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Koch: Musikalisches Lexikon

Oratorium,

<1098> ist ein in Musik gesetztes darchaus lyrisches Drama religiösen Inhaltes zum gottesdienstlichen Gebrauche, welches zur Absicht hat, durch Darstellung einer wichtigen biblischen Geschichte, oder einer andern erhabenen religiösen Handlung die Herzen der Zuhörer mit andächtigen Empfindungen zu durchdringen. Es bestehet aus Recitativen, und aus Arien und Chören, die sich aber oft, so wie überhaupt unsere moderne Kirchenmusik, von der hohen Simplicität, wodurch sich die gottesdienstliche Musik auszeichnen sollte, zu sehr entfernen, und sich zu sehr nach dem Style der Opernmusik hin neigen. Man setzt den Ursprung der Oratorien in die Zeiten der Kreuzzüge zurück, wo ganze Haufen der Kreuzfahrer sich vereinigten, auf Straßen und <1099> öffentlichen Plätzen das Leben und den Tod des Erlösers, oder andere religiöse Begebenheiten zu besingen. Späterhin bekamen dergleichen Geschichten eine dramatische Form, denn im Jahre 1264 wurde in Rom eine geistliche Schauspieler-Gesellschaft unter dem Namen Compagnia del Gonfalone errichtet, deren Beruf es war, in der Charwoche die Leidensgeschichte des Erlösers dramatisch vorzustellen. Man nannte damals dergleichen religiöse Schauspiele Mysterien.

Die Form, welche die Oratorien anjetzt haben, erhielten sie in Italien erst in dem 17ten Jahrhunderte; und die Einführung, oder Erfindung derselben wird dem Heil. Philipp von Neri, Stifter der Congregation der Väter des Oratoriums, im Jahre 1540 zugeschrieben. Das erste Oratorium mit Recitativen wurde aber erst im Jahre 1600 unter dem Titel la rappresentatione di anima e di corpore von der Composition des Emilio de Cavaliere, des Erfinders des Recitativs, zum erstenmal aufgeführt. In diesem Stücke man weder Arioso noch Arie anzutreffen; alles bestand aus Recitativ mit untermischten Chören. Diese langweilige Form wurde aber hernach um das Jahr 1656 von Arcangelo Spagna abgeschafft, und das Oratorium wurde von demselben in eine bessere Form gebracht.