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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Accent.

(Redende Künste.)

<16 li> Die Modification der Stimme, wodurch in der Rede, oder in dem Gesang, einige Töne sich vor andern ausnehmen, und wodurch also überhaupt Abwechslung und Mannigfaltigkeit in Stimme des Redenden kommen. [...]

Die Accente sind aber von verschiedener Gattung, und haben sowol in der künstlichen Rede oder der Sprache, als in der natürlichen, oder dem Gesange, statt; wir müssen jede Gattung besonders betrachten.

Jedes vielsylbige Wort hat auch außer der Rede, wenn es allein ausgesprochen wird, einen Accent, dessen Wirkung ist, dasselbe Wort von denen, die vor, oder nach ihm, stehen könnten, abzulösen und für sich zu einem Ganzen zu machen, indem es dadurch eine Erhöhung und Vertiefung, einen Anfang und ein Ende gekommen und also zu einem Worte wird. [...] Diese Gattung wird der grammatische Accent genennet. Er wird in jeder Sprache blos durch den Gebrauch bestimmt, dessen Gründe schwerlich zu entdeken sind. Dieser Accent ist eine der Ursachen, welche die Rede wohlklingend machen, indem sie die Glieder abtheilt, und diesen Gliedern selbst Mannigfaltigkeit giebt; da in verschiedenen gleichsylbigen <16 re> Wörtern der Accent verschieden gesetzt wird. [...]

Die nächste Gattung des Accents ist diejenige, welche zu deutlicher Bezeichnung des Sinnes der Rede dienet und den Nachdruck gewisser Begriffe bestimmt; man nennt dieses den oratorischen Akzent. [...] Eine besondere Art des oratorischen Accents ist der pathetische, welcher den oratorischen noch verstärkt. Dieser macht eigentlich <17 li> das aus, was wir den Ton nennen [...].

Von der Beobachtung der Accente hängt ein großer Teil des Wohlklangs ab. [...]

Accent in der Musik.

<18 li> Die verschiedenen Gründe, aus denen die Nothwendigkeit der Accente in der Sprache erkennt wird, können auch auf die Accente des Gesanges angewendet werden. Der Gesang ist eine Sprache, die ihre Gedanken und ihre Perioden hat. Ohne Verschiedenheit des Nachdruks der einzelnen Töne und <18 re> Mannigfaltigkeit darinn, das ist ohne Accente, hat keinen Gesang statt. Das Ohr muß bald gereitzt, bald in seiner Spannung etwas gehemmet werden, itzt eine größere, dann eine geringere Empfindung bey einerley Gattung des Ausdruks haben. Die Accente, welche sowol einzele Töne erheben oder dämpfen, als ganzen Figuren mehr oder weniger Nachdruk geben, sind die Mittel jener Würkungen zu erreichen.

Diese Accente sind, wie die in der gemeinen Sprache, grammatische, oratorische und pathetische Accente; sie müssen alle erst von dem Tonsetzer, hernach in dem Vortrag von dem Sänger oder Spieler, auf das genaueste beobachtet werden. Die dramatischen Accente in der Musik sind die langen und kräftigen Töne, welche die Haupttöne jedes Accords ausmachen und die durch die Länge und durch den Nachdruk, durch die mehrere Fühlbarkeit, vor den anderen, die durchgehende, den Accord nicht angehende Töne sind, müssen unterschieden werden. Diese Töne fallen auf die gute Zeit des Takts. Es ist aber schlechterdings nothwendig, daß sie in Singestüken mit den Accenten der Sprache genau übereintreffen.

Die oratorischen und pathetischen Accente des Gesanges werden beobachtet, wenn auf die Wörter, welche die Hauptbegriffe andeuten, Figuren angebracht werden, die mit dem Ausdruk desselben überein kommen, weniger bedeutende Begriffs aber mit solchen Tönen belegt werden, die blos zur Verbindung des Gesanges dienen; wenn die Hauptveränderungen au dieselben verlegt werden; wenn die kräftigsten Auszierungen des Gesanges, die nachdrüklichsten Vestärkungen oder Dämpfungen der Stimmen, an <19 li> due Stellen verlegt werden, wo der Ausdruk es erfodert.

[...]

Die Musik hat unendlich mehr Mittel, als die Sprache, ein Wort und eine Redensart verschiedentlich vor anderen zu modifiziren, das ist, sie hat eine Mannigfaltigkeit oratorischer und pathetischer Accente, da die Sprache nur wenige hat. Dieses ist einer der vornehmlichsten Gründe der vorzüglichen Stärke der Musik über die bloße Poesie. [...]

Auch der Tanz hat seine Accente, ohne welche er ein bloßer Gang, oder eine unordentliche Folge von nicht zusammenhängenden Schritten oder Sprüngen sein würde. [...]