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Schumann: Schriften

Die Leonorenouverturen von Beethoven. [Kreisig 105]

<IV,136> Mit Freuden wird sich Mancher jenes Abends erinnern, als das Leipziger Orchester unter Mendelssohn's Leitung uns alle vier Ouverturen zu Leonore nach einander hören ließ. Die Zeitschrift berichtete schon früher darüber. Wir kommen heute wieder darauf zurück, da soeben die vierte der Ouverturen (der Entstehung nach die 2te) im Stich erschienen ist, vor der Hand nur in Stimmen, denen aber bald die Partitur folgen wird.

Ueber die Reihenfolge, in der Beethoven die Ouverturen schrieb, kann kaum ein Zweifel sein. Vielleicht, daß mancher die eben erschienene für die erste halten könnte, die Beethoven überhaupt zu seiner Oper entworfen, da sie ganz den Charakter eines kühnen ersten Anlaufs hat, wie in der kräftigsten Freude über das vollendete Werk geschrieben scheint, das in den Hauptzügen sie im kleineren Raum widerspiegelt. Den Zweifel beseitigt aber Schindler's Buch auf das Vollständigste (S. 58). Nach dessen bestimmter Versicherung verhält es sich folgendermaßen damit. Beethoven schrieb erst die <IV,137> Ouverture, die später bei T. Haslinger als Werk 138 nach Beethoven's Tod erschien; sie wurde in Wien nur vor einer kleinen Kennerschaar gespielt, aber einstimmig für "zu leicht" befunden. Beethoven gereizt schrieb jetzt die Ouverture, die so eben bei Breitkopf und Härtel erschienen, änderte aber auch diese, woraus die bekannte in C dur als Nr. 3 zu bezeichnende entstand. Die 4te Ouverture endlich in E dur schrieb Beethoven erst im J. 1815, als "Fidelio" wieder auf das Repertoir gebracht wurde.

Daß die dritte der Ouverturen die wirkungsvollste und künstlerisch vollendetste, darin stimmen fast alle Musiker überein. Schlage man aber auch die 1ste nicht zu gering an; sie ist bis auf eine matte Stelle (Part. S. 18) ein schönes frisches Musikstück und Beethoven's gar wohl würdig. Einleitung, Uebergang in's Allegro, das erste Thema, die Erinnerung an Florestan's Arie, das Crescendo am Schluß – das reiche Gemüth des Meisters blickt aus allem diesem. Interessanter sind freilich die Beziehungen, in denen die 2te zur 3ten steht. Hier läßt sich der Künstler recht deutlich in seiner Werkstatt belauschen. Wie er änderte, wie er verwarf, Gedanken und Instrumentation, wie er sich in keiner von seiner Florestan'schen Arie losmachen kann, wie sich die drei Anfangstacte dieser Arie durch das ganze Stück hinziehen, wie er auch den Trompetenruf hinter der Scene nicht aufgeben kann, ihn in der 3ten Ouverture noch weit schöner anbringt als in der 2ten, wie er nicht <IV,138> ruht und rastet, daß sein Werk zu der Vollendung gelange, wie wir es in der 3ten bewundern, – dies zu beobachten und zu vergleichen gehört zu dem Interessantesten und Bildendsten, was der Kunstjünger vornehmen, für sich benutzen kann. Wie gern möchten wir die beiden Werke Schritt vor Schritt verfolgen. Dies gelingt mit den Partituren in der Hand mit Genuß weit besser als mit Buchstaben auf dem Papier, weshalb wir nur in Kurzem die wesentlichen Unterschiede berührten. Noch eines Umstandes müssen wir gedenken. In der Partitur, die sich im Besitze der HH. Breitkopf und Härtel befand, fehlten leider zum Schluß einige Blätter. Zum Zweck der Ausführung in den hiesigen Concerten wurde diese Lücke durch eine entsprechende Stelle aus der 3ten Ouverture ergänzt, und diese in der gedachten Ausgabe durch Sternchen bezeichnet. jedenfalls war dies das einzig Schickliche, das sich thun ließ. Der Dirigent hat nun aber freilich zu thun, das Orchester so anzutreiben, daß die Stelle

NB IV,138 - Nr. 1

(21 Tacte vor dem Schluß) nicht zu langsam gegen den des Presto

NB IV,138 - Nr. 2

hinterher komme. Der Uebelstand wäre vermieden worden, wenn man nach dem Tacte <IV,139>

NB IV,139

der 2ten Ouverture (1ste Violinstimme, 9tes System, letzter Tact) vielleicht gleich mit dem fff der 2ten Ouverture auf S. 68 der Partitur fortgefahren wäre. Der Verlust der kleinen Varianten in der Instrumentation, den das gänzliche Aufgeben des Presto nach der ersten Lesart mit sich brächte, scheint uns kein großer.

Andrerseits muß man freilich die Pietät gelten lassen, die keinen Tact opfern wollte. Sollte sich aber in der Welt keine zweite Abschrift der Ouverture vorfinden, die auch den vollständigen Schluß enthielte?