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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Fortschreitung.

(Musik.)

Von der melodischen Fortschreitung.
Von der harmonischen Fortschreitung.

<256 re> Dieses Wort hat in der Musik, als ein Kunstwort, eine doppelte Bedeutung: es wird gebraucht von der Folge der Töne in einer einzigen Stimme, dieses ist die melodische Fortschreitung; oder von der Folge der Töne in mehrern Stimmen zugleich, in Absicht auf die Reinigkeit der daher entstehenden Harmonie, dieses ist die harmonische Fortschreitung. Jede erfodert eine besondere Betrachtung.

Von der melodischen Fortschreitung.

In Absicht auf eine einzige Melodie muß die Fortschreitung leicht und natürlich, nämlich fließend und dem Ausdruk angemessen seyn, und alle, diesen Eigenschaften schädlichen, Fehler müssen vermieden werden. Dieses zu erhalten, hat der Tonsetzer verschiedenes in Acht zu nehmen, das wir anzeigen wollen.

1. Alle Dissonanzen müsen vorbereitet und aufgelöst werden, es sey denn, daß sie im Durchgang vorkommen, weil ohne dieses der Gesang sehr schwer wird. [...]

<257 li> 2. Auch sind dissonirende Sprünge in der melodischen Fortschreitung zu vermeiden, wie z.E. der Sprung in den Tritonus, in die falsche Quinte u.s.f. weil sie schwer zu treffen sind.

3. Auch Sprünge durch consonirende Intervalle sind in der Fortschreitung zu vermeiden, wenn der Grundton dem einen Intervall entgegen ist. [...]

<257 re> 4. Auch ist jeder Sprung auf einen Ton außer der diatonischen Leiter der Tonart, darin man ist, zu vermeiden, so lange das Gehör von dieser Tonart eingenommen ist. [...] Bey Ausweichungen, bey chromatischen und enharmonischen Gängen kommen zwar diese fremden Töne vor, alsdenn aber ist auch der Gesang würklich schwerer; hier ist von der Fortschreitung die Rede, wodurch der Gesang die höchste Leichtigkeit erhält.

Dieses sind die Hauptregeln zur Leichtigkeit des Gesanges.

Die melodische Fortschreitung muß aber auch dem Ausdruk oder Charakter des Stüks angemessen seyn. Sie kann zwey einander gegenstehende Charaktere annehmen, nämlich hüpfend, oder sanft forfließend seyn. Diese entgegenstehende Eigenschaften haben auch die Leidenschaften; Zorn und Unwillen, auch die Freude sind hüpfend, da hingegen alle sanften Empfindungen etwas Fließendes <258 li> haben. Also müssen die Fortschreitungen der Melodie damit übereinkommen.

Von der harmonischen Fortschreitung.

Man kann diese auch in zweyerley Absichten betrachten, nämlich in so fern die Harmonie dadurch rein, und in so fern sie fließend wird. Durch die reine Harmonie verstehen wir hier die, darin alle verbotenen Quinten und Octaven, sie seyen offenbar oder verdekt, vermieden werden; und durch eine fließende Harmonie diejenige, in welcher die Accorde in einem engen Zusammenhang sind, der nichts hartes hat. Diese beyden Eigenschaften der harmonischen Fortschreitung sind näher zu betrachten.

[Es folgen ausführliche satztechnische Erläuterungen.]

<258 re> man muß aberdie Fortschreitung hier vonder Modulation unterscheiden. Denn diese istdie Fortschreitung aus einem Ton in andre; jene die Fortschreitung der Harmonie, in so ferne sie in einem Tone bleibt; [...]