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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Gebunden.

(Musik.)

<318 re> Dieses Wort wird in der Musik verschiedentlich als ein Kunstwort gebraucht. Gebundene Noten oder Töne sind solche, die in einer schlechten Taktzeit angeschlagen werden, und bis auf eine gute Zeit liegen bleiben [Bindung]. <319 li> Eine gebundene Stimme, in Tonstüken, die für Instrumente gesetzt sind, heißt eine Stimme, die nicht blos zur Begleitung einer andern Stimme da ist, sondern für sich eine zum Ganzen nothwendige, und concertirende Parthie hat. Dergleichen Parthien werden insgemein mit dem italiänischen Wort obligato bezeichnet, wazu der Name des Instruments gesetzt wird, als Violino oder Basso obligato.

Eine besondre Gattung des gebundenen Basses macht der aus, den die Franzosen Basse contrainte nennen. Ein solcher Baß hat ein kurzes Thema von wenig Takten, welches er das ganze Stük hindurch, so lang es seyn mag, beständig wiederholt, da inzwischen die Hauptstimme beständig abwechselt, und also auf jede Wiederholung derselbigen Töne im Baß einen andern Gesang hat, wie in der Chaconne.

Große Harmonisten behandeln bisweilen einen solchen gebundenen Baß so, daß, ungeachtet er immerdieselben Töne hat, der Gesang der obern Stimmen dennoch ganz frey durch vielerley Tonarten modulirt, wovon man in Händels Alexanderfest zwey fürtreffliche Beyspiele findet [FN: Das eine in dem Tutti, dessen Worte anfangen: The Many rend the skies with loud applause; das andre in dem Tutti: Break his band of sleep asunder.]. Dieses ist aber sehr künstlich, und erfodert eine große Fertigkeit in Behandlung der Harmonie.

Rousseau macht über die gebundenen Bässe die richtige Anmerkung, daß sie den Tonstüken einen sehr pathetischen Charakter geben. Sie sind deßwegen in Kirchenmusik, über kurze Sprüche, die in den Hauptstimmen immer mit verändertem Gesang wiederholt werden, mit großem Vortheil zu gebrauchen.