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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 3, Kap. 26 [Seite 3 von 3]

<484> §. 28. Die Stellung und Anordnung der Personen ist auch kein geringes Stück einer guten musikalischen Regierung; iedoch muß man sich hierin offtmahls nach der Gelegenheit des Ortes viel richten. Im GottesHause ist die Eintheilung anders zu machen, als in der Kammer. Auf dem Schauplatz und im Orchester wiederum anders. Hat man nur eine schwache Besetzung der Grundstimmen, so müssen diese in der Mitte seyn; sind sie aber starck, und wenigstens mit 6 Personen bestellet, so mögen sie sich wol theilen und gleichsam zu Seiten=Flügeln machen lassen.

§. 29. Die Regale sind hiebey nichts nutz, und wundert mich, daß man noch hie und da diese schnarrende, verdrießliche Werckzeuge braucht. Die Clavicimbel, Steertstücke oder Flügel thun an allen Orten gute, und weit angenehmere Dienste, als jene: Wiewol es aus verschiedenen Ursachen nicht schlimm seyn würde, wenn in den Kirchen saubere und hurtig=ansprechende kleine Positiven, ohne Schnarrwerck, mit den Clavicimbeln vereiniget werden könten, oder doch von den letztgenannten, bey starcken Chören, ein Paar vorhanden wären.

§. 30. Die Sänger müssen allenthalben voran stehen; ausser in Opern, wo es sich nicht anders schicken will, als daß man die Instrumente den Zuhörern zwar am nähesten, doch auch am niedrigsten setzet. Und eben deswegen sollte das Orchester sich nicht so starck her=vorthun, wie geschiehet, wenn offt ein schwaches Stimmlein mit einem Dutzend Instrumenten begleitet wird. Die Wirckung ist desto schlechter, wenn der Sänger dabey fast gantz hinten auf der Schaubühne stehen muß. Des Regenten Amt erfordert es, solchem üblen Gebrauch mit guter Art abzuhelffen.

§. 31. Ubrigens stelle man die besten Sänger, so viel möglich, allemahl in die Mitte, absonderlich die zartesten Stimmen; nicht aber, nach dem alten Herkommen, zur rechten Hand. Die Bässe und starcken Stimmen können sich ehender theilen, und so lincks als rechts auf beiden Seiten schicken.

§. 32. Weil es auch nimmer so rein abgehet, daß nicht bey der Aufführung eines neuen Stückes bisweilen eine kleine Sau mit unterlauffen sollte, so mag ein vorsichtiger Chor=Regent sich nur darauf gefaßt machen, und gewisse Stellen bemercken, allwo man füglich, wenn ja eine kleine Verwirrung entstehen sollte, auf das gegebene und verabredete Zeichen, wieder einfallen, und in Ordnung kommen könne. Zu dem Signal, es sey was es Wolle, muß der Chor mit Fleiß gewehnet werden, und solches, als eine Warnung ansehen, wenn und wo der Sammelplatz seyn soll.

§. 33. Endlich so rechnen wir auch mit unter die guten Grundsätze eines Musik=Vorstehers, absonderlich in der Kirche, daß er andrer Leute löbliche Arbeit nicht gantz unter die Banck werffe, und nur immer in seine eigene Erfindungen verliebt sey; sondern daß er ie zuweilen, was etwa sonst von berühmten Leuten schönes verfertiget worden, auch aufführe, und zur Abwechselung hören lasse: [...] Man siehet sich immer in seiner Arbeit gleich, und diese beständige Aehnlichkeit, sie mag so künstlich versteckt werden, als sie wolle, bringt nicht allemahl die gewünschte Veränderung zu Wege.

§. 34. Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit aufzuführen, bestehet wol darin, daß eine scharffe Urtheils=Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heraus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte.

Ende des vollkommenen Capellmeisters.