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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 3

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D.G. Türk: Klavierschule (1789)

Das Hauptwerk unter den älteren Schulen ist nun das mehrfach erwähnte, nämlich: Daniel Gottlob Türk's "Klavierschule oder Anweisung zum Klavierspielen." [Leipzig] 1789. In einer neuen Auflage 1802.

Der Inhalt dieses Werkes ist in möglichst gedrängter Uebersicht folgender. Die Einleitung enthält eine Aufzählung aller Arten von Tasteninstrumenten, wobei Guido von Arezzo als der Erfinder des Klaviers oder Klavichordes bezeichnet wird. - Die Haltung des Spielers wird etwas anders als bei Marpurg angegeben, nämlich die Entfernung von der Tastatur 10-14 Zoll. Die Hände sollen einige Zoll tiefer sein als der Ellenbogen; der Mittelfinger wird <54> eingebogen, der Daumen gerade aus, der fünfte je nach Bedürfniß ausgestreckt oder gekrümmt gehalten. (Man vergleiche diese Regel mit der Angabe Marpurg's und mit der Handstellung Seb. Bach's, die im zweiten Kapitel beschrieben wurde.) Die Finger dürfen nicht zu nahe beisammen stehen, sie allein sollen spielen, der übrige Theil ruhig sein, nur bei Sprüngen findet eine kleine Bewegung der Hände und Arme statt. Außerdem müssen die Hände so wenig wie möglich einwärts gehalten werden, und beim Staccato nicht minder als beim Legato in gleicher Höhe über der Tastatur verharren. Besondere Berücksichtigung verlangen der vierte und fünfte Finger, die strengste Bindung ist stets zu beobachten. - Außerdem darf die Haltung des Spielers nicht gekrümmt sein, und die Füße müssen fest aufstehen.

Mit Uebergehung einiger allgemeiner Winke über das Studium wenden wir uns sofort zur eigentlichen Ausführung der Lehrmethode. Das erste Kapitel behandelt die gewöhnlichen Elemente, das zweite im ersten Abschnitt den Takt. - Die Kunst, den Takt zu lehren, ist eine noch heut zu tage nicht erschöpfte Frage, und beachtenswerth ist das, was Türk darüber sagt: "Das Takthalten ist wichtiger als die Ausbildung der Geläufigkeit". Zu seiner Vorübung soll der Schüler den Takt schlagen, während der Lehrer spielt. Vorausgesetzt wird aber einige Fertigkeit in der Notenkenntniß. Zuerst spiele der Schüler lauter gleich lange Noten mit einer Hand, sodann von verschiedener Gattung, wobei der Lehrer den Baß übernimmt, drittens mit beiden Händen erst gleich lange, sodann verschiedene Notenarten. Die Eintheilung kleinerer Noten ist schwerer; ein festes Eintreten der Taktanfänge ist zwar ein nöthiges, aber nicht ausreichendes Kennzeichen, und muß die Genauigkeit bis ins Einzelne gehen. Die schwierigen Fälle im Zusammenspiel ungleicher Notengattungen sind im Anfang noch zu umgehen. Das laute Zählen des Schülers ist dabei nützlich, kann später erst weggelassen werden, muß aber in schwierigen Fällen <55> immer wieder eintreten.

Hierauf folgt ein Abschnitt über die Bewegung und den Charakter eines Tonstücks. Absolut genommen, läßt sich die Geschwindigkeit nicht genau bestimmen; interessant ist die dabei mitgetheilte Notiz von Quantz, welcher für jeden halben Takt eines allegro assai die Schnelligkeit eines Pulsschlages festsetzt, im Allegro den Gang eines Viertels, im adagio cantabile den eines Achtels, im adagio assai die Dauer eines halben Achtels auf einen Pulsschlag nimmt. Tonstücke im Alla breve-Takt sollen aber auf jeden Pulsschlag einen ganzen Takt bringen.

Nachdem im dritten Kapitel die theoretischen und terminologischen Elemente abgehandelt worden, folgt im vierten eine sehr ausführliche Beschreibung der Fingersetzung. - Dieselbe ist durch die klare Einsicht in das Wesen der Hand sehr beachtenswerth und findet sich, Czernys Schule ausgenommen, nirgends in solcher Genauigkeit wieder. Wie bei Bach's Werke bereits bemerkt wurde, ist eine Ausführung im Detail, theoretisch genommen, nicht möglich, und wir enthalten uns bei der Mittheilung dieses nicht unwichtigen Kapitels der ins Einzelne sehr weit eindringenden Angaben Türk's. Wichtiger sind folgende allgemeine Prinzipien.

Die bequemste Fingersetzung ist die beste, d.h. diejenige, wobei die Hand am ruhigsten bleiben kann. Diese Bequemlichkeit beruht aber auf der Natur der Sache, nicht auf unüberlegt angeeigneten Gewohnheiten. Der Fingersatz muß immer mit Rücksicht auf die Folge der nächst kommenden Noten eingerichtet werden.

Nach diesen ganz allgemeinen Grundsätzen ergeben sich folgende zehn Hauptregeln:

  1. Der fünfte Finger und Daumen werden nur im Nothfalle auf eine Obertaste gesetzt, z.B. bei Sprüngen, Spannungen, oder wenn der höchste Ton in der rechten Hand (für die linke gilt <56> allemal die entgegengesetzte Bestimmung) den Eintritt des fünften bequem erscheinen läßt.
  2. Man darf nicht mit einem Finger hintereinander zwei Tasten bespielen. Nur bei Pausen und beim Staccato ergeben sich Ausnahmen.
  3. Wenn bei aufwärts fortschreitenden Stellen die Finger der rechten Hand nicht ausreichen, setzt man den Daumen unter, "man steckt, biegt oder zieht ihn herunter, man läßt ihn gleichsam unvermerkt unter den andern Finger kriechen". Ein Untersetzen unter den fünften ist nicht erlaubt.
  4. Reichen bei abwärts gehenden Stellen die Finger nicht aus, so setzt man längere Finger über den Daumen, nur nicht den fünften, besonders nicht wenn der Daumen auf einer Obertaste steht. Man kann auch den dritten über den vierten, vierten über den fünften, dritten über den fünften setzen, vorausgesetzt, daß der kürzere Finger nicht auf einer Obertaste steht. Im äußersten Nothfalle setzt man auch 3 über 2 [FN: Die Zahlen bedeuten die entsprechenden Finger.], oder gar einen kürzeren Finger über einen längeren.
  5. Den Daumen setzt man gern vor oder nach einer Obertaste ein.
  6. Man gebraucht die Finger, wie sie der Reihe nach folgen, bei stufenweisen Tonfolgen.
  7. Oft muß man, dieser Regel entgegen, außer der Reihe einen Finger einsetzen, z.B. 5 neben 2.
  8. Bei Intervallen, die größer als eine Secunde sind, läßt man so viel Finger ungebraucht, als Noten übersprungen werden, z.B. bei einer Terz einen Finger; doch kommen auch Ausnahmen vor.
  9. Bei schnell wiederholten Tönen wechselt man mit den Fingern ab, der fünfte wird meist ausgelassen.
  10. <57> Häufig müssen zwei oder mehrere Finger auf einer Taste sich ablösen, ohne dieselbe wieder anzuschlagen.

Nach diesen Regeln im ersten Abschnitt wird der Fingersatz im zweiten Abschnitt für eine große Menge besonderer Fälle im einzelnen noch weiter ausgeführt. Zunächst für die Tonleiter, wo unter andern für C-dur noch der Fingersatz 2 3 4 3 4 3 4, also nach alten Regeln, angeführt wird. Hierauf folgen Doppelgriffe, in genauer Folge von der Secunde an bis zu Nonen und Decimen; diesen schließen sich drei-, vier-, fünfstimmige Griffe an, und der letzte Abschnitt behandelt das Ueberschlagen der Hände, sowie die Vertheilung der Stimmen im polyphonen Spiel unter die beiden Hände.