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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Aehnlichkeit.

(Schöne Künste überhaupt.)

<24 li> Die Würkung sowol ganzer Werke der schönen Künste, als einzeler Teile derselben, kommt gar oft von der Aehnlichkeit her. Von ihr kommt das Vergnügen, das ein durch Kunst nachgeahmter Gegenstand erwekt; ihr hat man oft die große Würkung einiger Vorstellungen der Beredsamkeit und Dichtkunst zuzuschreiben. [...]

[...]

<25 li> Demnach ist die bloße Bemerkung der Aehnlichkeit, ohne alle Rüksicht auf die Kunst, wodurch sie entstanden ist, eine Ursache des Vergnügens. [...]

[...]

<25 re> [...] Das Reizende der Aehnlichkeit kommt von der entgegen gesetzten Natur der Dinge her, darin man sie bemerket.

[...]

Diese deutliche Entwiklung der Art, wie die Bemerkung der Aehnlichkeit das Vergnügen hervorbringt, setzet uns in Stand, den Werth der <26 li> Nachahmungen in den Künsten zu bestimmen und den Künstlern ein Geheimnis zu entdeken. Je entfernter das nachgeahmte Bild seiner Natur nach von dem Urbild ist, je lebhafter rührt die Aehnlichkeit. [...] Der Mahler befleiße sich nicht nur die Gestalt und die Farben, das Licht und die Schatten seines Urbilds zu erreichen; man begreift bald, wie diese körperliche Dinge auch auf einer Fläche zu erhalten sind: er wende den äußersten Fleis auf die Darstellung solcher Sachen an, welche über die Würkung der Farbe zu gehen scheinen; er mache Dinge sichtbar, die nicht für das Auge gemacht scheinen, die Wärme und Kälte, das Harte und Weiche, das Leben und den Geist: dadurch wird er uns in Bewunderung setzen.

Dieses ist in allen Nachahmungen das höchste. In der Musik ist es nichts außerordentliches, daß man die Höhe und Tiefe, die Geschwindigkeit und Langsamkeit der Rede nachahmet. Daß man aber den Tönen Eigenschaften geben kann, welche der tönende Körper, die Flöte oder die Sayte nicht haben kann, daß sie zärtlich seufzet, wollüstig schmachtet, oder vor Schmerzen stöhnet, dieses rührt uns bis zum Entzüken. Eben so sehr gefället es uns, wenn es dem Tonsetzer gelingt, durch bloße ungebildete Töne eine Art vernehmlicher Sprache hervorzubringen, daß wir glauben eine empfindungsvolle Rede zu vernehmen. Daß man aber durch Töne das Rauschen der Gewässer, oder das Rollen des Donners nachahmen kann, ist eine ganz <26 re> gleichgültige Sache. Beydes ist eine Würkung der Töne, und also auch leicht durch Töne nachzuahmen.

[...]

<27 re> Den wichtigsten Vorteil von der Aehnlichkeit ziehen die redenden Künste. Vorstellungen, die unmittelbar fast gar nicht, oder wenigstens nicht ohne große Weitläuftigkeit zu erweken waren, sind dadurch leicht hervorzubringen. Durch die Aehnlichkeit kann ein ganzer Gemüthszustand, eine verwikelte Situation, eine weitläuftige Vorstellung, überaus kurz ausgedrükt werden. [...]

Die Entdekung der Aehnlichkeit, die nach Wolff das ist, was man den Wiz nennt, ist demnach einer der wichtigsten Talente der Künstler, da sie so große Vortheile aus der Aehnlichkeit ziehen können [Siehe: Wiz].