <749> dieses geschehen können, so müssen mehr Stimmen vorhanden seyn, die den Charakter als Hauptstimmen behaupten, oder die sich durch ihre hervorstechenden Darstellungen der verschiedenen Modifikationen der Empfindung auszeichnen.

Von dem Daseyn einer oder mehrerer Hauptstimmen hängt diejenige Verschiedenheit einer Composition ab, welche von einigen Tonlehrern durch die Ausdrücke homophonische und polyphonische Schreibart unterschieden wird. Homophonisch wird das Tonstück genannt, in welchem nur vermittelst einer Hauptstimme die individuelle Empfindungsart eines einzigen Menschen ausgedrückt wird, und bey welchem alle übrige Stimmen bloß das Amt der begleitenden Stimmen verrichten, wie in der Arie oder im Concerte. Polyphonisch hingegen ist die Composition, wenn der Tonsetzer die Empfindung verschiedener Menschen durch mehrere Hauptstimmen ausdrückt, wie z.E. in der Oper, im Duette, Terzette oder Quatro, u.dergl.

Die Verfertigung eines Tonstückes in der polyphonischen Schreibart, wenn es nebst seiner Mannigfaltigkeit auch die nöthige Einheit haben soll, setzt einen Tonsetzer voraus, der in der Kunst der Nachahmungen und des doppelten Contrapunktes kein Fremdling ist. Siehe den Artikel Contrapunkt.