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Koch: Musikalisches Lexikon

Oper,

<1092> oder ernsthafte Oper, ital. Oper seria, oder auch Drama per musica, ist ein durchaus in Musik gesetztes Schauspiel, oder eine dramatische Vorstellung einer ernsthaften oder tragischen Begebenheit, welche durchgehends singend unter Instrumentalbegleitung vorgestellet wird.

Die Vereinigung mehrerer Künste, die bey der Oper statt findet, macht sie zu einem äußerst wichtigen Kunstwerke, über dessen Werth jedoch die Meinungen schon längst getheilet sind. Die Verschiedenheiten dieser Meinungen entstehen aus den verschiedenen Gesichtspunkten, aus welchen man dieses Kunstwerk betrachtet. So wenig auf der einen Seite geleugnet werden kann, daß die Oper in einzelnen Scenen einen außerordentlichen Grad von anziehendem Vergnügen gewähre, so wenig kann auf der andern Seite geleugnet werden, daß sich vieles in derselben dem Verstande widersinnig darstellet; daher sagt ein bekannter Schriftsteller:1

"In der Oper herrscht eine so seltsame Vermischung <1093> des Großen und Kleinen, des Schönen und Abgeschmackten, da0 ich verlegen bin, wie und was ich davon schreiben soll. In den besten Opern siehet und höret man Dinge, die so läppisch und abgeschmackt sind, daß man denken sollte, sie seyen nur da, um Kinder, oder einen kindisch gesinnten Pöbel in Erstaunen zu setzen; und mitten unter diesem höchst elenden, den Geschmack von allen Seiten beleidigenden Zeuge kommen Sachen vor, die tief ins Herz dringen, die das Gemüth auf eine höchst reizende Weise mit süßer Wollust, mit dem zärtlichsten Mitleiden, oder mit Furcht und Schrecken erfüllen. Auf eine Scene, bey der wir uns selbst vergessen, und für die handelnden Personen mit dem lebhaftesten Interesse eingenommen werden, folget sehr oft eine, wo uns eben diese Personen oft als bloße Gaukler vorkommen, die mit lächerlichem Aufwand, aber zugleich auf die ungeschickteste Weise, den dummen Pöbel in Schrecken und Verwunderung zu setzen suchen. Indem man von dem Unsinn, der sich so oft in der Oper zeiget, beleidiget wird, kann man sich nicht entschließen, darüber nachzudenken: aber sobald man sich an jene reizenden Scenen der lebhaftesten Empfindung erinnert, wünschet man, daß alle Menschen von Geschmack sich vereinigen möchten, um diesem großen Schauspiele die Vollkommenheit zu geben, deren es fähig ist. - Die Oper kann das größte und wichtigste aller dramatischen Schauspiele seyn, weil darin alle schöne Künste ihre Kräfte vereinigen u.s.w."

Diese Stelle enthält das Wichtigste, was in sehr vielen sich über die Oper verbreiteten Schriften2 für und wider dieses Kunstprodukt enthalten ist.

Die Oper, deren einzelne Theile, so wie in der Cantate oder in dem Oratorium, Recitative oder Accompagnements, <1094> Arien oder Cavatinen, oder auch Duette, Terzette und dergleichen, so wie auch Chöre ausmachen, ist italiänischen Ursprunges, und hat sich gegen das Ende des 16ten Jahrhundertes zu Florenz zu entwickeln angefangen. Um jene Zeit war die Vokalmusik größtentheils geistlichen Inhaltes, und bestand nächst dem Chorale in Missen, Psalmen und Motetten, die, wenn sie auch nicht immer reguläre Fugen ausmachten, dennoch in die fugenartige Schreibart eingekleidet, oder thematisch bearbeitet waren, und die man, je mehrstimmiger sie waren, für desto besser anerkannte. Die Vokalmusik, bey welcher der Text nicht geistlichen Inhaltes war, bestand aus Madrigalen, Canzonetten und aus den einzelnen Gesängen, die man in die damals bey besondern Feyerlichkeiten gewöhnlichen Helden- und Staatsaktionen einzustreuen pflegte, die aber eben so wie die geistliche Musik in die fugenartige Schreibart eingekleidet wurden, und äußerst selten aus weniger als vier obligaten Stimmen bestunden, denn der Sologesang war damals nicht gebräuchlich. Kurz, man kannte damals in der Musik kein anderes Ziel, als auf künstliche Nachahmungen und auf Vielstimmigkeit hinzuarbeiten. Darüber wurde die Melodie und der wahre Ausdruck der im Texte enthaltenen Empfindungen ganz aus dem Gesichte verloren und gänzlich vernachläßiget. Unter diesen Umständen konnte es nicht anders kommen, als daß die Worte des Textes gemißhandelt, der Sinn derselben ganz entstellt und verzerrt dargestellet wurden.

Es fehlt nicht an Klagen darüber, besonders da um diese Zeit die Dämmerung, welche die lange Nacht der mittlern Jahrhunderte in Ansehung der Künste und Wissenschaften noch zurück gelassen hatte, anfing, sich allmählig zu erhellen. Hierzu trug ohne Zweifel sehr vieles bey, daß nach der in der Mitte <1095> des 15ten Jahrhunderts erfolgten Zerstörung des griechischen Kaiserthums viele Nachkommen der alten Griechen, welche die Künste und Wissenschaften ihrer Voreltern so viel möglich unter sich zu erhalten gesucht hatten, sich in Italien niederließen, daselbst die griechische Sprache von neuem zu verstehen lehrten, und dadurch die alten griechischen Schriftsteller aufs neue in Schwung brachten. Wahrscheinlich waren dieses die vorbereitenden Umstände der Erfindung der Oper; denn gegen das Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich in dem Hause eines vornehmen Italiäners zu Florenz, der sich Kenntnisse in der griechischen Litteratur erworben hatte, mit Namen Giov. Bardi, eine Art von Gelehrtengesellschaft gebildet, welche auf den Einfall kam, ein der alten griechischen Tragödie so viel als möglich ähnliches Drama wieder herzustellen. Weil aber die Art, wie bey den Alten die Verse recitirt wurden, verloren gegangen war, und keine der damals gewöhnlichen und vorhin beschriebenen Gesangarten zu diesem Zwecke passend war, so versuchte ein Mitglied dieser Gesellschaft, Vicenzo Galilei, ein berühmter Lautenspieler und Tonsetzer seiner Zeit, einige Gedichte des Tante [Dante], und sodann die Klaglieder Jeremiä, auf eine solche Art in Musik zu setzen, wie man sich vorstellte, daß die Gedichte der alten Griechen abgesungen worden wären. Es war dieses eine Art von Sologesang, oder vielmehr eine Art von Psalmodie mit der Viola da Gamba begleitet, die er selbst in der oben erwehnten Gesellschaft zur allgemeinen Zufriedenheit aller Kenner absang. Durch diesen guten Erfolg aufgemuntert, fing ein andere Mitglied dieser Gesellschaft, Giulio Caccini, der ein guter Sänger und Komponist war, ebenfalls an, eine Menge solcher einstimmiger Gesänge zu setzen, welche die erste Anlage zum Recitative waren, die man damals nuova musica oder musica in stilo rappresentativo nannte. Diese Erfindung bahnte den Weg zum ersten Versuche einer Oper, zu welchem sich der Dichter Ottavio Rinuccini und Jacobo Peri, ein geschickter Sänger und Tonsetzer, <1096> vereinigten, und das Pastorale Daphne vollendeten, welches, weil Giov. Bardi sich nach Rom gewendet hatte, in dem Hause des Corsi, in welchem sich die Gesellschaft, nach des Bardi Abwesenheit von Florenz, versammelte, mit allgemeinem Beyfalle aufgeführt wurde. Dieser Oper folgten auf gleiche Art noch einige andere, bis im Jahre 1600 bey Gelegenheit der Vermählung des Königs Heinrich IV. die Oper Eurydice, von Rinuccini gedichtet und von Peri und Caccini komponirt, in Florenz öffentlich aufgeführt wurde.

Ein solches Drama wurde ganz in die neu erfundene Art des Recitatives eingekleidet, und diese Singart nur selten durch ein Chor unterbrochen; die Arie kannte man damals noch nicht. - Einige schreiben die eigentliche Erfindung des Recitatives dem Emilio del Cavaliero, einem römischen Patricier und Kapellmeister, zu, von dessen Komposition im Jahre 1590 zu Florenz zwey Pastorale: il Satiro und la Disperazione, aufgeführt worden sind, und der zugleich auch der Verfasser eines Oratoriums war, welches den Titel Anima et Corpo führte, in welchem ebenfalls der Dialog durchgehends in den Recitativstyl eingekleidet war, und welches man im Jahre 1600 zu Rom zum erstenmale aufführte. Cavaliero ist um so wahrscheinlicher der eigentliche Erfinder des Recitatives, weil ihn Peri selbst in der Vorrede zu seiner Oper Eurydice dafür anzuerkennen scheint.

In der Folge wurde dieses an guter Behandlung des Textes und der Deklamation desselben noch mangelhafte Recitativ von Giacomo Carissimi verbessert, der ums Jahr 1650 Päbstlicher Kapellmeister war. Aber erst gegen das Ende des 17ten Jahrhundertes wurde das Recitativ in der Oper von den übrigen Sätzen, nemlich vom Chore und von der Arie (die sich zu entwickeln angefangen hatte) abgesondert, so daß man mehr Abwechslung in den Verfolg dieses Kunstwerks brachte. Um diese Zeit gab Apostolo Zeno auch dem Texte der Oper eine bessere, und dem guten Geschmacke angemessenere Einrichtung, und verbannte <1097> aus derselben größtentheils die Götter und Wunderwerke.

Hamburg war ohne Zweifel der Ort, wo dieses neue, in Italien erfundene Kunstprodukt, zuerst in deutscher Tracht erschien, und sich auch durch Reinhard Keisers vortreffliche Komposition eine lange Reihe von Jahren ununterbrochen erhielt. An verschiedenen großen Höfen Deutschlands wurde die Oper, jedoch in italiänischer Sprache, und nicht durchs ganze Jahr fortdauernd, sondern nur zur Zeit der sogenannten Carnevals-Lustbarkeiten, eingeführt; an kleinern Höfen bediente man sich ihrer gemeiniglich nur bey außerordentlichen Feyerlichkeiten, wie z.B. bey Vermählungsfeyerlichkeiten, und bey Gelegenheit der Geburtsfeste der Regenten.

Anjetzt hat die komische Oper, und eine Mittelgattung, die theils aus ernsthaften, theils aus komischen Auftritten bestehet, und ebenfalls, wie die komische Oper, mit Dialog verbunden ist, und die man anjetzt gewöhnlich verstehet, wenn von Oper ohne besonderes Beywort die Rede ist, das ernsthafte Singspiel beynahe gänzlich von dem Theater verdrängt.

Ueber die Geschichte der italiänischen Oper hat der Jesuit Stefano Arteaga vom Jahre 1783 bis 1786 zu Bologna ein Werk in drey Bänden unter dem Titel: Le Revoluzioni del Teatro music. Itali. Della sua origine sino al presente, herausgegeben, von dem wir dem Herrn Doktor Forkel eine Uebersetzung mit Anmerkungen zu verdanken haben, die in zwey Oktavbänden im Jahre 1789 bey Schwickert in Leipzig unter dem Titel: Geschichte der italiänischen Oper, von ihrem ersten Ursprunge an bis auf gegenwärtige Zeiten, herausgekommen ist.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 1091/1092):

Sulzer, der in seiner allg. Theorie der schönen Künste, in dem Artikel Oper, die Schönheiten dieses Kunstwerkes sowohl als die Ungereimtheiten ganz unpartheyisch darstellet.

Fußnote 2 (Sp. 1093/1094):

Eine der wichtigsten Schriften dieser Art ist die Abhandlung von dem Grafen Francisco Algarotti unter dem Titel: Saggio sopra l'Opera, welche, von Raspe ins Deutsche übersetzt, in dem dritten Jahrgange der Leipz. wöchentlichen Nachrichten, die Musik betreffend, enthalten ist.