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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Frans Brüggen zum 60. Geburtstag (1.11.1994)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 1.11.1994)

MUSIK 001:

Arcangelo Corelli:
Variationen über "La follia";
daraus: (Ausschnitt)

Tel (LC 6019) 4509-93669-2 <Tr. 4-6>
[Dauer: 1'00]

Für viele Musikliebhaber gilt immer noch das vernichtende Urteil Hindemiths, der in den 30er Jahren die Frage stellte, was schlimmer sei als eine Blockflöte, um dann selbst darauf die Antwort zugeben: zwei Blockflöten. Die Blockflöte hat einen denkbar schlechten Ruf – als preiswertes, verhältnismäßig leicht zu erlernendes Schülerinstrument für die ersten Gehversuche in der klassischen Musik. Die Zahl derer, die in ihrer Kindheit mit der Blockflöte gequält wurden, ist sicherlich Legion. Aber auch die eingefleischten Gegner dieses Instruments lassen sich in aller Regel bekehren, wenn man ihnen vorführt, was sich mit dreißig Zentimeter durchbohrtem Holz alles anstellen läßt. Und wer wäre dafür geeigneter als der holländische Flötist Frans Brüggen, der es geschafft hat, die Blockflöte wieder gesellschaftsfähig zu machen.

MUSIK 002:

Antonio Vivaldi:
Sonate f. Blockflöte u. B.c. in g, op. 13,6;
daraus: 4. Satz.

Tel (LC 6019) 4509-93669-2 <Tr. 25>
[Dauer: 3'15]

Wie Frans Brüggen zur Blockflöte gekommen ist? Er selbst nennt als Datum das Jahr 1940. Es war Krieg, die Schule in Amsterdam war oft geschlossen, weil es an Brennstoff mangelte oder die jüdischen Lehrer deportiert worden waren. Als der sechsjährige Frans begann sich zu langweilen, gab die Mutter ihm dem ältesten Bruder in Obhut. Der spielte Oboe und brachte dem Kleinen die Flötentöne bei – in diesem Falle die Blockflötentöne:

"Ich war verliebt in dieses Instrument und bin es heute noch. Es mochte scheußlich klingen, aber das machte mir damals nichts aus, wenn ich nur darauf blasen konnte. Letztlich war es ein rein animalischer Trieb. Die Musik als solche interessierte mich in jener Zeit noch gar nicht. Ich spielte alles."

Zu Frans Brüggens leidvoll-lustvollen Erlebnissen gehört, daß er als Kind des öfteren nachts um zwei aus dem Bett geholt wurde, um zusammen mit Verwandten und befreundeten Musikliebhabern die Brandenburgischen Konzerte zu musizieren.

MUSIK 003:

Johann Sebastian Bach:
Brandenburgisches Konzert Nr. 2;
daraus: 2. Satz

RCA (0316) 87723 <Tr. 6>
Dauer: 3'30]

Daß sich aus solch kindlich unbefangener musikalischer Betätigung eine lebenslange Leidenschaft entwickeln sollte, war weiß Gott nicht vorauszusehen. Und als Frans Brüggen sich am Musikkonservatorium seiner Heimatstadt Amsterdam anmeldete, um Blockflöte zu studieren, fragte man zurück, er meine doch sicherlich "Querflöte". Aber Brüggen bestand auf Blockflöte und wurde der erste Student, der dieses Instrument im Hauptfach studierte.

Sein Lehrer wurde Kees Otten, der sich in den Niederlanden als Jazz-Klarinettist einen Namen gemacht hatte, und so geschah es fast zwangsläufig, daß Brüggen nicht nur mit barocker Musik in Berührung kam, sondern auch mit zeitgenössischer Musik, mit Avantgarde und Jazz. In seinen Solo-Recitals mischt er auch heute noch gerne Neues und Altes: da erklingt der Flöten-Lusthof von van Eyck aus dem Jahre 1646 neben minimalistischen Tonketten des zeitgenössischen Komponisten Frederick Rzewski oder Bachs Flötensonaten im Anschluß an Stücke mit Titeln wie "Sweet" oder "Black Intention", die eigens für Frans Brüggen komponiert wurden. Zusammen mit den Flötisten Kees Boeke und Walter van Hauwe gründete das Blockflöten-Trio "Sour Cream" mit der Absicht, die Kluft zwischen U- und E-Musik, zwischen Pop und Klassik zu überbrücken. Wer ein solches Konzert einmal miterlebt hat, kann es nur bedauern, daß von diesen Programm-Experimenten nichts auf CD oder als Rundfunkaufnahme erhalten ist.

Aber auch das zeichnet Brüggen aus: daß er nicht – wie einige seiner Kollegen – sich in der Beliebigkeit verliert, sondern wohl abzuwägen weiß, was dem eigenen Namen und der Sache gut tut. Die Sache: das ist für ihn vor allem unbedingte Werktreue – die Musik des Barock und der frühen Klassik in allen Details so zu interpretieren, wie es vom Komponisten damals auch gemeint war – auf Instrumenten der damaligen Zeit und mit jener Liebe zum Detail, die der Musik damals zu eigen war. Hier von Georg Philipp Telemann das Prélude aus dem ersten der Pariser Quartette. Es spielt das Quadro Amsterdam mit Frans Brüggen (Traversflöte), Jaap Schröder (Violine), Anner Bylsma (Violoncello) und Gustav Leonhardt (Cembalo).

MUSIK 004:

Georg Philipp Telemann:
Quartett Nr. 1 in D (TWV 43,D3),
daraus: Prélude.

Tel (LC 6019) 4509-92177-2 <CD 1, Tr. 1>
[Dauer: 2'05]

Als Frans Brüggen sich zu Beginn der 60er Jahre für die Idee der historischen Aufführungspraxis stark machte, winkten Konzertveranstalter und Schallplattenproduzenten zunächst ab: Das Spielen auf alten Instrumenten sei etwas für Musiker, die ihr Metier nicht beherrschten und eine Ausrede bräuchten. Mit Blockflöte oder einer Querflöte aus Holz, begleitet vom Cembalo ließe sich kein Zuhörer hinter dem Ofen hervorlocken.

Es hat lange gedauert, bis Musiker wie Frans Brüggen, Gustav Leonhardt oder Nikolaus Harnoncourt die Alte Musik im Konzertleben etabiert haben. Heute sieht der interpretatorische Standard geradezu umgekehrt aus: Da ist es fast schon unvorstellbar, daß Bach auf modernen Instrumenten in sinfonischer Besetzung gespielt wird.

Grund für Frans Brüggen, sich zu freuen und sich auf dem Erreichten auszuruhen? Mitnichten! Die zweite Karriere des Frans Brüggen begann damit, daß zwei Dutzend Musiker und Musikerinnen aus der "Alten Musik"-Szene sich mehr oder weniger spontan verabredeten um größere Orchesterwerke miteinander zu musizieren. Die Sache machte allen Beteiligten einen solchen Spaß, daß Brüggen 1981 mit Unterstützung von IBM Europa ein eigenes Orchester gründete: ein Ensemble von etwa vierzig Musikern, das in Umfang, Instrumentarium, Spielweise und Repertoire den Gegebenheiten des späten 18. Jahrhunderts entspricht. Und so heißt dieses Orchester denn auch: "Orchester des 18. Jahrhunderts".

Die Arbeitsbedingungen sind geradezu ideal: Zweimal im Jahr kommen die "Alte Musik"-Spezialisten für fünf Wochen zusammen, um zu proben und Konzerte zu geben, rund zwanzig an der Zahl. Die Konzerte werden mitgeschnitten und bilden die Grundlage für die zum Teil preisgekrönten CD-Veröffentlichungen. Ideale Arbeitsbedingungen herrschen auch sonst: Jedes Orchestermitglied verdient dasselbe, und auch Brüggen als Dirigent bekommt nicht mehr. Der Umgangston ist geprägt von legerer Kollegialität. Wenn es etwa um technische Details geht, kann es durchaus vorkommen, daß der Flötist Brüggen am Dirigentenpult sich von seinen Streicher-Kollegen anhören muß, er möge sich bitte auf seine poetischen Bilde und Vergleiche beschränken und das Handwerkliche denen überlassen, die darauf studiert haben.

In den knapp fünfzehn Jahren seines Bestehens hat sich das Repertoire des Orchesters ein wenig verschoben – hin zum frühen 19. Jahrhundert, hin zu Beethoven-Sinfonien, zu Schubert und Mendelssohn. Hier der letzte Satz aus Mendelssohns "Italienischer Sinfonie".

MUSIK 005:

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Sinfonie Nr. 4; daraus: 4. Satz.

Ph (LC 0305) 432 123-2 <Tr. 4>
[Dauer: 5'10

60 Jahre ist Frans Brüggen mittlerweile alt, seit annähernd vierzig Jahren im Musikgeschäft tätig. Wenn auch seine Erfolge und Auftritte nie so spektakulär waren wie die der großen Pultstars und Instrumental-Virtuosen, so hat er doch sicherlich mehr bewegt als sie. Die Alte Musik ist gesellschaftsfähig geworden, und dank seines Engagements beginnt man mittlerweile auch, die Musik der Wiener Klassik und der frühen Romantik mit anderen Ohren zu hören. Hören Sie nun zum Abschluß das Orchester des 18. Jahrhunderts unter der Leitung von Frans Brüggen mit dem Allegretto scherzando aus der achten Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

MUSIK 006:

Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 8; daraus: 2. Satz.
Ph (LC 0305) 426 846-2 <Tr. 6>
[Dauer: 3'50]