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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Siciliano,

<1382> oder alla Siciliana. Ein Tonstück von ländlich einfachem, <1383> aber zärtlichem Charakter, welches eine Nachahmung solcher Melodien enthält, nach welchen die Landleute in Sicilien zu tanzen pflegen. Es wird in einen sich langsam fortbewegenden 6/8 Takt gesetzt, und unterscheidet sich von dem Pastorale überhaupt durch seine langsamere Bewegung, und insbesondere dadurch, daß

  1. gemeiniglich von den drey ersten Achteln der ersten Hälfte des Taktes das erste durch einen Punkt verlängert, und die folgende kürzere Note an die längere angeschleift wird, und
  2. daß in der zweyten Hälfte des Taktes seltener Achtel, sondern mehrentheils Viertel mit zwey nachfolgenden Sechzehntheilen vorkommen. Durch diese Einrichtung erhält die Melodie des Siciliano ein eignes Gepräge und Metrum, wodurch es sich sehr fühlbar von allen übrigen Arten der Tonstücke unterscheidet. Ehedem war es als Adagiosatz in den Sonaten, in Concerten u.d.gl. Tonstücken sehr gebräuchlich, und erforderte einen ganz eigenthümlichen Vortrag. Das Schleppende, welches dabey zum Vorscheine kömmt, wenn die Melodie weit ausgeführt wird, ist ohne Zweifel die Ursache, warum man seit geraumer Zeit dieses Tonstück von so merklich sich auszeichnendem Charakter gänzlich vernachläßiget hat.1
Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 1383/1384):

Die weitläuftige Ausführung dieser Gattung der Tonstücke hat unter den ältern Tonkünstlern ein Sprüchwort veranlaßt, welches sich noch bis jetzt hier und da erhalten hat, und worzu der Organist Conrad Friedrich Hurlebusch zu Amsterdam Gelegenheit gegeben hat; man nennet nemlich jedes Tonstück, bey dem man anzeigen will, daß es durch seine weitläuftige Ausführung langweilig wird, und die Aufmerksamkeit ermüdet, Hurlebuschens Siciliano. Dieses kömmt daher: Hurlebusch, als ein sehr geschickter Clavierspieler, ließ sich in einem öffentlichen Concerte zu Amsterdam hören, und spielte ein Siciliano von weitläuftiger Ausführung. Einem seiner Zuhörer wird darüber die Zeit so lang, daß er noch vor dem Ende dieses Satzes den Concertsaal verläßt, den ihm aber des andern Morgens auf der Straße begegnenden Hurlebusch fragt, ob sein Siciliano schon zu Ende sey.