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Sulzer: Theorie der Schönen Künste

Tonart.

(Musik.)

<542 li> Wir nehmen dieses Wort hier in der genau bestimmten Bedeutung, nach welcher es das ausdrükt, was die ältern Tonlehrer durch das lateinische Wort MODUS auszudrüken pflegten; nämlich die Beschaffenheit der Tonleiter, nach welcher sie entweder durch die kleine oder große Terz aufsteiget. Jene wird die kleine, oder weiche, diese die große, oder harte Tonart genennt, welches man auch durch die Worte Moll und Dur ausdrükt. Diese beyden Ausdrüke haben aber einige Zweydeutigkeit. Denn bey ältern Schriftstellern bedeuten sie nicht wie itzt, die beyden MODOS, sondern wurden blos gebraucht, um anzuzeigen, ob in einem Gesange von der Doppelsayte B die höhere, die wir itzt mit H bezeichnen, oder die tiefere, die wir durch B andeuten, zu nehmen sey. im ersten <542 re> Falle hieß der Gesang CANTUS DURUS, im andern CANTUS MOLLIS.

Es giebt also nur zwey Tonarten, die harte und die weiche, die man auch die große und die kleine nennt; und nach der gegenwärtigen einrichtung hat jeder der zwölf in dem System eine Octave befindlichen Töne seine harte und seine weiche Tonleiter. Aber sowol die harten als die weichen sind nicht für alle Töne gleich, weil weder die Terzen, noch die Sexten in jedem Tone gleiche Verhältnisse haben [s. Artikel Tonleiter]. Was für ein Unterschied aber auch sich zwischen den verschiedenen harten, oder weichen Tonleitern der verschiedenen Töne findet, so ist dieses eine allgemeine Erfahrung, daß alle harten Tonleitern sich zu fröhlichen, und überhaupt zu lebhaften, die weichen aber zu zärtlichen Melodien vorzüglich schiken. Deswegen bey jedem zu verfertigenden Stük die Wahl der Tonart zuerst in Ueberlegung kommt, die nach Beschaffenheit des Ausdruks, der in dem Stük herrschen soll, zu wählen ist.