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Koch: Musikalisches Lexikon

Melodrama,

<945> bezeichnet im allgemeinen Sinne des Wortes jedes musikalische Schauspiel; man ist aber gewohnt darunter nur insbesondere diejenige Art des Schauspiels zu verstehen, bey welchem die Deklamation durch Instrumentalmusik unterbrochen wird, oder wobey die Musik bald in größern bald in kleinern Massen, und in unbestimmten Formen zwischen die Perioden und Redesätze eingeschoben wird, um die Empfindungen, die durch die Deklamation ausgedrückt werden sollen, zu verstärken. Man nennet diese Art des Drama, welches in der zweyten Hälfte des verwichenen Jahrhundertes einige Zeit (aber bloß in Deutschland) viel Aufmerksamkeit erregte, seit geraumer Zeit aber von der komischen Oper wieder verschlungen zu seyn scheint, auch Monodrama und Duodrama, und schreibt die Erfindung desselben dem Rousseau zu, dessen Pygmalion bey dem Schauspieler Brandes die Idee erregte, die Gerstenbergsche Cantate Ariadne als ein mit Musik begleitetes Drama zu bearbeite, um für seine Gattin eine sehr glänzende Rolle zu schreiben. Georg Benda war der Verfasser des musikalischen Theils dieses Drama. Hierauf verfertigte Gotter die Medea und gab dadurch dem genannten Tonsetzer Gelegenheit zu seinem bekannten Meisterwerke der Setzkunst. Diesem folgte Meißners Sophonisbe von Neefe komponirt, und späterhin wurde Lichtenbergs Lampedo mit Musik von dem Abt Vogler an dem Hessen-Darmstädtschen Hofe aufgeführt. Seitdem scheint, wie schon gesagt, diese Art des Drama durch die Operette ganz verdrängt zu seyn.

"Das Melodrama muß," (heißt es irgendwo) [FN: D. Schmieder, Theaterjournal, 1. Band 1799] "als ein lyrisches Kunstwerk, ein Gefühl im Objecte <946> darstellen. Der Dichter hat hier die Obliegenheit, dies Gefühl gleichsam nur anzudeuten, weil die möglichst vollkommenste Darstellung durch die Dichtkunst (wenn es nemlich nicht der Fall ist, daß durch die Töne selbst dies Gefühl einer weit höhern Verstärkung fähig ist,) schon ein an sich bestehendes Kunstwerk ausmachen würde, und die Mitwirkung der Musik nicht ausdrücklich erforderte, da diese in diesem Falle doch weiter nichts thun könne, als das geschilderte Gefühl zu begleiten, aber nicht zu erheben. Das Melodrama schildert nicht Begebenheiten, sondern die Begebenheit ist nur das Mittel, welches dem Dichter dazu behülflich ist, die Affekten selbst darzustellen. Nicht Ariadnens trauriges Schicksal, sondern die Verzweiflung einer Liebenden ist der Hauptgegenstand in diesem Melodrama. Die Begebenheit selbst und ihre Darstellung ist also hier nur gleichsam eine Begleitung, um den Hauptpunkt desto stärker hervor zu heben. Die Obliegenheit des Komponisten ist also hier, die Affekten der handelnden Personen selbst, durch das Mittel, was er in Händen hat, hervorzubringen."