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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Ausweichung [Modulation].

(Musik.)

<282 re> Ausweichen heißt in der Musik aus dem Ton, worinn man eine Zeitlang den Gesang und die Harmonie geführt hat (siehe Ton), in einen andern Ton herüber gehen. Dieses geschieht in der heutigen Musik in jedem Tonstük, und in den längern Stüken vielmal, sowol um die nöthige Abwechslung empfinden zu lassen, als um den Ausdruk desto vollkommener zu erreichen.

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Jeder Ton hat seinen eigenen Charakter, ein Gepräge, wodurch er sich von allen andern unterscheidet. Das Ohr fühlt dieses, so bald der Ton, worinn modulirt worden, verlassen, und gegen einen andern vertauscht wird. Aber ein Ton sticht gegen einen andern mehr oder weniger ab; und darinn verhalten sie sich, wie die Farben, unter denen ebenfalls mehr oder weniger Uebereinkunft oder Verwandtschaft ist. Führt man den Gesang so durch verschiedene Töne, daß immer der folgende wenig von dem vorhergehenden absticht, so empfindet das Ohr eine angenehme Abwechslung, in welcher nichts abgebrochenes, nichts hartes, nichts ohne <283 li> den genauesten Zusammenhang ist. Dergleichen Gesang schikt sich zu sanften und stillen Empfindungen. Hingegen würden solche, da der Affekt oft und plötzlich abwechselt, sehr wol durch einen Gesang können ausgedrukt werden, der den Ton oft und plötzlich ändert, und da die auf einander folgenden Töne stark gegeneinander abstechen.

Da überhaupt das Gehör in der Musik niemals beleidiget werden darf, so muß man diese Uebergänge in andre Töne, oder die Ausweichungen allemal so zu machen wissen, daß nichts gezwungenes, nichts abgerissenes darinn sey: Wiewol auch dieses in Fällen, da ein widriger Affekt es erfoderte, mit Vortheil könnte gebraucht werden.

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