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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 12

[Die Kapitel 10 und 11 des zweiten Teils sind noch nicht erfaßt.]

12. Vom Unterschiede zwischen den Sing= und Spiel=Melodien. [§. 1-47]

<203> [...]

<207> §. 30. Der allerbekannteste [...] Unterschied zwischen unsern Sing= und Spiel=Melodien ist wol dieser: daß die Instrumentalisten mit keinen Worten zu thun haben, wie die Sänger. Allein hiebey ist etwas sehr unbekanntes, oder wenigstens unbemercktes anzutreffen. Nehmlich, daß die Spiel=Melodie zwar der eigentlichen Worte, aber nicht der Gemüthsbewegung entbehren kan. Wie unsre meisten heutigen Concertmacher und Noten=Väter auf diesen Punct antworten wollen, das weiß ich nicht. Sie werden die Grund=Sätze verläugnen, und den wahren Zweck der Music lieber verrücken, als hierin nachgeben: welches sie zwar practice, doch nimmer theoretice thun können.

§. 31. Weil inzwischen das rechte Ziel aller Melodie nichts anders seyn kan, als eine solche Vergnügung des Gehörs, dadurch die Leidenschafften der Seele rege werden: so wird mir ja niemand dieses Ziel treffen, der keine Absicht darauf hat, selber keine Bewegung spüret, ja kaum irgend an eine Leidenschafft gedenckt; wenn es nicht etwa eine solche ist, die sich wieder seinen Willen im Beutel hervorthut. Wird er aber auf eine edlere Art gerühret, und will auch <208> andre mit der Harmonie rühren, so muß er wahrhafftig alle Neigungen des Hertzens, durch blosse ausgesuchte Klänge und deren geschickte Zusammenfügung, ohne Worte dergestalt auszudrucken wissen, daß der Zuhörer daraus, als ob es eine wirckliche Rede wäre, den Trieb, den Sinn, die Meinung und den Nachdruck, mit allen dazu gehörigen Ein= und Abschnitten, völlig begreiffen und deutlich verstehen möge. Alsdenn ist es eine Lust! dazu gehöret viel mehr Kunst und eine stärckere Einbildungs=Krafft, wenns einer' ohne Worte, als mit derselben Hülffe, zu Wege bringen soll.

§. 32. Nun dürffte man schwerlich glauben, daß auch so gar in kleinen, schlecht=geachteten Tantz=Melodien die Gemüths=Bewegungen, so sehr unterschieden seyn müssen, als Licht und Schatten immermehr seyn können. Damit ich nur eine geringe Probe gebe, so ist z.E. bey einer Chaconne der Affect schon viel erhabener und stöltzer, als bey einer Passacaille. Bey einer Courante ist das Gemüth auf eine zärtliche Hoffnung gerichtet. Ich meine aber keine welsche Geigen=Corrente. Bey einer Sarabande ist lauter steife Ernsthafftigkeit anzutreffen; bey einer Entree geht der Zweck auf Pracht und Eitelkeit; bey einem Rigaudon auf angenehmen Schertz; bey einer Bouree wird auf Zufriedenheit und ein gefälliges Wesen gezielet; bey einem Rondeau auf Munterkeit; bey einem Passepied auf Wanckelmuth und Unbestand; bey einer Gique auf Hitze und Eifer; bey einer Gavotte auf jauchzende oder ausgelassene Freude; bey einem Menuet auf mässige Lustbarkeit u.s.w.

§. 33. Bey der jauchzenden Tantz=Freude fällt mir ein, daß die klugen Spartaner, damit sie ihren Kindern einen Abscheu vor der Unmäßigkeit beibrächten, bisweilen lauter trunckene Sclaven vor ihren Augen tantzen und jauchzen' liessen: welches ein Nutz [FN: ...] der Tanz=Kunst und ihrer Melodien ist, der wol werth, daß man ihn in besondere Obacht nehme, indem dadurch gewisse garstige Leidenschafften und Laster verhaßt; andre löbliche Gemüths=Bewegungen, und Tugenden hergegen rege gemacht werden.

§. 34. Bey Untersuchung grösserer und ansehnlicherer Instrumental=Stücke wird sich sowol diese ungemeine Verschiedenheit in Ausdrückung der Affecten, als auch die Beobachtung aller und ieder Einschnitte der Klang=Rede, noch viel deutlicher spüren lassen, wenn die Verfasser rechten Schlages sind: da z.E. ein [FN: ...] Adagio die Betrübniß; ein Lamento das Wehklagen; ein Lento die Erleichterung; ein Andante die Hoffnung; ein Affettuoso die Liebe; ein Allegro den Trost; ein Presto die Begierde etc. zum Abzeichen führen. Es habe nun der Componist darauf gedacht oder nicht, so kan es doch eintreffen, wenn sein genius recht wircket; welches sehr offt ohne unser Wissen und Zuthun geschehen kan.

§. 35. Höre ich den ersten Theil einer guten Ouvertür, so empfinde ich eine sonderbare Erhebung des Gemüths; bey dem zweiten hergegen breiten sich die Geister mit aller Lust aus; und wenn darauf ein ernsthaffter Schluß erfolget, sammlen und ziehen sie sich wieder in ihren gewöhnlichen ruhigen Sitz. Mich deucht, das ist eine angenehm abwechselnde Bewegung, die ein Redner schwerlich besser verursachen könnte. Wer Achtung darauf gibt, kan es einem aufmercksamen Zuhörer in den Gesichts=Zügen ansehen, was er dabey im Hertzen empfindet.

§. 36. Vernehme ich in der Kirche eine feierliche Symphonie, so überfällt mich ein andächtiger Schauder; arbeitet ein starcker Instrumenten=Chor in die Wette, so bringt mir solches eine hohe Verwunderung zu Wege; fängt das Orgelwerck an zu brausen und zu donnern, so entstehet eine göttliche <209> Furcht in mir; schließt sich denn alles mit einem freudigen Hallelujah, so hüpfft mir das Hertz im Leibe; wenn ich auch gleich weder die Bedeutung dieses Worts wissen, noch sonst ein anders, der Entfernung oder andrer Ursachen halber verstehen sollte: ja, wenn auch gar keine Worte dabey wären, bloß durch Zuthun der Instrumente und redenden Klänge.

[...]

§. 43. Wenn oben von nothwendiger Empfindung und Ausdrückung der Gemüths=Neigungen bey den Spiel=Melodien geredet worden; so stehet leicht zu erachten, daß auch die Lehre vom Nachdruck hieher gehöre, nur mit dem Unterschiede: daß die Sing=Melodie diesen Nachdruck <210> aus den Worten, die Spiel=Melodie aber denselben aus dem Klange hernimmt. [...] Es scheinet gar eine niedliche Sache zu seyn. Wer sich aber nur die Mühe nicht verdriessen lassen will, gewisse hervorragende Klänge in guten Französischen Instrumental=Stücken auszuklauben, der wird bald finden, wo der Knote zu lösen sey, und wie er seine Klänge auch mit gutem Nachdruck redend machen könne. Gemeiniglich steckt dieser klingende Nachdruck vorzüglich im steigenden halben Ton. z.E.

[Notenbeispiel S. 210]