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Schumann: Schriften

Ein Werk II. 1 [Kreisig 1]

<I,3> Eusebius trat neulich leise zur Thüre herein. Du kennst das ironische Lächeln auf dem blassen Gesichte, mit dem er zu spannen sucht. Ich saß mit Florestan am Clavier. Florestan ist, wie Du weißt, einer von jenen seltenen Musikmenschen, die alles Zukünftige, Neue, Außerordentliche wie voraus ahnen. Heute stand ihm aber dennoch eine Ueberraschung bevor. Mit den Worten: "Hut ab, ihr Herrn, ein Genie," legte Eusebius ein Musikstück auf. Den Titel durften wir nicht sehen. Ich blätterte gedankenlos im Heft; dies verhüllte Genießen der Musik ohne Töne hat etwas Zauberisches. Ueberdies, scheint mir, hat jeder Componist seine eigenthümlichen Notengestaltungen für das Auge: Beethoven sieht anders auf dem Papier, als Mozart, etwa wie Jean Paul'sche Prosa anders als Goethe'sche. Hier <I,4> aber war mir's, als blickten mich lauter fremde Augen, Blumenaugen, Basiliskenaugen, Pfauenaugen, Mädchenaugen wundersam an: an manchen Stellen ward es lichter – ich glaubte Mozart's "Là ci darem la mano" durch hundert Akkorde geschlungen zu sehen, Leporello schien mich ordentlich wie anzublinzeln und Don Juan flog im weißen Mantel vor mir vorüber. "Nun spiel's" meinte Florestan. Eusebius gewährte; in eine Fensternische gedrückt hörten wir zu. Eusebius spielte wie begeistert und führte unzählige Gestalten des lebendigsten Lebens vorüber: es ist, als wenn die Begeisterung des Augenblicks die Finger über das gewöhnliche Maaß ihres Könnens hinaushebt. Freilich bestand Florestan's ganzer Beifall, ein seliges Lächeln abgerechnet, in nichts als in den Worten, daß die Variationen etwa von Beethoven oder Franz Schubert sein könnten, wären sie nämlich Clavier-Virtuosen gewesen – wie er aber nach dem Titelblatte fuhr, weiter nichts las, als:

"Là ci darem la mano, varié pour le Pianoforte par Frédéric Chopin, Oeuvre 2,"

und wir verwundert ausriefen: "Ein W. [Werk] 2," und wie die Gesichter ziemlich glühten vom ungemeinen Erstaunen, und außer etlichen Ausrufen wenig zu unterscheiden war, als: "Ja, das ist einmal wieder etwas Vernünftiges – Chopin – ich habe den Namen nie gehört – wer mag es sein – jedenfalls – ein Genie – lacht dort nicht Zerline oder gar Leporello" – – so entstand freilich eine Scene, die ich nicht beschreiben <I,5> mag. Erhitzt von Wein, Chopin und Hin- und Herreden, gingen wir fort zum Meister Raro [Friedrich Wieck], der viel lachte und wenig Neugier zeigte nach dem W. 2, "denn ich kenn' euch schon und euren neumodischen Enthusiasmus – nun, bringt mir nur den Chopin einmal her." Wir versprachen's zum andern Tag. Eusebius nahm bald ruhig gute Nacht: ich blieb eine Weile bei Meister Raro; Florestan, der seit einiger Zeit keine Wohnung hat, flog durch die mondhelle Gasse meinem Hause zu. Um Mitternacht fand ich ihn in meiner Stube auf dem Sopha liegend und die Augen geschlossen. "Chopin's Variationen," begann er wie im Traume, "gehen mir noch im Kopfe um: gewiß," fuhr er fort, "ist das Ganze dramatisch und hinreichend Chopinisch; die Einleitung, so abgeschlossen sie in sich ist – kannst Du Dich auf Leporello's Terzensprünge besinnen? – scheint mit am wenigsten zum Ganzen zu passen; aber das Thema – warum hat er es aber aus B geschrieben? – die Variationen, der Schlußsatz und das Adagio, das ist freilich etwas – da guckt der Genius aus jedem Takte. Natürlich, lieber Julius, sind Don Juan, Zerline, Leporello und Masetto die redenden Charaktere, – Zerlinen's Antwort im Thema ist verliebt genug bezeichnet, die erste Variation wäre vielleicht etwas vornehm und kokett zu nennen – der spanische Grande schäkert darin sehr liebenswürdig mit der Bauernjungfer. Das gibt sich jedoch von selbst in der zweiten, die schon viel vertrauter, komischer, zänkischer ist, ordentlich als wenn <I,6> zwei Liebende sich haschen und mehr als gewöhnlich lachen. Wie ändert sich aber alles in der dritten! Lauter Mondschein und Feenzauber ist darin; Masetto steht zwar von ferne und flucht ziemlich vernehmlich, wodurch sich aber Don Juan wenig stören läßt. – Nun aber die vierte, was hältst Du davon?

Eusebius spielte sie ganz rein – springt sie nicht keck und frech und geht an den Mann, obgleich das Adagio (es scheint mir natürlich, daß Chopin den ersten Theil wiederholen läßt) aus B moll spielt, was nicht besser passen kann, da es den Don Juan wie moralisch an sein Beginnen mahnt. Schlimm ist's freilich und schön, daß Leporello hinter den Gebüschen lauscht, lacht und spottet und daß Oboen und Clarinetten zauberisch locken und herausquellen und daß das aufgeblühte B Dur den ersten Kuß der Liebe recht bezeichnet. Das ist nun aber alles nichts gegen den letzten Satz – hast Du noch Wein, Julius? – das ist das ganze Finale im Mozart – lauter springende Champagnerstöpsel, klirrende Flaschen. Leporellos Stimme dazwischen, dann die fassenden, haschenden Geister, der entrinnende Don Juan – und dann der Schluß, der schön beruhigt und wirklich abschließt." Er habe, so beschloß Florestan, nur in derSchweiz eine ähnliche Empfindung gehabt, wie bei diesem Schluß. Wenn nämlich an schönen Tagen die Abendsonne bis an die höchsten Bergspitzen höher und höher hinaufklimme und endlich der letzte Strahl verschwände, so träte ein Moment ein, als sähe man die weißen Alpenriesen <I,7> die Augen zudrücken. Man fühlt nur, daß man eine himmlische Erscheinung gehabt. "Nun erwache aber auch Du zu neuen Träumen, Julius, und schlafe!" – "Herzens-Florestan", erwiederte ich, "diese Privatgefühle sind vielleicht zu loben, obgleich sie etwas subjectiv sind; aber sowenig Absicht Chopin seinem Genius abzulauschen braucht, so beug' ich doch auch mein Haupt solchem Genius, solchem Streben, solcher Meisterschaft." Hierauf entschliefen wir.

Julius.[1]

Fußnoten

1 Dieser Aufsatz erschien schon im Jahre 1831 in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung. Als der erste, in dem sich die Davidsbündler zeigen, möge er auch hier eine Aufnahme finden. zurück zum Text

Anmerkungen

[1] Schumann veröffentlichte diesen Aufsatz unter dem Vornamen des Pianisten Julius Knorr, der anfangs auch Mitarbeiter der Neuen Zeitschrift für Musik war. zurück zum Text