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Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Tanzmusik.

<1493> Dieses ist die allgemeine Benennung, womit man sowohl die Musik zu gesellschaftlichen Tänzen, als auch die zu den theatralischen und pantomimischen Tänzen nöthige musikalische Begleitung bezeichnet.

"Jeder Tanz, der ein Ganzes vorstellen soll," (sagt Sulzer) "verlangt ein Geräusch neben sich, das in rhythmische Glieder getheilt ist, nach denen der Tänzer seine Schritte einrichtet, und wodurch die Regelmäßigkeit und Ordnung des Tanzes sinnlich wird. Hierzu wäre ein Instrument hinlänglich, das weiter nichts musikalisches hätte, als daß es rhythmische Schläge hören ließ, z.B. die Trommel, wodurch eine große Anzahl Tänzer in gleichem Schritte erhalten werden könnten; auch lehrt uns die Geschichte, daß einige noch wilde Nationen bloß nach solchen lärmenden Trommelschlägen tanzen."

Weil aber dem Geschmacke ein bloß nach rhythmischen Schlägen abgetheilter Schall bald zum Eckel wird, so sind alle Nationen, die sich aus dem rohen Zustande der Natur herausgewunden haben, gewohnt, ihre Tänze mit solchen Melodien zu begleiten, die theils dem Charakter des Tanzes entsprechen, theils aber auch diejenigen rhythmischen Schläge sehr fühlbar darstellen, nach welchen der Tänzer seine Schritte einrichtet.

<1494> In den ältesten Zeiten scheinen bey allen kultivirten Nationen Tanz und Gesang unzertrennlich verbunden gewesen zu seyn. Man tanzte nach gewissen allgemein bekannten Liedern, die gesungen wurden, so wie es auch noch heut zu Tage nicht nur außerhalb Europa, sondern auch in einigen europäischen Staaten, wie z.B. in Spanien, noch zuweilen üblich ist. (Siehe Bolero.) In der Folge wurden die Tanzfiguren nach und nach so mannigfaltig, und erforderten einen solchen Grad von körperlicher Bewegung, bey welcher es unmöglich wurde zugleich zu singen. Man ließ daher anfänglich die Melodie der bey den Tänzen üblich gewesenen Lieder wahrscheinlich bloß auf Instrumenten spielen, bis allmählig die Erinnerung an den poetischen Inhalt dieser Lieder verloren ging, und man sich bloß an der Instrumentalmusik zur Begleitung der Tänze begnügte; und so kam es endlich dahin, daß ein und eben derselbe Tanz nach mehrern Melodien, die jedoch eine und ebendieselbe rhythmische Einrichtung hatten, getanzt wurde.

Es ist bekannt, daß die Hauptzüge des Charakters einer jeden Nation sehr fühlbar in ihre Tänze und Tanzmelodien überzugehen pflegen; daher ist das Studium des Charakters der Nationaltänze für einen Tonsetzer, dem daran gelegen ist, sehr treffende Charaktere in kurzen Melodien auszudrücken, eben so nutzbar, als für den praktischen Tonkünstler das Studium ihres richtigen und passenden Vortrages. Es würde hier zu weitläuftig seyn, in diesen vielumfassenden Gegenstand tiefer einzugehen, der einer weitläuftigern Abhandlung werth ist, als der Zweck dieses Werkes erlaubt.

Von den verschiedenen Arten der Tänze wird unter ihren eigenthümlichen Namen in besondern Artikeln das Nothwendigste angezeigt.