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Koch: Musikalisches Lexikon

Sinfonie

<1385> oder Symphonie. Ein vollstimmiges und ausgeführtes Instrumentalstück für ein ganzes Orchester, welches ursprünglich dazu bestimmt ist, einem großen Singstücke, oder einer Kammer- oder Concertmusik zur Einleitung zu dienen1, anjetzt aber auch bey andern Gelegenheiten, z.B. bey dem <1386> Schlusse eines Concerts oder zwischen den Akten einer Komödie u.s.w. gebraucht wird.

Weil die Instrumentalmusik überhaupt nichts anders ist, als Nachahmung des Gesanges, so vertritt die Sinfonie insbesondere die Stelle des Chors, und hat demnach, so wie das Chor, den Ausdruck der Empfindung einer ganzen Menge zum Zwecke; daher ist man auch bey der Ausführung derselben gewohnt, jede der vier Hauptstimmen, nemlich die erste und zweyte Violine, die Viole und den Baß, vielfach zu besetzen.

Die ältern Sinfonien wurden entweder bloß von diesen vier Hauptstimmen ausgeführt, oder man bediente sich dabey nur weniger Blasinstrumente; anjetzt aber ist man gewohnt, zu dieser Gattung der Tonstücke alle zu einem vollständigen Orchester gehörigen Blasinstrumente in der Form der Füllstimmen zu setzen, um das Ganze desto kräftiger und volltönender zu machen.

Man unterscheidet die Sinfonie nach der besondern Art der Musik, der sie zur Einleitung dienet, in die Oper- Kirchen- und Kammersinfonie. Sulzer beschreibt sie in seiner allg. Theorie der schönen Künste auf eine treffende Art in folgenden Worten:

"Die Symphonie ist zu dem Ausdrucke des Großen, des Feyerlichen und Erhabenen vorzüglich geschickt. Ihr Endzweck ist, den Zuhörer zu einer wichtigen Musik vorzubereiten, oder in einem Kammerkonzert alle Pracht der Instrumentalmusik aufzubieten. Soll sie diesem Endzwecke vollkommen Genüge leisten, und ein mit der Oper oder Kirchenmusik, der sie vorhergeht, verbundener Theil seyn, so muß <1387> sie neben dem Ausdruck des Großen und Feyerlichen noch einen Charakter haben, der den Zuhörer in die Gemüthsverfassung setzt, die das folgende Stück im Ganzen verlangt, und sich durch die Schreibart, die sich für die Kirche, oder das Theater schickt, unterscheiden."

"Die Kammersymphonie, die ein für sich bestehendes Ganzes, das auf keine folgende Musik abzielet, ausmacht, erreicht ihren Zweck nur durch eine volltönige, glänzende und feurige Schreibart. Die Allegros der besten Kammersymphonien enthalten große und kühne Gedanken, freye Behandlung des Satzes, anscheinende Unordnung in der Melodie und Harmonie, stark marquirte Rhythmen von verschiedener Art, kräftige Baßmelodien und Unisoni, concertirende Mittelstimmen, freye Nachahmungen, oft ein Thema, das nach Fugenart behandelt wird, plötzliche Uebergänge und Ausschweifungen von einem Ton zum andern, die desto stärker frappiren, je schwächer oft die Verbindung ist, starke Schattirungen des Forte und Piano, und vornehmlich des Crescendo, das, wenn es zugleich bey einer aufsteigenden und an Ausdruck zunehmenden Melodie angebracht wird, von der größten Wirkung ist. - Ein solches Allegro in der Symphonie ist, was eine pindarische Ode in der Poesie ist: es erhebt und erschüttert, wie diese, die Seele des Zuhörers, und erfordert denselben Geist, dieselbe erhabene Einbildungskraft, und dieselbe Kunstwissenschaft, um darin glücklich zu seyn."

Das erste Allegro der Sinfonie, auf welches die so eben eingerückte Beschreibung vorzüglich angewendet werden muß, hat zwey Theile, die der Tonsetzer bald mit, bald ohne Wiederholung vortragen läßt. Das Andante oder Adagio, als der zweyte Satz einer Sinfonie hat keinen so nahe bestimmten Charakter, sondern ist oft von angenehmem, zärtlichem, oder traurigem Inhalte, und wird entweder in die dem ersten Allegro gleiche Form, doch ohne so weit ausgedehnt zu seyn, eingekleidet, <1388> oder es erscheint in der Form eines Rondo, oder es enthält auch Variationen über einen kurzen Andante- oder Adagiosatz, der gewöhnlich aus zwey Theilen bestehet, deren jeder acht Takte enthält. Beyspiele dieser letzten Form findet man vorzüglich in sehr vielen Sinfonien von Haydn, der sich nicht allein im Adagiosatze der Sinfonie dieser Form zuerst bedienet, sondern auch vorzügliche Meisterwerke in derselben geliefert, und überhaupt diese Gattung der Tonstücke zu dem Grade der Vollkommenheit erhoben hat, in welchem sie anjetzt ausgeübt wird.

Das letzte Allegro hat mehrentheils einen fröhlichen oder scherzenden Charakter, und erscheint am gewöhnlichsten in der Form des Rondo.

Die Opern- und Kirchensinfonien bestehen gemeiniglich nur aus einem einzigen Satze von geschwinder oder mäßig geschwinder Bewegung, welcher, wie vorhin schon erinnert worden ist, den Charakter desjenigen Stückes annehmen muß, dem es zur Einleitung dienet.

Von der Einrichtung der Sinfonie in Rücksicht auf Form und Periodenbau wird in dem 4ten Abschnitte des dritten Theils meiner Anleitung zur Komposition gehandelt.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 1385/1386):

Diese Gattung der Tonstücke entwickelte sich in dem ersten Viertel des verwichenen Jahrhunderts, und zwar nach Sulzers Meinung auf folgende Art.

"Die Schwierigkeit eine Ouvertüre gut vorzutragen, und die noch größere Schwierigkeit, eine gute Ouvertüre zu machen, hat zu der leichteren Form der Symphonie, die Anfangs aus ein oder etlichen fugirten Stücken, die mit Tanzstücken von verschiedener Art abwechselten, bestand, und insgemein Partie genannt wurde, Anlaß gegeben. Die Ouvertüre erhielt sich zwar noch vor großen Kirchenstücken und Opern; und man bediente sich der Partien bloß in der Kammermusik: allein man wurde der Tanzstücke, die ohne Tanz waren, auch bald müde, und ließ es endlich bey ein oder zwey fugirten oder unfugirten Allegros, die mit einem langsamern Andante oder Largo abwechselten, bewenden. Diese Gattung wurde Symphonie genannt, und sowohl in der Kammermusik, als vor Opern und Kirchenmusiken eingeführt, wo sie noch jetzt im Gebrauche ist."