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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Gemähld.

(Musik.)

<357 li> Man nennt in der Musik diejenigen Stellen einer Melodie, dadurch man Töne und Bewegungen aus der leblosen Natur genau nachzuahmen sucht, Gemählde, oder Mahlereyen. Der Wind, der Donner, das Brausen des Meeres oder das Lispeln eines Baches, das Schießen des Blitzes und dergleichen Dinge, können einigermaßen durch Ton und Bewegung nachgeahmt werden, und man findet, daß auch verständige und geschikte Tonsetzer es thun. Aber diese Mahlereyen sind dem wahren Geist der Musik entgegen, die nicht Begriffe von leblosen Dingen geben, sondern Empfindungen des Gemüths ausdrüken soll. Man kann diese Gemählde mit den falschen Gebehrden unwissender Redner vergleichen, <357 re> wodurch sie uns alles vormahlen; die das Hohe und Tiefe, das Weite und Nahe, das Gerade und Krumme, durch die Bewegung der Arme vorzeichnen. Es ist offenbar, daß durch solche kindischen Künsteleyen die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abgezogen und auf Nebensachen gelenkt wird. Gemählde in der Musik sind gerade so hoch zu achten, als bloße Wortspiele in der Rede. Einem Kenner von Geschmak wird allemal übel zu Muthe, wenn er hört, daß solche Dinge, die seinen Geschmak beleidigen, von unverständigen Liebhabern, als vorzügliche Schönheiten gelobt werden.

Es ist mir unbegreiflich, wie ein Mann von Händels Talenten sich und seine Kunst so weit hat erniedrigen können, daß er in einem Oratorio von den Plagen Aegyptens das Springen der Heuschreke, das Gewimmer der Läuse und andre so abgeschmakte Dinge durch Noten zu mahlen gesucht hat. Ein ungereimterer Mißbrauch der Kunst kann wol nicht erdacht werden.

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Ausführlicher und bündiger ist, was Hr. S. [Sulzer] hier über die musikalischen Gemählde sagt, unter andern, in Hrn. Engels S. [Schrift] Ueber die musikalische Mahlerey, Berlin 1780. 8. behandelt.