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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Fantasiren, Fantasie.

(Musik.)

<205 li> Wenn ein Tonkünstler ein Stük, so wie er es allmählig in Gedanken setzet, sofort auf einem Instrumente spielt; oder wenn er ein schon nicht vorhandenes Stük spielt, sondern eines, das er währendem Spielen erfindet, so sagt man, er fantasire. Also gehört zum Fantasiren eine große Fertigkeit im Satz, besonders, wenn man auf Orgeln, Clavieren oder Harfen vielstimmig fantasirt. Die auf diese Weise gespielten Stüke werden Fantasien genennt, was für einen Charakter sie auch sonst an sich haben. Oft fantasirt man ohne Melodie blos der Harmonie und Modulation halber; oft aber fantasirt man so, daß das Stük den Charakter einer Arie, oder eines Duets, oder eines ganz andern singenden Stüks, mit begleitendem Baß hat. Einige Fantasien schweifen von einer Gattung in die andre aus, bald in <205 re> ordentlichem Takt, bald ohne Takt u.s.f.

Die Fantasien von großen Meistern, besonders die, welche aus einer gewissen Fülle der Empfindung un in dem Feuer der Begeisterung gespielt werden, sind oft, wie die ersten Entwürffe der Zeichner, Werke von ausnehmender Kraft und Schönheit, die bey einer gelassenen Gemüthslage nicht so könnten verfertiget werden.

[Es folgen Anmerkungen zu zwei Erfindungen von Creed und Holfeld, mit deren Hilfe man das das freie Fantasieren auf dem Klavier aufzeichnen kann.]

<206 re> Was übrigens die Kunst des Fantasirens betrifft, was für Hülffsmittel man habe, dasselbe zu erleichtern und was bey den verschiedenen Arten desselben zu bedenken, sey, darüber wird man in [Carl Philipp Emanuel] Bachs Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen [Berlin 1753/62. Reprint: Kassel 1994], sowohl im ersten als im zweyten Theile, in eigenen Capiteln, viel nützliches antreffen.