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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

S. 356 - Texterweiterung der 8. Auflage (1920)

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<*336> [Fußnote]:
Die wichtigste ältere Schrift über die Anwendung des Pedals ist Louis Köhlers "Der Klavierpedalzug, seine Natur und künstlerische Anwendung", Berlin 1882; die in seiner "Systematischen Lehrmethode für Klavierspiel und Musik", S. 148-152 der 2. Aufl. (1872) gegebenen Ausführungen verfolgt in breiterem Masse Hans Schmitts "Das Pedal des Klaviers", Wien 1875, 4. Aufl. 1907 (Doblinger). Ausgezeichnet pädagogisch und Instruktiv sind auch Hugo Riemanns Ausführungen im 1. Theil seiner "Vergleichenden Klavierschule" s. o.), 4. Ausg., S. 11 ff. Alle legen den Hauptnachdruck auf die richtige Anwendung des "Zwischentretens" (nachgetretenes, synkopiertes Pedal); Riemann weist mit Recht auf die Wichtigkeit der Dämpfung im Moment des Anschlags, besonders beim sforzato- und accentuierten Einsatz hin. Der Schüler muß sich - so sagt Riemann mit Recht gleich Mar. Jaell - an die Einsicht gewöhnen, daß er im Klavier mit aufgehobener Dämpfung die eigentliche Naturform des Instruments vor sich hat und im Pedal lediglich ein Mittel an die Hand bekommt, das Nachklingen von, zu den neu angeschlagenen nicht harmonirenden Tönen zu verhindern. Zur Erzielung eines singenden Legato muß die Taste durch Druck bis zum Erklingen des neuen Tones festgehalten werden. Bei mssiger Tonstärke wird das Handgewicht ausreichen, beim Crescendo und Forte noch ein Druck durch die Armmuskeln hinzutreten müssen. Zur Verhütung von nachklingenden Schwebungen muß aber die alte Taste im Augenblick des neuen Anschlages sofort losgelassen werden. - Für die ältere Methodik wird die Anwendung des Pedals einfach immer da freigegeben, wo die Harmonie dieselbe bleibt, und diese Generalregel schleppt sich in derselben summarisch-primitiven Form noch hin in die neuesten Klavierschulen, die eben dem Pedal leider meist nur eine durchaus ungenügende Beachtung schenken. Die Wichtigkeit des Pedalgebrauches unmittelbar nach dem Anschlage ahnt zuerst Kalkbrenner der vorsichtigste Mann des Pedals war Hummel. Spezialschriften für seine eigene, vier Pedaltritte zur streckenweisen Dämpfer-Aufhebung fordernde (längst vergessene) Kunstpedal-Erfindung sind Ed. Zachariaes vollständige große bzw. kleine Kunstpedalschule, Frankurt a.M. 1869 bzw. Stuttgart 1871.

Von neuesten Schriften aber das Pedal seien u.a. a. als bemerkenswerth hervorgehoben: G. Stoewes "Die wichtigsten Regeln für den Pedalgebrauch" (im allgemeinen auf Schmitt fussend) und L. Köhler, "Geschichtliches über den Pedalgebrauch", beides in Em. Breslaurs "Methodik des Klavier-Unterrichts in Einzelaufsätzen", Berlin, N. Simrock, 1886 (1896); Joh. Buwa, "Zur Reform der Klavierpedalschrift", Graz 1884; Alfr. Quidant, L'âme du piano; Essai sur l'art des deux pédales, Paris 1888, Maquet & Co.; G. Falckenberg, "Les pédales du Piano", 1895; S. v. N.'s [nach Buschorzeff] (sehr gründlicher) "Leitfaden zum richtigen Gebrauche des Pianoforte-Pedals", Leipzig, Bosworth; M. Puttmann, "Das Klavier-Pedal", "Daheim", 1903; Nr. 20, 23 (Hausmusik), Alb. Lavignac, "Ecole de Pédale", ferner die betreffenden Abschnitte in M. Jaells "Die Musik und die Psycho-Physiologie", (deutsche Ausgabe, S. 106 ff.) und Breithaupt (s.o. S. 228-233). Die wichtigste und erschöpfendste moderne Spezialschrift über das Pedal ist Leonid Kreutzers "Das normale Klavierpedal vom akustischen und ästhetischen Standpunkt", Leipzig 1915, Breitkopf & Härtel. Klavierstudien für das Dämpferpedal von Arthur Whiting, New-York, Schirmer (Leipzig, Fr. Hofmeister). Pedalstudien op. 56 in Form poetischer Vortragsstücke mit interessantem, mittels der bis auf [Sonderzeichen] (Verschiebung, una corda) beibehaltenen alten Pedalnotierung den Einzelfall scharfsinnig kommentirenden Text von Adolf Ruthardt (Leipzig, R. Forberg). Puttmann formuliert mit Riemann, Ruthardt, Kreutzer u. a. (s. u.) seine Gebrauchsanweisung fürs Pedal in dem sehr richtigen Satz: "Man trete das Pedal immer erst kurz nach dem erfolgten Anschlag der Tasten!" Es läßt sich in Ergänzung der von Ad. Kullak oben gegebenen Regeln auch mit Erfolg da anwenden, wo es sich um Akkorde, die außer Spannweite der Hand liegen, handelt, bei gebundenen Akkorden <*337> (Beethoven, op. 7, 2. Satz, T. 22) und bei langen Noten und Akkorden, um der Hand ein wenig Ruhe zu gönnen oder den nächsten Anschlag sorgfältig vorzubereiten. - M. Jaell bringt in ihrem kurzen Pedalkapitel Gutes, zum Theil tief Durchdachtes, doch nichts Neues, geht aber in dem Pedal-Purismus bei Bach und Beethoven zu weit und kommt zu den richtigen Schluß-Sätzen: "Das Pedal ist am besten ebensolange zu nehmen wie aufzuheben." "Indem man lernt, das Pedal mehr und mehr zu entbehren, ohne daß das Spiel weniger lebendig, weniger ausdrucksvoll erscheint, bildet sich das Urtheil über die richtige Verwendung desselben." Jaell warnt mit Recht vor übermäßigem Gebrauch desselben und rät, es nicht zu lange oder zu schnell nach dem Aufheben wieder zu nehmen. Daß die Verfasserin die Pedalkunst eine Kunst das Pedal aufzuheben, nennt, ist richtig, nur wird ihre Forderung, das Pedal bei gleichbleibender Harmonie zur Hälfte vor Uebertritt in eine andre aufzuheben, als übertrieben beanstandet werden. Der Missbrauch des Pedals ist ein dilettantenhaftes Verbergenwollen eigener technischer Mängel. - Kreutzer unterscheidet je nach dem Zweck der Anwendung des Pedals ein akustisches (zur verstärkten Resonanz einzelner Töne und Akkorde), Bindungs- (Bindung einzelner oder entfernter Noten und Akkorde, Vervollständigung des Fingerlegato, Notengruppierung nach akkordlicher Zusammengehörigkeit) und rhythmisches Pedal (zur Charakterisierung verschiedener Tanzrhythmen, Eintheilung von Passagen usw.). - Breithaupt stellt folgenden Grundsatz für die Anwendung des Pedals auf S. 228): "Alle drei Pedale müssen logisch begründet sein, d.h. einem ästhetischen oder dynamischen Zwecke dienen, Ihre Anwendung muß durch die Beschränkung der einfachen Dynamik eine natürliche Erklärung finden ... Eine instrumental-künstlerische Dynamik und Aesthetik bezieht die Pedalwirkung erst dann und nur insoweit ein, als die Ausdrucksfähigkeit der einfachen Instrumentalität für die musikalisch-künstlerische Gestaltung nicht ausreicht und der musikalische Ausdruck ihrer notwendigerweise als einer Belebung bedarf." Der Autor macht neben vielem Bekannten auf die eigenartigen Klangwirkungen aufmerksam, die aus einem Halten bzw. sthummen Nachdrücken einzelner Töne wie ganzer Harmonien bei gleichzeitiger Aufhebung jeglicher Pedale entstehen, ebenso darauf, daß man einen Ton durch mehrmaliges Nachtreten des Pedals dynamisch abschattiren kann, endlich, daß voller und leichter Tritt der Pedale mit der erreichten Wirkung in engster Wechselbeziehung steht. Zum Schluße macht er, in der richtigen Erkenntniß, daß die gewöhnliche Pedalvorzeichnung nicht immer genügt da sie die Forderung des verschiedenen Tretens nicht immer graphisch verdeutlichen kann, einige Vorschläge zur Besserung. Er empfiehlt für Aufhebung bzw. Eintritt des Pedales vor einem Ton oder Chor: * Ped., bei demselben * / Ped. und nach demselben Ped. / * zu schreiben und diese Schreibweise international einzuführen, am liebsten aber die Atemzeichen der Gesangskunst [Sonderzeichen] einzuführen und die alten Pedalisierungszeichen völlig fallen zu lassen. - Doch dürften sich diese wie alle linienartigen oder punktirten, schlangenförmigen oder (Köhler) nach Art der Triangelnotation vorgezeichneten oder die acht verschiedenen, von S. v. N. (s. o.) vorgeschlagenen: [Sonderzeichen] (Treten), [Sonderzeichen] (Aufheben), [Sonderzeichen] (kurz), [Sonderzeichen] (sehr kurz), [Sonderzeichen] (Nachtreten), [Sonderzeichen] (Halbpedal in verschiedener Anwendung) oder die von Theodor Wiehmayer (Neue Instruktive Ausgabe klassischer Klavierwerke, Heinrichshofen) mit zwingender Logik verwandten Zeichen. [Sonderzeichen] (loslassen), [Sonderzeichen] (wechseln, d.h. loslassen und sofort wieder nehmen), [Sonderzeichen] (nehmen und sogleich wieder loslassen, zur Verstärkung von Staccato-Akkorden), [Sonderzeichen] (Dämpferpedal nehmen), [Sonderzeichen] (Dämpferpedal loslassen) -, Versuche einer möglichst exakten Pedalbezeichnung, von denen die immer wieder auftauchende, von Zuschneid (a. a. O., S. 58) z.B. empfohlene P_____ wohl die einleuchtendste und empfehlenswertheste wäre - vorläufig kaum einbürgern. Der Erfinder des Pedals (Christ. E. Friederici [1712-1790]?) ist noch nicht ermittelt. Vgl. Wilh. Tapperts "Zum Nachdenken", Rhein. Musikzeitung 1905, 30. Sept. (VI,20).

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