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Koch: Musikalisches Lexikon

Musen.

<985> Das feine Ideal, welches die griechische Mythologie in der Fabel von den Musen und ihrem Aufseher, dem Apollo, enthält, und welches für alle aufgeklärte Nationen so viel Reiz hatte, daß es gleichsam unter ihnen einheimisch geworden ist, vorzüglich aber auch der genaue Bezug, den diese Fabel auf verschiedene historische Gegenstände der Tonkunst hat, machen es nothwendig, dem Apollo und den Musen hier einige Seiten zu widmen.

Apollo wird in der Mythologie als ein Sohn Jupiters und der Latona vorgestellet. Latona stammte aus dem ältesten Göttergeschlechte ab; Jupiter gewann sie lieb, und unterhielt sich oft mit ihr. Darüber wurde seine Gemahlin Juno so entrüstet, daß sie die Latona aus dem Himmel verjagte, und sie von einem <986> Ungeheuer, Pytho genannt, verfolgen ließ. Latona wählte die Insel Delos zu ihrem Aufenthalte, wo sie den Apollo und die Diana gebahr. Beyde wurden in die Versammlung der Götter aufgenommen, und Apollo, der sich unter den Göttern vorzüglich auszeichnete, machte den Anfang seiner Unternehmungen damit, daß er seine beleidigte Mutter rächte, und das Ungeheuer Pytho, von welchem sie sehr verfolgt wurde, umbrachte. Dieses gab in der Folge in Griechenland Gelegenheit zur Veranstaltung öffentlicher musikalischer Feste, die wir in dem Artikel musikalische Wettstreite werden kennen lernen. An diesen musikalischen Festen nahm nicht nur die ganze Nation Antheil, sondern sie wurden auch eine derjenigen Ursachen, daß es die Griechen in der Musik weiter brachten, als alle andere Völker der grauen Vorzeit.

Nach der Ueberwindung des Ungeheuers Pytho fiel Apollo bey dem Jupiter in Ungnade; er wurde aus der Versammlung der Götter gestoßen, und auf einige Zeit der Gottheit <987> beraubt. Um auf der Erde seinen Unterhalt zu finden, weidete er das Vieh des Admetes, Königs in Thessalien, bey welcher Gelegenheit er die Cither erfand. Jedoch sind die Meinungen der alten Schriftsteller in Ansehung dieser Erfindung sehr widersprechend; darinne aber stimmen die Fabeldichter vollkommen überein, daß Apollo ein Saiteninstrument, es sey nun die von dem Merkur erfundene Lyra, oder eine von ihm selbst erfundene Cither, vorzüglich gut gespielt habe. Nachdem er einige Zeit in dem Dienste des Königes Admetes gestanden hatte, ging er nach Sparta, wo er das Unglück hatte, seinen vertrauten Freund Hyacinth unversehens mit dem Wurfspieße zu tödten. Dieses veranlaßte ihn nach Troja zu fliehen, wo damals Laomedon König war, dem er die Mauern dieser Stadt bauen half. Hier war es, wo nach dem Ovid die Steine durch den Klang seiner Lyre belebt, sich von selbst an den Ort ihrer Bestimmung bewegten.

Unter die Merkwürdigkeiten seines Aufenthaltes auf der Erde gehört

  1. seine Liebe zu Daphne, die er, weil sie ihn floh, in einen Lorbeerbaum verwandelte, welcher ihm nachher geheiligt wurde, und die Veranlassung gab, daß die vorzüglichsten Dichter und Tonkünstler mit einem Kranze von Lorbeerblättern gekrönt wurden.
  2. Sein musikalischer Wettstreit mit dem Pan. Diesem Pan, der als der Gott der Landwirthschaft verehrt wurde, wird nicht nur die Erfindung der Pfeife, der einfachen Flöte, und eines Blasinstrumentes mit Namen <988> Syrinx, sondern auf überhaupt viele Geschicklichkeit auf der Flöte zugeschrieben. Pan wollte den Apollo in einem musikalischen Wettstreite überzeugen, daß die Flöte der Lyre vorgezogen werden müsse. Apollo nahm den Streit an, und erhielt nach dem Ausspruche des Tmolus, der zum Schiedsrichter erwählt worden war, mit seiner Lyre den Sieg. Midas aber, ein König in Lydien, mischte sich in diesen Streit, verwarf das Urtheil des Tmolus, und ertheilte dem Pan den Vorzug vor dem Apollo, bekam aber nach dem Ovid für seine Dummheit in Beurtheilung der Kunstsachen ein Paar Eselsohren.
  3. Sein Wettstreit mit dem Marsias, der es als ein geschickter Flötenspieler ebenfalls wagte, den Apollo zu einem musikalischen Wettstreite aufzufordern. Dieser Streit aber, welcher der Göttin Minerva und den Musen zur Entscheidung aufgetragen worden war, nahm einen ernsthaftern Ausgang, als der vorhergehende. Apollo ließ sich dabey zuerst auf seiner Lyre oder Cither allein hören; als aber nach ihm Marsias auf der Flöte blies, wurden die Zuhörer so bezaubert, daß sie urtheilten, er habe den Apollo weit übertroffen. Als beyde sich aber nochmals hören ließen, spielte Apollo zuletzt, und vereinigte mit dem Spiel der Lyre zugleich seine Stimme. Hierdurch zog er den überwiegenden Beyfall seiner Richterinnen auf seine Seite, wurde aber zugleich über die Kühnheit des Marsias so entrüstet, daß er ihm lebendig die Haut abzog.1 Dieser Marsias <989> soll nicht allein die phrygische und lydische Tonart, sondern auch eine Schallmey und eine Doppelflöte erfunden haben. Die Erfindung dieser Instrumente wird auch von einigen seinem Vater oder Lehrer Hyagnis zugeschrieben. Das Capistrum aber, welches man noch auf einigen alten Kunstwerken findet, war unstreitig eine Erfindung dieses Tonkünstlers. (Siehe Capistrum)

Nachdem Apollo wieder unter die Zahl der Götter aufgenommen worden war, behauptete er unter ihnen einen vorzüglichen Rang, denn er wurde nicht allein der Regierer der Sonne, sondern auch Vorsteher der berühmtesten Orakel, und Aufseher der Musen. Als Regierer der Sonne steht er mit der Musik in keiner Verbindung, wohl aber als Vorsteher der Orakel, und besonders als Aufseher über die Musen. Man hatte diesem Gotte in Griechenland eine große Menge Tempel erbauet, unter denen der zu Delphi wegen seines Orakels, welches von aller Welt besucht wurde, der berühmteste war. Wenn die Griechen wissen wollten, ob der Ausgang ihrer Unternehmungen glücklich oder unglücklich seyn würde, fragten sie das Orakel um Rath, das heißt, sie gingen zu einem Priester oder zu einer Priesterin des Apollo, und befragten sich, was die Götter über ihre Unternehmungen beschlossen hatten. Die Antworten, welche sie mit vielen geheimnißvoll scheinenden Ceremonien erhielten, waren gewöhnlich so unbestimmt abgefaßt, daß sie sich auf alle Ereignisse deuten ließen. Nach dem Zeugnisse verschiedener alten Schriftsteller, besonders des Plutarch, wurden diese Antworten, die man Orakelsprüche nannte, nicht allein in Versen, sondern auch mit Gesang, und in Begleitung einer Flöte, ertheilet.

Noch interessanter für die Tonkunst ist Apollo als Vorsteher der Musen, und als der Gott der Musik.

Die Musen scheinen ursprünglich bloß ein Chor musikalischer Frauenzimmer in den Diensten des ägyptischen Königs Osiris gewesen zu seyn. Hiervon mögen die <990> griechischen Dichter die Veranlassung zu ihrem Ideale von den Musen genommen haben. Die Musen wurden als Göttinnen des Gesanges und der schönen Künste überhaupt verehrt. Hesiodus beschreibt sie in seinem Gedichte von dem Ursprunge der Götter, als Sängerinnen auf folgende Art:

"Sie besingen das, was gegenwärtig, was zukünftig, und was vergangen ist. Das Haus ihres Vaters erfreuet sich, wenn sie lieblich singen, und der hohe Olymp ertönt von ihrem Gesange. Der vorzügliche Inhalt ihrer Lieder ist das Geschlecht der Götter. Mit dem Vater der Götter und der sterblichen Menschen beginnt ihr Lied, und mit dem Lobe desselbigen beschließen sie es; sie erheben ihn und seine Macht über alle Gottheiten. Aber auch das Geschlecht der Menschen, und die Helden besingen sie zur Freude ihres Vaters, der auf dem Olymp thronet."

Die Musen gehören unter das Göttergeschlecht Jupiters, und sind nach der Fabel von ihm und der Mnemosyne erzeugt worden; es waren neun Schwestern, die sich durch folgende Namen unterschieden: Clio, Euterpe, Thalia, Melpomene, Terpsichore, Erato, Polyhimnia, Urania und Calliope. Sie waren gewohnt, auf Bergen zu wohnen, wodurch man wahrscheinlich anzeigen wollte, daß die Künste und Wissenschaften, die sie beschützen, Stille und Einsamkeit erfordern. Die vorzüglichsten Berge, die ihnen geheiligt waren, sind

  1. der Parnaß, ein Berg in Thessalien. Auf diesem Berge befand sich ein Brunnen, welcher Castalia hieß, von dem sie den Namen Castalische Jungfrauen erhielten;
  2. der Berg Helikon in Böothien, von diesem wurden sie Helikoniten genannt;
  3. Pierus, ebenfalls ein Berg in Thessalien, welches der Ort ihrer Geburt seyn soll; daher nennet sie die griechische Dichterin Sappho die pierischen Mädchen.

<991> Außer diesen Bergen war ihnen vorzüglich noch eine Quelle in Böothien, mit Namen Hippokrene, geweihet, welche unter den Tritten des Pegasus entsprungen seyn sollte.

Die Musen werden gewöhnlich als eine Gesellschaft musicirender Frauenzimmer vorgestellet, wobey ihnen noch mancherley Attribute gegeben werden, die sich auf diejenigen Künste und Wissenschaften beziehen, die sie beschützt oder erfunden haben. Callimach beschreibt ihre Erfindungen auf folgende Art:

"Calliope hat das weise Heldenlied erfunden, Clio das süße Lied der schönchörigen Cither, Euterpe den hallenden Gesang des tragischen Chors. Melpomene hat den Sterblichen das überaus angenehme Barbiton, die holde Terpsichore hat ihnen die künstlichen Flöten gegeben. Zu allen Gesängen erfand Polymnia die Harmonie, Urania sang der himmlischen Gestirne Pol und Schwung, das komische Leben mit seinen artigen Sitten erfand Thalia."

Die alten Dichter haben nicht ermangelt, die Musen eben so, wie ihr Oberhaupt den Apollo, zu musikalischen Wettstreiten auffordern, und ihnen solche gewissen zu lassen, um dadurch ihre vorzügliche Geschicklichkeit in der Musik anzuzeigen. Der bekannteste dieser Wettstreite ist derjenige, wozu sie von den Sirenen aufgefordert wurden, die sich nachdem sie überwunden worden waren, zur Strafe ihrer Verwegenheit mußten die Federn aus den Flügeln reißen lassen. Zu einem gleichen Wettstreite wurden die Musen von den neun Töchtern des Pierus aufgefordert, die nach ihrer Ueberwindung in Elstern verwandelt wurden. Auch ein Sänger und Citharist, mit Namen Thamyris, wagte es zu Folge der Fabel, sich mit den Musen zu messen; <992> aber auch dieser wurde von ihnen überwunden, und verlor zur Strafe sein Gesicht, und das Vermögen ferner die Cither zu spielen.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 987/988):

Ueber den Sinn dieser Fabel sind die Mythologen sehr verschiedener Meinung, unter welchen vielleicht diejenige die wahrscheinlichste ist, welche die ganze Sache für eine bloße Allegorie hält, die weiter nichts enthalten soll, als daß vor der Erfindung der Lyre die Flöte dasjenige Instrument gewesen sey, welches jeden bereichert habe, der es gut hat spielen können. Als aber hernach die Lyre erfunden worden war, und man sahe, daß derjenige, der sie spielte, auch zugleich den Reiz des Gesanges damit vereinigen konnte, so habe die Flöte ihren vorzüglichsten Werth verloren, und es sey hernach nicht mehr so viel damit zu verdienen gewesen. Weil nun in jenen Zeiten noch ledernes Geld gebräuchlich war, so haben, sagt man, die Poeten gedichtet, Apollo habe durch die Erfindung der Lyre oder Cither dem Marsias die Haut abgezogen, oder ihn und die Flötenspieler um ihr ledernes Geld gebracht.