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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Piano.

(Musik.)

<690li> Wo dieses italiänische Wort, das meistens abgekürzt blos durch p angedeutet wird, in geschriebenen Tonstüken vorkommt, bedeutet es, daß die Stelle, bey der es steht, schwächer oder weniger laut als das übrige soll vorgetragen werden. Damit die Spieler sehen, wie lang dieser schwächere Vortrag anhalten soll, wird da, wo man wieder in der gewöhnlichen Stärke fortfahren soll, f. oder forte gesetzt. Bisweilen wird ein doppeltes p, nämlich pp. gesetzt, welches andeutet, daß dieselbe Stelle höchst sanft oder schwach soll angegeben werden.

Wie ein geschikter Redner, auch da, wo er überhaupt mit Heftigkeit spricht, bisweilen auf einzele Stellen kommt, wo er die Stimme sehr fallen läßt, so geschiehet dieses auch in der Musik, die überhaupt die natürlichen Wendungen der Rede nachahmet. Wie nun in einer mit Feuer und Stärke vorgetragenen Rede eine vorkommende zärtliche Stelle, durch Herabsetzung der Stimme und durch einen sanften zärtlichen Ton, ungemein gegen das andere absticht, und desto rührender wird: so wird auch der Ausdruk eines Tonstüks durch das Piano, das am rechten Orte angebracht <690re> ist, ungemein erhoben. [...]

Deswegen ist das Piano, am rechten Ort angebracht, ein fürtreffliches Mittel den Ausdruk zu erhöhen. Es giebt aber auch unwissende und von aller Urtheilskraft verlassene Tonsetzer, die sich einbilden, ihren unbedeutenden Stüken dadurch aufzuhelfen, daß sie fein oft mit Piano und Forte abwechseln. Daher wiederholen sie dieselben kahlen melodischen Gedanken unter beständiger Abwechslung von Piano und Forte so oft, daß jedem Zuhörer davor ekelt.