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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Einschnitt.

(Redende Künste. Musik.)

Einschnitt. (Musik.)

<33 li> Man ist nicht immer sorgfältig genug gewesen, die Kunstwörter, deren Bedeutungen nahe an einander gränzen, so genau zu bestimmen, daß man vollständig sicher seyn könnte, sie nie mit einander zu verwechseln. Die Wörter Einschnitt, Abschnitt, Glied der Rede, sind in diesem Fall. In dem Artikel Abschnitt ist die Bedeutung dieses Wortes auch noch etwas zu unbestimmt angenommen, daher dort verschiedenes fehlet, was theils hier, theils in dem Artikel Periode, soll nachgeholt werden.

Wir wollen also die verschiedenen Theile einer Periode, sowol in der Rede als in der Musik und im Tanz, mit dem allgemeinen Namen der Glieder belegen, und die größern Glieder, die sich durch merkliche Ruhepunkte unterscheiden, Abschnitte, die kleinern aber Einschnitte nennen. Also wären in der Rede die Einschnitte die Theile, die man durch das so genannte Comma; und die Abschnitte die, welche man durch die stärkern Unterscheidungszeichen (; : ! ?) andeutet; <33 re> und eine ähnliche Bedeutung würden diese Wörter in der Musik und in dem Tanz haben.

Man muß aber in der Rede, so wie im Gesang und Tanz, zwey Arten der Einschnitte wol von einander unterscheiden, ob es gleich nicht zu geschehen pflegt. [...] In dem Artikel Einförmigkeit ist angemerkt worden, daß jedes Werk der Kunst, so wie der Mensch, aus zwey Theilen besteht, dem Körper und dem Geist, deren jeder seine eigenen ästhetischen Eigenschaften haben müsse. [...] In dem Gesang sind die Töne, als Töne, der Körper; und die verschiedenen Theile der Melodie, die Vorstellungen von innerlichen Empfindungen erweken, bey deren Anhörung man glaubt eine, gewisse Empfindungen äußernde, Person reden zu hören, der Geist des Gesanges.

Die Einschnitte befinden sich überall, sowol in dem Körper, als in dem Geiste dieser Werke. Die, wodurch in der Rede die Sylben, die Wörter und die Füße, im Gesang aber die einzeln Töne, die Zeiten des Takts und die Takte selbst, dem Gehör fühlbar werden, sind körperliche Einschnitte; sie sind der Gegenstand der Prosodie und müssen bey Erforschung des Wolklanges in genaue Betrachtung gezogen werden; diejenigen aber, wodurch ein Gedanken oder eine Vorstellung von andern unterschieden wird, sind Einschnitte in dem Geist der Werke der Kunst. [...]

Einschnitt.

(Musik.)

<35 re> Die Namen, welche man den größern und kleinern Gliedern einer Melodie beylegt, sind bis itzt noch etwas unbestimmt. Man spricht von Perioden, Abschnitten, Einschnitten, Rhythmen, Cäsuren etc. so, daß dasselbe Wort bisweilen zweyerley, und zwey verschiedene Wörter bisweilen einerley, Sinn haben. Wir wollen in diesem Werk die Hauptglieder der Melodie, welche mit einem neuen Ton anfangen und mit einer ganzen Cadenz schließen, Perioden, oder Abschnitte nennen. Ihre Betrachtung wird also in einem eigenen Artikel erwogen werden [siehe: Periode. (Musik.)]. Die kleinern Glieder, aus deren mehrern die Periode insgemein besteht, und deren jedes insgemein ein Rhythmus genennt wird, wollen wir Einschnitte nennen, die kleinern Glieder aber, die durch kurze Ruhepunkte mitten in den Einschnitten verursachet werden, wollen wir Cäsuren nennen. <36 li> Diesen Benennungen zufolge bestehet eine Melodie aus Perioden, die Periode aus Einschnitten, die Einschnitte (wenn sie nicht einfach sind) aus Cäsuren.

Die Einschnitte sind in dem Gesange, was der Vers in dem Gedicht ist; jeder besteht aus einer kurzen Reyhe von genau zusammenhangenden Tönen, die das Gehör zusammennehmen, und als ein ganzes unzertrennliches Glied auf einmal fassen kann. Sie müssen so seyn, daß man auf keinem Ton stille stehen, oder einen Ruhepunkt empfinden kann, bis man auf den letzten gekommen ist, der dem Gehör einen merklichen Abfall empfinden läßt.

Beydes wird dadurch erhalten, daß mitten in dem Gliede oder Einschnitt die vollkommenen Consonanzen in der Melodie und die Dreyklänge in der Harmonie vermieden werden,, am Ende desselben aber entweder vermittelst solcher Consonanzen, oder durch den Dreyklang, auch durch Clauseln, eine kleine Ruhe fühlbar gemacht werde.

Weil der Einschnitt als ein einziges Glied auf einmal muß gefaßt werden, so kann er eine gewiss Länge nicht überschreiten; denn am Ende desselben muß sein Anfang in dem Gehör noch nicht ausgelöscht seyn. In der Poesie ist der längste Vers von sechs Sylbenfüßen, weil man gemerkt hat, daß das Gehör nicht wol mehr Füße auf einmal fassen könne. Die längsten Einschnitte der Melodie sind von fünf, höchstens sieben Takten, und schon in diesem Fall müssen sie, wie die längern Verse, Cäsuren haben, Die kürzesten Verse sind von zwey Füßen, und die kürzesten Einschnitte von zwey Takten. Wie aber eine Folge von vielen so kurzen Versen gar bald langweilig würde, so hätte auch ein Gesang von so kurzen Einschnitten keine Annehmlichkeit. Die von vier <36 re> Takten sind die gewöhnlichsten und besten. Man kann sie auch von drey Takten machen; wenn sie aber gut klingen sollen, so müssen allemal zwey Glieder von drey Takten zusammen verbunden werden, daß sie, als Einschnitte von sechs Takten, mit einer Cäsur in der Mitte empfunden werden. Diese schiken sich für die ungeraden Taktarten.

In so ferne man blos auf den Wolklang des Gesanges siehet, sind Einschnitte von gleicher Länge durch die ganze Melodie am besten. Und so sind sie auch in allen Tanzmelodien. Wo aber ein besonderer Ausdruck der Empfindung zu erreichen ist, da thun einzelne Einschnitte, die länger oder kürzer sind, als die sonst dem Stük gewöhnlichen, gute Würkung.

Es erfodert mancherley Vorsichtigkeit, um einen Gesang so einzurichten, daß das Gehör in Ansehung der rhythmischen Abtheilung nirgend beleidiget wird. [...]

In Singestüken ist es durchaus nothwendig, daß die Einschnitte des Gesanges mit den Einschnitten der Rede genau übereintreffen; denn der Gesang muß die Gedanken des Textes ausdrüken, daher im Gesang eher kein Einschnitt kommen kann, bis im Text ein Einschnitt in den Gedanken ist. Dieses macht die Erfindung der Melodie noch weit schwerer, als sie sonst seyn würde. Denn oft hat der Tonsetzer eine dem Affekt sehr angemessene Melodie gefunden, die aber <37 li> leicht Einschnitte haben kann, wo der Text keine leiden will. [...] Die Vorsichtigkeit erfodert, daß der Tonsetzer, ehe er an die Melodie denkt, den Text auf das vollkommenste zu deklamiren suche, und erst, wenn er dieses gefunden hat, eien dem richtigsten Vortrag völlig angemessenen Gesang zu erfinden sich bemühe.

[...]