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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Motette,

<983> bezeichnet ursprünglich ein solches Tonstück für vier Singstimmen, die vielfach besetzt werden, welches aus einer Folge meherer in einem Satze mit einander verbundenen kleinen Fugen bestehet, und wozu der prosaische Text aus der Bibel genommen ist. Die Veranlassung zu diesem Tonstücke gaben vor Zeiten, wo alle Kompositionen für die Kirche entweder reguläre Fugen waren, oder doch wenigstens thematisch nach Fugenart bearbeitet wurden, solche Texte, die entweder zu viel Glieder oder Redesätze zu einer Fuge hatten, oder in welchen der Inhalt der verschiedenen Glieder so beschaffen war, daß sie sich nicht schicklich in einer mehrfachen Fuge vereinigen ließen. Um dieses zu verstehen, muß man wissen, daß die Fuge aus eben so viel Sätzen oder Subjekten bestehen muß, als Glieder oder Redesätze in dem dazu vorhandenen Texte enthalten sind, und daß zu einem Texte aus zwey Gliedern eine Doppelfuge, zu einem aus drey Gliedern eine dreyfache Fuge u.s.w. gesetzt werden muß. Da man nun nicht leicht mehr als drey, höchstens vier Hauptsätze in einer Fuge verbinden kann, so schlug man bey Texten von größerm Umfange einen andern Weg ein. Man führte nemlich jeden Satz nur einmal durch alle Stimmen durch, und fing mit jedem neuen Gliede des Textes einen neuen Satz an, ohne diese verschiedenen Sätze bey der Ausführung in einander zu weben; und eine solche Komposition nannte man, zum Unterschiede von der eigentlichen oder regulären Fuge, eine Motette.

Sowohl diejenigen Chöre in unsern jetzigen Motetten, die nicht in der fugenartigen Schreibart gesetzt sind, oder diejenigen, in welchen mit dem biblischen Texte ein Vers aus einem Kirchenliede verbunden, und dessen Melodie so in das Chor <984> verflochten ist, daß sie von einer der vier Hauptstimmen allein vorgetragen wird, als auch die dem Duett, Terzett oder Quatuor ähnlichen Sätze, mit welchen man die modernen Motetten vermischt, sind eine Erfindung späterer Zeiten.

Die Franzosen nennen jedes Kirchenstück über einen lateinischen Text, es mag mit Instrumentalbegleitung versehen seyn oder nicht, eine Motette; bey uns giebt man aber diesen Namen gemeiniglich nur solchen Singstücken über prosaische Texte aus der Bibel, die ohne Instrumentalbegleitung vorgetragen werden.