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Schumann: Schriften

Aeltere Claviermusik. Domenico Scarlatti. – J. Seb. Bach. [Kreisig 70]

<III,90> Eine Menge interessanter älterer Compositionen liegt uns in neuen Drucken vor. Haslinger in Wien bringt uns Domenico Scarlatti's Clavierwerke1 in einzelnen Lieferungen schön ausgestattet. Die ersten vier enthalten dreiunddreißig meist rasche Sätze, die uns ein getreues Bild von Scarlatti's Schreibweise geben. Scarlatti hat viel Ausgezeichnetes, was ihn vor seinen Zeitgenossen kenntlich macht. Die so zu sagen geharnischte Ordnung Bach'schen Ideenganges ist in ihm nicht zu finden; er ist bei weitem gehaltloser, flüchtiger, rhapsodischer; man hat zu thun, ihm immer zu folgen, so schnell verwebt und löst er die Fäden; sein Styl ist im Verhältniß seiner Zeit kurz, gefällig und pikant. Eine so bedeutende Stelle nun seine Werke in der Literatur der Claviercomposition einnehmen, dadurch, daß sie für ihre Zeit <III,91> viel Neues enthalten, daß das Instrument in ihnen vielseitig benutzt erscheint, endlich dadurch, daß namentlich die linke Hand selbstständiger auftritt, als es bis dahin geschehen, so wollen wir uns nur gestehen, daß uns auch vieles daran nicht mehr behagen kann, und nicht behagen soll. Wie könnte sich ein solches Tonstück mit dem eines unserer besseren Componisten nur messen können! wie ist die Form noch ungeschickt, die Melodie noch unausgebildet, die Modulation beschränkt! Nun gar im Vergleich zu Bach! Es ist, wie ein geistreicher Componist[1] schon bei einer Vergleichung zwischen Emanuel und Sebastian Bach sagte: "als wenn ein Zwerg unter die Riesen käme." Demungeachtet dürfen aber dem echten Clavierkünstler die Koryphäen der verschiedenen Schulen nicht unbekannt bleiben, namentlich Scarlatti nicht, der die Kunst des Clavierspiels offenbar auf eine höhere Stufe gebracht. Nur spiele man nicht zuviel hintereinander, da die Stücke sich in Bewegung und Charakter viel gleichen; sparsam aber und zur rechten Stunde hervorgeholt, werden sie ihre frische Wirkung noch jetzt auf den Hörer äußern. Die Sammlung dürfte übrigens eine ansehnliche werden und bis zu dreißig Heften anschwellen. Eine älterejedoch nicht vollständige Ausgabe, ebenfalls in Wien erschienen, ist vergriffen und wenig sauber. Hrn. Czerny's Zuthat besteht in beigefügtem Fingersatz. Im Grunde wissen wir nicht, was damit bezweckt ist, eben so wenig wie mit einer Fingerbezeichnung über Bach'sche Compositionen. –

<III,92> Von Sebastian Bach lacht uns mehreres an. Der schon früher in der Zeitschrift ausgesprochene Wunsch, man möchte bald an eine Gesammtausgabe seiner Werke denken, scheint wenigstens für seine Claviercompositionen Frucht getragen zu haben. Wir müssen es der Firma C.F. Peters danken, daß sie das große Unternehmen rüstig betreibt. Den schon in der Zeitschrift erwähnten zwei ersten Theilen, die einen neuen Abdruck des wohltemperirten Claviers enthielten, sind bis jetzt zwei neue gefolgt. Der eine enthält die bekannte "Kunst der Fuge"2 bis auf zwei Fugen für zwei Claviere vollständig, und zum Schluß zwei Fugen aus dem "musikalischen Opfer". Einer Einrichtung des Hrn. Czerny nach soll nämlich ein Heft immer aus Stücken derselben Gattung bestehen, also eines nur aus Stücken für ein Clavier, das andere aus welchen für zwei etc. Die Eintheilung scheint uns aber nicht sehr tiefsinnig und überdies weder für Käufer noch für Verleger vortheilhaft, für jenen nicht, da er etwas Lückenhaftes bekömmt, für diesen nicht, weil er eben deshalb nur wenig einzelne Hefte absetzen wird. Im Uebrigen verdient die Ausgabe des sorgfältigen Stiches und der guten Correctur halber vollkommenste Empfehlung. Fehler bleiben leider immer stehen. Was nun den Inhalt der "Kunst der Fuge" anlangt, so ist bekannt, daß sie aus einer Reihe Fugen, auch einigen Canons über ein und dasselbe Thema besteht. Das <III,93> Thema selbst scheint für vielseitige Verarbeitung nicht geschickt, und namentlich in sich selber keine Engführungen zu enthalten; Bach benutzte es daher auf andere Weise zu Verkehrungen, übereinander gestellten Verengungen und Erweiterungen etc. Oft droht es fast Künstelei zu werden, was er unternimmt; so erhalten wir zwei in allen vier Stimmen zu verkehrende Fugen: eine äußerst schwierige Aufgabe, wo Einem die Augen übergehen. Das Erstaunliche hat er aus dem Thema herausgebildet, und wer weiß, ob das Werk nicht mehr als erst der Anfang des Riesengebäudes war, da der göttliche Meister, wie man wissen will, darüber zu Grabe gegangen; es hat mich die letzte Fuge, die unvollendet, unvermuthet abbricht, immer ergreifen wollen; es ist, als wär' er, der immer schaffende Riese, mitten in seiner Arbeit gestorben.

Der vierte Theil dieser neuen ausgabe bringt eine Sammlung3 einzelner kostbarer Stücke, darunter sechs bis jetzt ungedrukte, die der Verlagshandlung, wie wir vermuthen, der Güte des Hrn. F. Hauser zu verdanken hat. Nr. 12-18 sind dem E moll-Hefte unter dem Titel "Exercices" schon fürderhin bei Peters erschienenen "Suiten" entlehnt. Von besonderem Interesse, den gemüthlichen Meister ganz bezeichnend, ist das Stück Nr. 10 "Auf die Entfernung eines sehr theuren Bruders" <III,94> mit verschiedenen Ueberschriften, wie z.B. "Abschied der Freunde, da es nun einmal nicht anders sein kann." Die anderen der ungedruckten mitgetheilten Stücke sind sehr bedeutend und scheinen mir ganz echt.

Wir wünschen dem Unternehmen raschen Fortgang. Ein reichlicher Gewinn kann nicht ausbleiben. Bachs Werke sind ein Capital für alle Zeiten. Sicher im Sinne der Verlagshandlung sprechen wir hier die Bitte aus, daß alle, die im Besitz von noch ungedruckten Bachianis sind, durch Zusendung an die Verlagshandlung dem Nationalunternehmen förderlich sein möchten. Noch manches mag hier und da vergraben liegen. Vielleicht, daß sich ein Verleger auch zu einer gleichförmigen Ausgabe der Gesang- und Kirchencompositionen von Bach entschließt, damit wir endlich eine Uebersicht über diese Schätze bekommen, wie sie kein Volk der Erde aufzuweisen.

Einen Anfang mit Herausgabe der Clavierconcerte4 von Bach hat Hr. Kistner mit dem hochberühmten in D moll gemacht; es ist dasselbe, das Mendelssohn vor einigen Jahren in Leipzig öffentlich hören ließ, zum großen Entzücken der einzelnen, an dem jedoch die Masse keinen Theil zu nehmen schien. Das Concert ist der größten Meisterstücke eines, namentlich der Schluß <III,95> des ersten Satzes von einem Schwung, wie er etwa Beethoven zum Schluß des ersten der D moll-Symphonie geglückt. Es bleibt wahr, was Zelter gesagt: "Dieser Leipziger Cantor ist eine unbegreifliche Erscheinung der Gottheit."

Am herrlichsten, am kühnsten, in seinem Urelemente erscheint er aber nun ein für allemal an seiner Orgel. Hier kennt er weder Maß noch Ziel und arbeitet für Jahrhunderte hinaus. Wir haben hier einer neuen Ausgabe von 6 früher bei Riedl in Wien schon erschienenen Präludien und Fugen zu erwähnen, die Haslinger neu aufgelegt.5 Den Organisten werden sie bekannt sein: Nr. IV ist das wundervolle Präludium in c moll.

Außer in Deutschland wird nur noch in England für Verbreitung Bach'scher Werke etwas gethan, es lagen uns neulich mehre bei Coventry und Hollier sehr gut gedruckte Hefte vor, die wir der Beachtung deutscher Verlagshandlungen zur Vergleichnahme empfehlen. In Deutschland ist es wohl Hr. Hauser, der die vollständigste Sammlung von Bach's Werken aufzuweisen. Seit lange beschäftigt er sich mit Ordnung eines systematischen Kataloges sämmtlicher gedruckter wie ihm bekannter in Manuskript vorhandener Werke. Der immer wachsenden Zahl der Verehrer Bach's würde es gewiß willkommen sein, wenn der Katalog veröffentlicht würde.

Fußnoten

1 Sämmtliche Werke für das Pianoforte. – – Mit Bezeichnung des Fingersatzes von C. Czerny. zurück zum Text

2 L'art de la Fugue etc. (Oeuvres complets, Livr. 3). zurück zum Text

3 Compositions pour le Pianoforte etc. (Oeuvres complets, Livr. IV.). zurück zum Text

4 Concerto per il Cembalo etc. Partitura Nro. 1. 2 Thlr – Es mögen, mit Einschluß von einigen für zwei und drei Claviere, etwa 12 vorhanden sein. Hr. Hauser besitzt sie sämmtlich. zurück zum Text

5 Präludien und Fugen für ORgel oder Pianoforte mit Pedal. zurück zum Text

Anmerkungen

[1] Gemeint ist F. Mendelssohn Bartholdy. zurück zum Text