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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 18

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<387> Es kommt aber auch bei dem Klavierspieler nicht darauf an - erst Poesie zu üben und den Gehalt einer Sonate aufzuschreiben - bevor er sie studire, er soll nur bei der unendlichen Fülle der Tonbeziehungen zu seinem Leben oder zu dem Leben überhaupt - von der Anschauung ausgeben, daß jedes edle Tonwerk lyrischer Ausdruck von einer so eigenen, naturwüchsig mächtigen Tiefe ist, daß die Seele das Schönste, was sie im Leben gefühlt hat - nur in ihm wiedergeben kann. - Will er eine Auslegung unternehmen - so beherzige er, daß jede nur ein Beispiel ist von dem, was sich in den Tönen in viel umfassenderer Fülle birgt. Beethoven's Cis-moll-Sonate ist weder das Bild eines Kirchofs, noch eines Tempels, noch einer entsagenden Liebe, noch eines inneren Kampfes - sie ist mehr als das - sie ist das Bild des Urquells der Gefühle, die in solch einzelnen Situationen sich ähnlich angeregt finden - jenes Urquells der Poesie, aus welchem die Melancholie bei so oder so viel Anlässen des wirklichen Lebens sich erzeugt. Und so ist es mit jeder Stimmung, die sich in Tönen ausspricht. Der musikalische Inhalt ist einen Grad weniger entwickelt - als der, den der poetische Redekünstler aus dem Werke herausdeuten kann - der letztere bildet aus dem Tonstoffe, aus dieser Wildniß, diesem Chaos einer noch unvollendeten, ungeschiedenen Welt eine einzelne Szene, verliert darüber aber die Fülle des Stoffes, der sich bei der Bildung nicht wollte mitverwenden lassen, und der in seinem Schooße noch vieles birgt. -

Denken an lebendige Beziehung soll und muß der Spieler. Das Tonwerk ist immer ein Gedicht - seine Stimmungen lassen sich am besten durch poetischen Vergleich andeuten - wohl dem Virtuosen, dem das Bewußtwerden musikalischen Inhalts in sprachlichen Bildern geläufig ist - er soll nur darüber nicht vergessen, daß diese eben nur Andeutungen bleiben und der eigentliche Inhalt ein größerer ist.

<388> Möge diese kurze Vergegenwärtigung des der allgemeinen Musikästhetik angehörigen Stoffes Anregung geben, denkend nicht minder als fühlend in die Eigenthümlichkeiten der Klavierwerke einzudringen. Das Fühlen ist um so schöner, je mehr es vom Denken vergeistigt wird. - Der Spieler begnüge sich nicht, seinem blinden Gefühlsgeschmacke Alles zu überlassen; in Allen liegt ein Schönheitsgesetz, das durch Nachdenken erkannt sein will. Bei vielen Werken mag die sinnliche Macht einer schönen Technik den Inhalt erschöpfen - das Schöne der Mechanik, das im vorigen Theile besprochen wurde, ist da der Inhalt des Werkes - der Spieler muß aber eben unterscheiden. Die hohen Schöpfungen eines Bach, Beethoven, Schubert, Schumann, Chopin, Mendelssohn nehmen solcherlei Schönheit als Voraussetzung; ihr eigentlicher Kern liegt tiefer.

Denken und Forschen - das Werk in allen seinen Atomen studiren - alle Schönheitselemente auf bewußtes wissenschaftliches Erkennen zurückführen - dies ist die Aufgabe. Ob zwar das Klavierspiel zunächst nur reproducirende Kunst ist, so ist der ihm zugrunde liegende Stoff doch ohne den höchsten Bildungsgrad des Darstellers nicht wiederzugeben. Der Spieler erfülle sich mit dem Geist des Ganzen. Ihn zu erfassen, neben dem Klavierstudium den Blick gespannt zu erhalten auf das ganze Gebiet der Tonkunst, und ihn über dieses hinausschweifen zu lassen auf möglichst viele Wissenschaften - vor allem auf Aesthetik und Psychologie - die ganze Lebensanschauung mit sinniger Poesie, mit einer sittlichen Idealität im Wollen, im Streben, im Ringen zu erfüllen, sei der letzte Fingerzeig, mit welchem die Aesthetik des Klavierspiels ihr Werk beschließt.