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Mattheson: Orchestre 1

PARS TERTIA, JUDICATORIA.
Oder Wie eines und anderes in der MUSIC zu beurtheilen.

CAPUT PRIMUM.
Vom Unterscheid der heutigen Italiänischen / Frantzösischen / Englischen und Teutschen Music.

<200> [...]

<202> § 5. Die Italiäner / welche heutiges Tages / theils durch die wesentliche Schönheit ihrer Wercke / <203> theils auch durch die übertünchte und INSINUANTE Kunst=Griffe in der COMPOSITION, den Preiß vor allen andern Nationen davon zu tragen scheinen / und den GENERALEN GOUT mehrentheils auff ihrer Seiten haben / sind nicht nur in ihrem STYLO von den Frantzoen / Teutschen und Engelländern; sondern in gewissen Stücken unter sich selbst mercklich unterschieden. [...] Der ROMANIsche STYLUS wird wol GRAVITAETIscher seyn als der VENETIANIsche; dieser wird gemeiniglich mehr auf eine blosse leichte MELODIE; jener aber mehr auf eine durchgehende HARMONIE REFLECTIren; dieser wird ehender ins Gehör dringen / und nicht so langsam gefallen / als jener / der etwas mehr auf sich hat; bey diesem wird man mehr GALANTES, bey <204> jenem mehr REELLES finden. Der NEAPOLITANIsche und SICILIANIsche STYLUS kommt hauptsächlich auf eine gantz PARTICULIERE und NEGLIGENTE Art zu singen an. Ihre vornehmste SPECIES ist entweder ein langsamer Englischer GIQUEN oder ein schlechter TACT, da eine ungeschminckte TENDRESSE statt hat; die andere SPECIES aber / vom ALLEGRO oder lustigen TACT, enthält meistentheils einen Gesng À LA BARQUEROLE [...]

<205> § 6. [...] Woraus denn erhellet / daß in keinem noch bekanten Lande in der gantzen Welt / die MUSIC so häufig / auf so mancherley Art und Weise / und mit solchem SUCCES als in Italien EXCOLIret und AESTIMIret werde. Es ist dieses so gewiß / daß auch alle übrige NATIONES, die sich in der MUSIC jemahls haben DISTINGUIren wollen / den Italiänern fast alles abgeborget / und schier in allen Stücken nachgeäffet haben.

§ 7. Es werden aber die Herren Italiäner solche PRAEFERENCE grossen theils der wunderschönen EXECUTION ihrer Arbeit zu dancken haben / alldieweil bey ihnen die besten Stimmen mit grosser Sorgfalt von Jugend auf CULTIVIret / auch in den Klöstern / Kirchen und Hospitälern mit gnugsamen Unterricht und HONORABLEN Unterhalt versehen und verpfleget / daneben mit der grösten ATTENTION, welche viel zum ENCOURAGEMENT beyträgt / behorchet und behöret werden; dahingegen in Teutschland (etliche wenige Höfe ausgenommen) man dergleichen saubere Stimmen nicht zuwege bringen kan / und <206> wenn man sie gleich hat / lange kein solches Wesen davon machet / als in Italien geschiehet / sondern einen guten Sänger und eine künstliche Sängerinn EN BAGATELLE TRACTIret / nicht mit reichlichen Auskommen versorget / sondern bey aller ihrer Kunst / Geschicklichkeit und Arbeit viel lieber CREPIren lässet. [...]

<208> § 8. [...] In der INSTRUMENTAL, insonderheit aber in der CHORAIschen oder Tantz=MUSIC sind die Frantzosen Meister / und werden überall / ohne IMITIret zu werden / IMITIret. Wenn man dannenhero MUSICAM GALLICAM, RESPECTU ITALICAE, ALTERAM AB ILLÁ nennen wolte, / würde es eben kein groß Unrecht seyn / weil doch diese beyde / die Italiänische und Frantzösische MUSIC nemlich / alleine etwas eigenes und originelles an sich zu haben scheinen; dahingegen andere sich gemeiniglich gerne auf eine oder alle beyde beziehen / und entweder eine Nachahmung oder Vermischung machen.

§ 9. Denn / da befleißigen sich die Teutschen den Italiänischen und Frantzösischen STYLUM zu COMBINIren; die heutigen Engelländer aber [...] den ersten auff alle Weise zu IMITIren. In jenem Stücke / nemlich in Verknüpfung beyder Arten / hat wol nimmer jemand besser REUSSIret / als der Welt bekante LULLY, mit dem aber zugleich diese schöne Kunst / wenigstens in Franckreich / verstorben und begraben <209> zu seyn scheinet. Dennoch wird man aus seinen Wercken leicht ersehen / daß er mehr auf Frantzösischer als Italiänischer Seiten INCLINIret / und daß solches aus Noth geschehen / weil er sich nach dem GENIO der Frantzosen / mit denen er zu thun hatte / allerdings richten muste. [...]

<210> § 10. Was ferner die vormahlige / eigentlich=einländische / Englische Music für einen EFFECT müsse gehabt haben / davon ist gar wenig Meldens; [...] Itziger <211> Zeit IMITIrt diese NATION platterdings den Italiänischen STYLUM, wendet große SPESEN auff tüchtige VIRTUOSEN [...] IN SUMMA: Wer bey diesen Zeiten etwas in der MUSIC zu PRAESTIren vermeinet / der begibt sich nach Engelland. In Italien und Franckreich ist was zu hören und zu lernen; in Engelland was zu verdienen; im Vaterlande aber am besten zu verzehren.

§ 11. Unter den redlichen Teutschen ist die ESTIME vor der MUSIC nimmer gantz geringe / auch nimmer recht hoch gediehen / sondern diese edle Kunst ist [...] <212> bey uns jederzeit etwas schläfrich und gleichgültig TRACTIret worden; dahero denn unter meinen Lands=Leuten solche denckwürdige REVOLUTIONES IN REBUS MUSICIS nicht vorgefallen sind / als in andern Ländern (man nehme denn ein paar Höfe aus) die heutigen CONJUNCTUREN sehen auch noch wenig darnach aus / daß ein tüchtiger VIRTUOSE einmahl Hofnung haben solte / wiederum mit seinem METIER hoch ans Bret zu kommen / weil es wol wahr bleibet: INTER ARMA SILENT LEGES & ARTES. Indessen sind diejenigen SUBJECTA in Teutschland / welche zur MUSIC geschickt / von solcher CAPACITÄT, daß sie allen andern und auswertigen Sand in die Augen werffen können. Denn ein Teutscher hat diesen Vortheil von der gütigen Natur / daß / wenn er zu einem Dinge / und IN SPECIE zur MUSIC INCLINIret / dabey einige INVENTION und FUNDAMENTA hat / er zur ELABORIrung einer Sache tausendmahl soviel Gedult besitzet, als jemand auff der Welt / er sey woher er wolle / und käme er auch aus dem tieffsinnigen und wohlbedachtsamen Spanien. Es muß ihm aber ein wenig unter die Arme gegriffen werden / sonst wird er träge und leidet Mangel an Feuer. Diejenigen teutschen <213> VIRTUOSEN, die solchen Nahmen mit Recht und Ehren führen / sind würcklich / und ohne PASSION zu sagen / viel höher zu achten / als gantze Banden Ausländer. Es würde auch wahrhafftig jener Anzahl grösser seyn / als dieser ihre / wenn die meisten und vornehmsten Gönner der MUSIC, insonderheit in unserm Teutschlande / sich nicht mehr angelegen seyn liessen / [...] solche nichtswürdige CASTRATEN, und aus der Schul=entlauffene Welsche Hümper und Stümper / welche Italien ausspeyet / viel lieber auff das kostbarste zu unterhalten / als einen eingebohrnen teutschen Künstler sein Stück Brod anzuweisen. Es ist bey uns in allen Sachen fast ein recht schimpfliches Wesen eingerissen / daß wir alles / was aus der Frembde kommt / nicht darum allezeit / weil es schön und gut / sondern bloß / weil es frembd ist / unsern einheimischen Personen und Dingen / nicht weil sie etwan schlecht und recht / sondern eintzig und allein / weil sie bey uns zu Hause gehören / unbilliger Weise vorzuziehen Gefallen tragen [...]

<219> § 12. Wolte man nun das obenberührte kurtz zusammen fassen / und die NATIONES eine gegen die andere halten / so möchte man überhaupt und unmaßgeblich setzen: Die Italiäner EXECUTIren am besten, [...] die Frantzosen DIVERTIren am besten; die Teutschen aber COMPONIren und arbeiten am besten; und die Engelländer JUDICIren am besten. Die Ersten machen sich ADMIRABLES; die Andern AIMABLES; die Dritten INFATIGABLES, und die Vierten EQUITABLES. Die Ersten sind INGENIEUX, die Andern SPIRITUELS, die Dritten FONDAMENTELS, und die Vierten DELICATS. Die Ersten erheben die MUSIC; die andern beleben sie; die Dritten bestreben sich darnach / und die Vierten geben was rechtes davor. Die Ersten dienen der <220> MUSIC; die Andern machen eine COMPAGNE daraus; die Dritten ANATOMIren sie; und den Vierten dienet sie. Die ersten haben viel INVENTION, wenden aber mit Fleiß wenig Fleiß und die andern den ihren nicht zum besten an; die Dritten haben viel INVENTION und ungemeinen Fleiß / die Vierten aber den besten GOUT. Die Italiäner SURPRENNIren; die Frantzosen wollen CHARMIren; die Teutschen STUDIren und die Engelländer RECOMPENSIren. [...]

Von Kirchen=MUSIC.

<221> § 13. Was sonst die Kirchen=MUSIC in specie anbelanget / so [...] [haben] die Frantzosen [...] in diesem Stück einen zwar PARTICULIEREN, aber nicht gar zu glücklich=und REGULIERTEN STYLUM; dennoch lassen sich ihre MOTETEN gar wol anhören / ob sie gleich den Italiänischen nicht beykommen / weil ihnen insonderheit <222> die in den Kirchen so nöthige GRAVITÉ einiger massen abgehen wil. [...] Indessen mag EN PASSANT bemercket werden, daß in solchen Sachen die Italiäner und Teutschen / nebst dem RIPIENO, sehr auf die SOLO, hingegen die Frantzosen am meisten auffs TUTTI REFLECTIren / und nicht gerne lange eine Stimme alleine singen lassen. [...]

Von VOCAL=MUSIC.

§ 14. Die Italiänische VOCAL-MUSIC gehet wol der Frantzösischen / und folglich aller andern vor / [...] DELICAT mögen die Frantzösischen GOSIERS sich drehen / aber die teutsche FORCE haben sie nicht / da indessen die Italiänischen Kehlen beydes in höchste Vollkommenheit besitzen. ([...] Was den TENOR und BAß anbelanget / davon hat Teutschland den besten Vorrath / theils wegen des CLIMATIS, welches die ORGANA VOCIS mehr DILATIret als die Hitze in den Abend=Ländern / theils wegen des Biers und der ALIMENTEN Unterscheid von andern / theils auch / weil unsere RELIGION die in Italien gewöhnliche CASTRIrung nicht permittiert / daß demnach unsere Stimmen zur völligen Reiffung gelangen mögen.)

[...]

<225> § 16. Es mögen nun aber die Italiäner mit ihren Stimmen und Künsten prahlen und prangen wie immer sie wollen / Trotz sey ihnen geboten / daß sie mir eine rechte Frantzösische OUVERTURE machen / oder auch einmahl wie sichs <226> gebühret herausbringen solten. Daß wil so viel sagen / daß GENERALEMENT die INSTRUMENTAL-MUSIC der Frantzosen recht was sonderlichs voraus habe. Ob sich auch gleich die Italiäner die gröste Mühe von der Welt mit ihren SYMPHONIEN und CONCERTEN geben / welche auch gewiß überaus schön sind / so ist doch wol eine frische Frantzösische OUVERTURE ihnen allen zu praeferiren. Denn nechst der COMPOSITION einer solchen PIEÇE mit ihrer SUITE À LA FRANCOISE, ist die EXECUTION in ihrem GENERE, welche die Frantzosen derselbigen geben / so ABMIRABLE, so UNIE und so FERME, daß nicht darüber seyn kan. [...]

Von THEATRAL-MUSIC.

<227> § 17. Was eigentlich das THEATRUM betrifft / so thun es die Frantzosen den Italiänern an prächtigen MACHINEN zuvor; [...] Die Frantzosen geben ihren OPERN einen grossen ECLAT, durch die Majestätischen und wol besetzten Chöre / die fast durchgehends in denselben vorkommen und sich sehr wol hören lassen mögen; dahingegen die Italiäner nichts oder wenig davon halten / so gar / daß auch ihre meiste DRAMATA <228> nicht einmahl ein Schluß=Chor zum Ende / sondern an statt dessen etwan ein GAVOTchen / oder anderes AIR DE MOUVEMENT, zum höchsten mit 2. à 3. Stimmen / haben. Die Engelländer folgen nunmehro / wie in allen andern Stücken / auch hierin den Italiänern; die Teutschen aber machen mehr Wesens von den Chören / und halten / so zu sagen / die Mittel=Strasse darinn / welches auch nicht übel gethan zu seyn scheint. Die Frantzosen zieren ihre OPERN insonderheit mit vielen Auffzügen und BALLETTEN, worinn ihnen die Teutschen und Engelländer auch gewißer massen nachfolgen / wiewohl jene mehr als diese; allein die Italiäner gebrauchen sich solcher DECORATIONEN und INTERSCENIEN sehr sparsam / weil sie das PLAISIR der Ohren der Augen=Lust weit vorziehen / und dafür halten / daß diese jenes TROUBLIre. Endlich ist anzumercken / daß der Frantzösische RECIT oder RECITATIV allezeit eine gewisse MELODIE habe / und von einer ARIA wenig unterschieden sey / welcher Unterschied bloß im MOUVEMENT bestehet; daß hingegen der Italiänische / und der nach demselben sich richtende Teutsche <229> und Englische RECITATIV (so wie er itzo beschaffen) gar eine DISSOLUTE, freye und erzehlende Art an sich haben [...] .

§ 18. Ein Frantzösisches AIR hat die blosse MELODIE und eine etwas NEGLIGENTE GALANTERIE; eine Italiänische ARIA aber zugleich ein INVENTIEUses SUBJECTUM oder THEMA, welches wol ausgearbeitet wird und denn nebst der MELODIE auch eine HARMONIEUsere GALANTERIE zum Zweck. Die Frantzösischen AIRS kan man CAVALLIEREMENT singen / die Italiänischen aber müssen nothwendig mit mehrer ATTENTION herausgebrachtwerden. (Man nimmt die Sachen ALLA BARQUEROLE aus): Die Frantzösischen können mehrentheils ohne ACCOMPAGNEMENT gesungen werden / bey den Italiänischen aber ist solches nicht allein sehr anständlich / sondern fast unentbehrlich. Die Frantzosen REPETIren überall nicht gerne eintzele oder etliche wenige Wörter / die Italiäner aber fast zu offte. <230> Ein Frantzösisches AIR hänget an einander / und wird nur etwan in der Mitte und zu Ende mit gantzen Sätzen REPETIret; aber eine Italiänische ARIA hat offt Absätze oder Pausen, wird auch / ausser den VENETIANIschen und so genandten GALANTERIE-ARIETTEN / selten mit gantzen REPRISEN gefunden / (man wolte denn das DA CAPO vor eine REPRISE halten.) Die Frantzosen setzen wenig PASSAGEN, oder lauffende Sachen / vor die Sing=Stimme / weil ihre Hälse dazu durchgehends ungeschickt sind / es sey denn / daß eine GLOIRE, VICTOIRE, und dergleichen REMARQUABLE Wörter sie fast bey den Haaren dazu ziehen; hingegen mögen die Italiäner gerne PASSAGEN, ja fast in EXCESSU, leiden / worüber aber die Frantzosen den Kopf schütteln / insonderheit / wenn es ihnen die Teutschen mit ihrer Mutter=Sprache, (die doch bey weitem nicht so SONORA oder klingend ist / und lange so viel A. oder O. nicht hat / als die Welsche) nachthun wollen. [...]

CAPUT SECUNDUM.
Von der MUSICALIschen Tohne Eigenschafft und Würckung in Ausdrückung der AFFECTEN.

<231> [...]

<232> § 2. Daß nun ein jeder Tohn etwas sonderliches an sich habe / und sie in dem EFFECT [der Wirkung] einer von dem andern sehr unterschieden sind / ist wol einmahl gewiß / wenn man Zeit / Umstände und Personen dabey wol CONSIDERIret [berücksichtigt] ; was aber ein jeder Thon eigentlich vor AFFECTEN, wie und wenn er selbige rege mache / darüber gibt es viel CONTRADICIrens [widersprüchliche Aussagen] .

[...]

<233> § 5. Damit man auch dem Sprichwort: MAJORES PRAECEDUNT, sein Recht thue / so last uns vorläuffig und mit wenigen ansehen / was man vor Alters von den Eigenschafften der 12. MODORUM vor ein Urtheil gefället habe / und wie die AUTORES in diesem Stücke von je her schon sehr DISCREPANT gewesen sind. Denn da hält LUCIANUS den MODUM DORIUM vor heilig / ernsthafft und zum Gottesdienst geschickt; es düncket hergegen dem APULEJO, derselbe MODUS sey kriegerisch und so beschaffen / daß ein CARMEN HEROICUM, oder so genandtes Helden=Gedichte daraus gesetzet werden könne/ weil es nebst seiner Hurtigkeit auch eine wunderbare Ernsthafftigkeit mit sich führe. Dem MODO HYPPODORIO haben die Alten eine störrische Natur <234> ohne alle Leutseeligkeit beylegen wollen? Den PHRYGIUM haben einige für andächtig / andere für wütend und zum schlagen reitzend gehalten. Der HYPPOPHRYGIUS hat für demüthig und wehklagend PASSIren müssen / da doch in Ansehung der grossen Gleichförmigkeit / die er mit dem vorhergehenden hat / es schwer zu begreiffen ist / daß sein EFFECT von jenes seinem so sehr unterschieden seyn solle. Die LYDISCHE HARMONIE nennt PLATO DIAL. 50. DE REP. die taumelnde; LUCIANUS BACHANTIsch / soll übrigens hart / frech und freudig seyn. Des HYPPO LYDII Eigenschafft soll zum Weinen bewegen / und wird dannenhero der fromme MODUS genennet. Den MIXOLYDIUM gibt man vor sehr beweglich aus. Von dem HYPPOMIXOLYDIO verspricht man sich eine natürliche Fröligkeit. Der AEOLIUS soll angenehm und süsse seyn. Der JONIUS ist von LUCIANO lustig / vom APULEJO aber geil getauffet / da er doch in Wahrheit der allernatürlichste / unschuldigste / und nicht der geringste unter den MODIS ist. Und schließlich wird des HYPPO JONICI Natur für weibisch und weichlich gehalten; was aber von dem HYPPOAEOLIO zu sagen ist / habe sonst nirgends finden können / als beym <235> CORVINO, IN HEPTACHORDO DANICO P. 70. wo er setzet: TRISTIBUS MATERIIS MAGIS CONVENIT. Es schickte sich dieser MODUS am besten zu traurigen Sachen. [...]

[...]

<236> § 7. Wenn man nun beliebter Ordnung nach / À TONO PRIMO, D.MOLL, (DORIO) den Anfang machet / denselben wol untersuchet / [...] so wird man befinden / daß er etwas DEVOTES, ruhiges / dabey auch etwas grosses / angenehmes und zufriedenes enthalte; dannenhero derselbe in Kirchen=Sachen die Andacht / in COMMUNI VITA aber die Gemüths=Ruhe zu befördern CAPABLE sey; wiewohl solches alles nichts hindert / daß man nicht auch was ergetzliches / doch nicht sonderlich hüpfendes / sondern fliessendes / mit SUCCES [Erfolg] aus diesem Tohne setzen könne [...] zum Heroischen oder Helden=Gedichte ist er am bequemesten. Denn er hat nebst der Hurtigkeit <237> eine wunderbare GRAVItät &c. [...] ARISTOTELES nennet ihn: ernsthafft und beständig. [...]

<237> § 8. G.MOLL [...] ist fast der allerschöneste Tohn / weil er nicht nur die den [dem] vorigen [d-moll] anhängende ziemliche Ernsthafftigkeit mit einer muntern Lieblichkeit vermischet / sondern eine ungemeine Anmuth und Gefälligkeit mit sich führet / dadurch er wol zu zärtlichen / als erquickenden / so wol zu sehnenden als vergnügten; mit kurtzen beydes zu mäßigen Klagen und TEMPERIrter Frölichkeit bequem und überaus FLEXIBLE ist. <238> KIRCHERUS urtheilet also davon: [...] "Er führe eine züchtige und andächtige Freudigkeit bey sich / sey frölich und voller ernsthafften Sprünge.

[...]

§ 10. [...] A MOLL [...] ist etwas klagend / ehrbar und gelassen / it. [d.h.] zum Schlaff einladend; aber gar nicht unangenehm dabey. Sonst zu CLAVIER und INSTRUMENTAL-Sachen sonderlich geschickt. AD COMMISERATIONEM CITANDAM APTUS. d[as] . i[st] . geschickt ein Mitleiden zu erwecken. KIRCH. "[...] <239> Dieser Tohn hat einen prächtigen und ernsthafften AFFECT, so daß er doch dabey zur Schmeicheley gelencket werden mag. Ja die Natur dieses Tohnes ist recht mäßig / und kan fast zu allerhand Gemüths=Bewegungen gebraucht werden. Ist dabey gelinde und über die massen süsse.. [...]

§ 11. E.MOLL kan wol schwerlich was lustiges beygeleget werden / man mache es auch wie man wolle / weil er sehr PENSIF, tieffdenckend / betrübt und traurig zu machen pfleget / doch so / daß man sich noch dabey zu trösten hoffet. Etwas hurtiges mag wol daraus gesetzet werden / aber das ist darum nicht gleich lustig. KIRCH. sagt: [...] Er liebt die Betrübniß und den Schmerz. [...] <240> dem LUCIANO scheinet er ungestümer Eigenschafft; dem GLOREANO wehklagend.

§ 12. C.DUR [...] hat eine ziemliche RUDE [rüde] und freche Eigenschafft / wird aber zu REJOUISSANCEN [gemeint ist die Tanzart Rejouissance] , und wo man sonst der Freude ihren Lauff läst / nicht ungeschickt seyn; dem ungeachtet kan ihn [den Thon - die Tonart] ein HABILer [fähiger] COMPONIST [...] zu gar was CHARMANTES umtauffen / und füglich auch in TENDREN [zarten, zärtlichen] Fällen anbringen. [...]

<241> § 13. F.DUR [...] ist CABABLE [in der Lage] die schönsten SENTIMENTS [Gefühle] von der Welt zu EXPRIMIREN [auszudrücken] , es sey nun Großmuth / Standhafftigkeit / Liebe / oder was sonst in dem Tugend=Register oben an stehet / und solches alles mit einer der massen natürlichen Art und unvergleichlichen FACILITÉ [Leichtigkeit] , daß gar kein Zwang dabey vonnöthen ist. Ja die Artigkeit und ADRESSE dieses Thons ist nicht besser zu beschreiben / als in Vergleichung mit einem hübschen Menschen / dem alles was er thut / es sey so gering es immer wolle / PERFECT gut anstehet / und der / wie die Frantzosen reden / BONNE GRACE hat. [...]

<242> § 14. [...] D.DUR. ist von Natur etwas scharff und eigensinnig; zum Lermen / lustigen / kriegerischen / und auffmunternden Sachen wol am allerbequemsten; doch <243> wird zugleich niemand in Abrede seyn / daß nicht auch dieser harte Tohn [...]  / gar artige und frembde Anleitung zu DELICATEN Sachen geben könne.

§ 15. G.DUR. [...] hat viel INSINUANTes [Eindringliches] und redendes in sich; er [der Thon - die Tonart] BRILLIrt dabey auch nicht wenig / und ist so wol zu SERIEUsen [ernsthaften] als munteren Dingen gar geschickt. Kirch. nennt ihn: "AMOROSUM & VOLUPTUOSUM. Verliebt und wollüstig." Anderswo auch: "HONESTUM & TEMPERANTIAE CUSTODEM, einen ehrlichen Hüter der Mäßigkeit" [...] Corv. "Er ist den lustigen und verliebten Sachen zugethan." [...]

<244> § 16. C.MOLL. [...] ist ein überauslieblicher dabey auch TRISTER Tohn / weil aber die erste QUALITÉ gar zu sehr bey ihm PRAEVALIREN [überwiegen] will / und man auch des süssen leicht überdrüßig werden kan / so ist nicht übel gethan / wenn man dieselbe durch etwas munteres oder ebenträchtiges MOUVEMENT [Bewegung] ein wenig mehr zu beleben trachtet / sonst mögte einer bey seiner Gelindigkeit leicht schläffrich werden. Soll es aber eine PIEÇE seyn / die den Schlaff befördern muß / so kan man diese REMARQUE [Bemerkung] sparen / und natürlicher Weise bald zum Zweck gelangen. [...]

<248> § 17. F.MOLL. [...] scheinet eine gelinde und gelassene / wiewol dabey tieffe und schwere / mit etwas Verzweiflung vergesellschaffte / tödliche Hertzens=Angst vorzustellen und ist über die massen beweglich. <249> Er drücket eine schwartze hülflose MELANCHOLIE schön aus / und will dem Zuhörer bisweilen ein Grauen oder einen Schauder verursachen.

§ 18. B.DUR [...] ist [...] sehr DIVERTISSANT [unterhaltend] und prächtig; behält dabey gerne etwas MODESTES [Bescheidenes] und kan demnach zugleich vor MAGNIFIC und MIGNON PASSIren [durchgehen] . Unter anderen QUALITÄten die ihm KIRCHERUS beyleget / ist diese nicht zu verwerffen: AD ARDUA ANIMAM ELEVANS. Er erhebet die Seele zu schweren Sachen. [...]

§ 19. #.DUR. [...] hat viel PATHETIsches an sich; will mit nichts als ernsthafften und dabey PLAINTIVEN Sachen gerne zu thun haben / ist <250> auch aller Uppigkeit gleichsam spinnefeind.

§ 20. A.DUR greifft sehr an / ob er gleich BRILLIret / und ist mehr zu klagenden und traurigen PASSIONEN [Leidenschaften] als zu DIVERTISSEMENS [zur Unterhaltung] geeignet; insonderheit schickt er sich sehr gut zu VIOLIN-Sachen.

§ 21. E.DUR. [...] drucket eine Verzweiflungs=volle oder gantz tödliche Traurigkeit unvergleichlich wol aus; ist vor EXTREM-verliebten Hülff= und Hoffnungslosen Sachen am bequemsten / und hat bey gewissen Umständen so was schneidendes / scheidendes / leidendes und durchdringendes / daß es mit nicht als einer FATALen Trennung Leibes und der Seelen verglichen werden mag.

§ 22. H.MOLL. [...] ist BIZARRE, unlustig und <251> MELANCHOLIsch; deswegen er auch selten zum Vorschein kommet / und mag solches vielleicht die Ursache seyn / warum ihn die Alten aus ihren Clöstern und Zellen so gar verbannet haben / daß sie sich auch seiner nicht einmahl erinnern mögen.

§ 23. F#.MOLL. [...] ob er gleich zu einer grossen Betrübniß leitet / ist dieselbe doch mehr LANGUISSANT und verliebt als LETHAL; es hat sonst dieser Tohn etwas ABANDONIrtes / SINGULIEres und MISANTHROPIsches an sich. [...]

[...]

<252> § 25. Diß wenige / was von der Eigenschafft eines jeden TONI allhier den CURIEUSEN zu gefallen gemeldet worden ist / könte eine sehr große DISCUSSION leiden / wie denn / wenn alles / was davon zu sagen oder zu gedencken ist / solte angeführet werden / ein jeder Tohn wol ein eignes Capitel füllen würde; allein je mehr man sich bestreben wolte / etwas POSITIVES davon zu STATUIren / je mehr CONTRADICTIONES würden sich vielleicht finden / sintemahl die Meinungen in dieser MATERIE fast unzehlig sind / davon ich keine andere RAISON, als den Unterscheid der Menschlichen COMPLEXIONEN zu geben weiß / als wodurch es Zweifels frey hauptsächlich geschehen mag / daß ein Tohn / der dem SANGUINIschen TEMPERAMENT lustig und ermunternd scheinet / einem PHLEGMATIschen träge / kläglich und betrübt vorkommt / u.s.w. derowegen wir uns hierbey auch nicht länger auffhalten / sondern <253> einem jeden nochmahls die Freyheit gerne lassen wollen / daß er einem oder andern Thon solche Eigenschafften beylege / die mit seiner natürlichen Zuneigung am besten übereinkommen [...]

[...]