Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Malerey,

<924> oder musikalische Gemälde. Wenn in einem Tonstücke gewisse Bewegungen oder Töne aus der leblosen Natur nachgeahmt werden, wie z.B. das Rollen des Donners, das Brausen des Meeres, oder das Säuseln des Windes u.d.gl. so nennet man eine solche Nachahmung eine Malerey oder ein Gemälde. Es lassen sich zwar allerdings einige Aehnlichkeiten solcher Naturbegebenheiten durch musikalische Töne und durch die Bewegung derselben in die Musik übertragen; allein die Kunst verleugnet ihre Natur, indem sie den Ausdruck solcher Schilderungen übernimmt; denn nicht Begriffe von leblosen Dingen, sondern Empfindungen und Gefühle des Herzens darzustellen, ist ihr einziger und letzter Zweck. Die mehresten Arten von solcher Malerey sind auch schon aus dem Gesichtspunkte verwerflich, aus welchem sie die Aufmerksamkeit von der Hauptsache auf Nebensache hinleiten, die zwar der Einbildungskraft freyes Spiel lassen, aber der Empfindung zugleich die Nahrung zu ihrer Fortdauer rauben.

"In der Musik" (sagt ein gewisser Autor,) [FN: D. Webb, Betrachtung über die Verwandtschaft der Poesie und Musik] "ist es besser, gar keine, als falsche Ideen zu haben; und immer sicherer, sich auf die bloße Wirkung des Eindrucks zu verlassen, als auf die müßigen Spielwerke einer gezwungenen Einbildungskraft."

<925> Man hat es daher schon längst als ein kleinliches und dem guten Geschmacke zuwider laufendes Spielwerk betrachtet, wenn der Tonsetzer, der einen Text bearbeitet, jedes aus der leblosen Natur entlehnte Gleichniß des Dichters, oder jedes zufällig zu einer solchen Malerey Gelegenheit gebende Wort, erhascht, und darüber eine Malerey beginnt.

Es kommen aber auch zuweilen Fälle vor, wo sich solche Tongemälde unmittelbar auf die Schilderung des Seelenzustandes selbst beziehen, oder wo sie Ausdruck der Bewegung der Empfindungen sind. Ein Beyspiel wird dieses deutlicher machen. Wenn der Tonsetzer sich z.B. bey der Arie aus Wielands Alceste:

Zwischen Angst und zwischen Hoffen
Schwankt mein Leben; wie im Rachen
Der empörten Flut ein Nachen
Aengstlich zwischen Klippen treibt -

einer gewissen unruhigen und schwankenden Bewegung der Töne bedient, so ist diese Art der Bewegung eines derjenigen Kunstmittel, diesen Seelenzustand auszudrücken. Hier muß man also nicht glauben, als sey die Absicht des Tonsetzers durch diese unruhige und schwankende Bewegung ein Gemälde eines Nachens darzustellen, welcher in empörten Fluten hin und her geworfen wird, oder die empörte Flut selbst zu malen; sondern hier ist die schwankende und unruhige Bewegung der Töne auf das genaueste mit dem zwischen Angst und Hoffnung kämpfenden Herzen, und also mit der Natur der Empfindung selbst, verwandt.

Eine weitläuftigere Würdigung dieses Gegenstandes findet man in der Abhandlung von Joh. Jac. Engel: Ueber die musikal. Malerey. Berl. 1780.