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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Diatonisch.

(Musik.)

<607 li> Mit diesem Wort, das aus der griechischen Musik beybehalten worden, bezeichnet man die Tonleiter, die von dem Grundton bis auf seine Octave durch sieben Stufen herauf steiget, von denen zwey halbe, die übrigen ganze Töne sind. Also machen die Töne C, D, E, F, G, A, H, c, eine diatonische Tonleiter. Alle Stufen darinn sind ganze Töne, außer den zweyen E-F, und H-c, die nur halbe Töne sind. Die Veränderung der Ordnung in den Stufen, macht keine Veränderung in dem Namen; denn die Tonleiter bleibt diatonisch, von welchem Ton man auch anfängt, so daß auch diese Reyhe E, F, G, A, H, c, d, e, eben sowol eine diatonische Octave ausmacht, als die vorhergehende. Eben so bleibet der Tonleiter dieser Name, wenn auch gleich die von den Neuern eingeführten halben Töne darinn vorkommen, wenn nur in der ganzen Octave fünf Stufen ganze, und zwey Stufen halbe ausmachen; so daß auch folgende Tonleiter D, E, Fis, G, A, H, c, d, diatonisch ist.

Jeder Gesang, der seine Intervalle aus einer solchen Tonleiter nimmt, wird ein diatonischer Gesang genennt; und da dieses in der heutigen Musik fast allezeit geschieht, indem nur in gar wenigen Fällen andre Fortschreitungen vorkommen, so ist eigentlich unsre ganze Musik diatonisch, nur mit der Ausnahme, daß bisweilen einzele chromatische oder enharmonische Gänge darinn vorkommen.

Wenn man überall nach einer gleichschwebenden Temperatur <607 re> [siehe: Temperatur] singen könnte, so wäre der diatonische Gesang nur von zweyerley Art, nämlich der harte und der weiche, weil gar alle harte Tonleitern einander vollkommen gleich wären, so wie auch alle weiche einander gleichen würden. Nach jeder andern Temperatur aber hat jeder Grundton eine ihm eigene diatonische Leiter, die sich, wenn man auch auf kleine Abweichungen der Intervalle sehen will, von jeder andern unterscheidet [sieh: Intervalle]. Indessen kommen gar alle diatonische Gesänge darinn mit einander überein, daß keine Intervalle darinn vorkommen, die kleiner, als ein halber Ton sind, und daß der Gesang nie durch zwey hinter einander folgende halbe Töne fortschreitet.

Der diatonische Gesang scheinet natürlicher und leichter zu seyn, als irgend ein andrer, der durch kleinere Intervalle fortschreitet, oder der mehrere halbe Töne hinter einander hören läßt; selbst die diatonische Tonleiter giebt in der natürlichen Folge ihrer Töne sowol im Auf= als im Absteigen, schon einen leichten und guten Gesang, [Notenbeispiel] <608 li> welches bey keiner andern Tonleiter angeht.

Da man aber in der heutigen figurirten Musik selten lang in einem Ton bleibet, indem man den Gesang durch verschiedene Töne und Tonarten durchführet, so wird das diatonische bey den Ausweichungen oft unterbrochen. Nur in den Choralen, wo keine Ausweichungen geschehen, wird der ganz reine diatonische Gesang ohne Ausnahme beybehalten, und wird deßwegen von Zarlino der Diatono - diatonische Gesang genennt.

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