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Wilhelm Furtwängler (1886-1954)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 27.9.1992 – "Historische Aufnahmen")

Exposé
Wenn Wilhelm Furtwängler (1886-1954) das Dirigentenpult betrat, schauten die Orchestermusiker zunächst zum Konzertmeister am ersten Pult, um von dort den Einsatz zu bekommen. Niemand führte so ungenau und zittrig den Stab wie Furtwängler - was aber der künstlerischen Intensität seines Dirigats keinen Abbruch tat. Wie er mit den Berliner Philharmonikern die Sinfonien von Beethoven und Schumann musizierte, zählt zu den Sternstunden der Schallplattengeschichte. Als Künstler erfolgreich, scheiterte er als Mensch in seiner Zeit. Das Pathos, das Furtwängler in die Musik legte, kam der Ästhetik der nationalsozialistischen Machthabern sehr gelegen, so daß er im Ausland als der "braune Dirigent" verschrien war. Daß er im Rahmen seiner Möglichkeiten im Dritten Reich sich auch für jüdische Musiker einsetzte, ist allzuoft übersehen worden.
Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Serenade Nr. 13 ("Eine kleine Nachtmusik")
Auswahl: Menuett <Track xx.> 2:10
Interpreten: Wiener Philharmoniker
Ltg.: Wilhelm Furtwängler
Label: EMI (LC 0193)
1C 047-50579
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:10
Archiv-Nummer: DLF 1 086 419 002

Emigrieren – das sagt sich so leicht dahin. Aber wenn einer mit der Kultur seiner Heimat so verwurzelt ist wie ich, dann kommt ein solcher Schritt dem künstlerischen Tod gleich. Tausendmal lieber im geschlagenen und verarmten Deutschland, als in Paris in Reichtum und Wohlleben ersticken.

Mit diesen Sätzen versuchte Wilhelm Furtwängler 1936 einer Freundin zu erklären, warum er in Berlin blieb und nicht – wie so viele seiner Künstlerkollegen – dem Dritten Reich den Rücken kehrte. Furtwängler war alles andere als ein Anhänger der Nationalsozialisten, und der Weg, den er gegangen ist – während des Kriegs und nachher –, war sicherlich nicht weniger beschwerlich als die Emigration.

Duckmäusertum und Anpassung waren ihm fremd – darauf hatten schon seine Eltern und seine Hauslehrer geachtet; der Adel des Geistes dürfe sich nicht in den Niederungen des Alltags verlieren, sich durch Parteiengezänk und bequeme Scheinlösungen kompromittieren. Schon früh war Furtwängler klar, daß er nicht dazu geboren war, sich unterzuordnen. Selbstbewußt, von seinen Fähigkeiten überzeugt, aber ohne jede Überheblichkeit forderte er für sich den ersten Platz – als Mensch wie als Künstler. Seine größte Angst: im Mittelmaß unterzugehen. Weswegen er auch recht bald schon die Finger vom Komponieren gelassen hat, obwohl dies seine eigentliche Leidenschaft war.

"Im tiefsten Inneren bin ich Komponist und habe mich nur aus Not ins Dirigieren geflüchtet," bekannte Wilhelm Furtwängler in späteren Jahren. – Koketterie? Als Dirigent jedenfalls konnte er erreichen, was ihm als Komponist wohl nie gelungen wäre – Erster in seinem Fach zu werden. Die anfänglichen Stationen seiner Laufbahn: 1909 Kapellmeister in Straßburg, dann Lübeck, Mannheim, 1919 Leiter des Wiener Tonkünstler-Orchesters, Nachfolger von Richard Strauss als Dirigent der Symphoniekonzerte der Berliner Staatsoper, Konzertdirektor der "Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien – und schließlich, 1922, Nachfolger von Arthur Nikisch als Dirigent der Leipziger Gewandhauskonzerte und der Berliner Philharmoniker.

Die Komponisten, die Furtwängler als Dirigent bevorzugte: Mozart, Beethoven, Brahms, Schubert, Richard Strauss und Wagner. Den "Komponisten Furtwängler" überging der "Dirigent Furtwängler" geflissentlich – mit einer Ausnahme: 1939 drängte der Pianist Edwin Fischer darauf, Furtwänglers Klavierkonzert in h-moll einzuspielen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Wilhelm Furtwängler
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester h-moll
Auswahl: 2. Satz (Sinfonischer Dialog) <Track xx.> 11:15
Interpreten: Edwin Fischer (Klavier)
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Wilhelm Furtwängler
Label: EMI (LC 0193)
4696 / 4697
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 11:15
Archiv-Nummer: DLF 1 023 463 0

Der Dirigent und die Macht der Politik. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, hatten auch die jüdischen Musiker in Deutschland einen schweren Stand. Viele Orchester waren bestrebt, möglichst schnell "arisch" zu werden und kündigten ihren jüdischen Kollegen oder machten ihnen das Leben so schwer, daß sie von selbst aufgaben.

Bei den Berlinern Philharmoniker, das schon damals das deutsche "Vorzeige-Orchester" galt, wäre sicherlich ähnliches geschehen, hätte nicht Furtwängler sich schützend vor seine jüdischen Musiker gestellt. Seine Forderung an die Parteileitung: daß keinem Orchestermitglied Schwierigkeiten wegen nicht-arischer Abstammung entstehen; anderenfalls werde er, Furtwängler, sein Amt niederlegen. Goebbels willigte zähneknirschend in den Handel ein.

Auf Furtwängler und seine künstlerische Ausstrahlung – auch im Ausland – mochte man in Berlin nicht verzichten.

Der Machtkampf zwischen Furtwängler und den nationalsozialistischen Ideologen entzündete sich dann an der Person des Komponisten Paul Hindemith. Furtwängler plante Ende 1933 gerade die Uraufführung von Hindemiths Oper "Mathis, der Maler", da wurde der Komponist von der "nationalsozialistischen Kultur-Gemeinde" in aller Öffentlichkeit als "undeutsch" und "kultur-bolschewistisch" diffamiert. Für Furtwängler stand nicht nur eine Opern-Premiere auf dem Spiel, sondern die Freiheit der Kunst.

Innerhalb weniger Tage eskalierte die Situation: Die Zeitungen veröffentlichten Pamphlete, Gegendarstellungen und Protestschreiben – bis es Furtwängler zu bunt wurde und er seine öffentlichen Ämter im Präsidium der Reichs-Musikkammer niederlegte. Was Hitler höchstpersönlich wiederum zum Anlaß nahm, den unbequemen Dirigenten als Chef der Berliner Philharmoniker zu entlassen.

Für Furtwängler zunächst einmal das Ende seiner glanzvollen Karriere. Doch wenige Monate später schon mußten die Machthaber ihn wieder bitten. Denn seit Furtwänglers Rücktritt lag das Berliner Musikleben darnieder. Die Abonnenten gaben reihenweise ihre Karten zurück, die Solisten sagten aus Solidarität ihre Termine ab, und die ausländischen Konzertagenturen stornierten ihre Engagements: Ohne Furtwängler waren die Berliner Philharmoniker im Ausland nicht mal mehr die Hälfte wert.

Ist der Fall Hindemith auch Indiz für Furtwänglers Verständnis gegenüber der zeitgenössischen Musik? Nicht unbedingt! Furtwängler war von seiner Musikanschauung her rückwärts orientiert; mit Schönberg und dem Kreis der Neuen Wiener Schule zum Beispiel wußte er wenig anzufangen. Aber im Falle Hindemith ging es um etwas anderes: daß scheinbar musikalische Argumente dazu herhalten sollten, einen ideologisch und politisch mißliebigen Künstler auszuschalten.

Obwohl Furtwängler häufig Kompositionen von Hindemith dirigiert hat, gibt es leider nur sehr wenige Aufnahmen. Hier nun ein Mitschnitt vom 16. September 1947 mit den Berliner Philharmonikern: der Anfang der "Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber".

Musik-Nr.: 03
Komponist: Paul Hindemith
Werk-Titel: Sinfonische Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber
Auswahl: 1. Satz (Allegro) <Track __.> 4:05
Interpreten: Berliner Philharmoniker
Ltg. Wilhelm Furtwängler
Label: DGG (LC 0173)
18857
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: DLF 1 020 471 001

Ein musikalisches Portrait über Wilhelm Furtwängler bliebe unvollständig, würde man nicht auch auf seine Interpretationen der Beethoven-Sinfonien eingehen. Beethoven stand immer im Mittelpunkt seines musikalischen Denkens, und ohne Beethoven wäre für Furtwängler der Beruf des Dirigenten auch kaum vorstellbar gewesen.

Viel ist über seine Beethoven-Interpretationen geschrieben worden. Die einen kritisieren den freien Umgang mit den Tempi: wie er innerhalb weniger Takte den musikalischen Fluß beschleunigt und wieder abbremst; die anderen loben genau das als die "Manifestation des wahren Espressivo". Sicherlich zählte Furtwängler nie zu den "Taktschlägern", die wie ein lebendes Metronom ein starres Tempo durchpeitschen. Aber nicht minder suspekt waren ihm die exaltierten, scheinbar unkontrollierten Seelen-Ergüsse seiner Vorgänger Arthur Nikisch und Willem Mengelberg.

Daß der tragisch-pathetische Gestus der Beethoven'schen Kopfsätze ihm mehr lag als die heiter-burlesken Seiten, ist nicht zu leugnen. Aber hört man über Furtwänglers Interpretation der Scherzo-Sätze und Menuette vielleicht allzu oberflächlich hinweg? weil er eben nicht so ostentativ auftrumpft mit den Sforzati und Synkopen? – Hier nun zum Abschluß der zweite Satz aus der Sinfonie Nr. 8 in F-Dur. Es spielen die Berliner Philharmoniker in einem Konzertmitschnitt vom 14. April 1953.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93
Auswahl: 2. Satz (Allegretto scherzando) <Track 6.> 4:30
Interpreten: Berliner Philharmoniker
Ltg.: Wilhelm Furtwängler
Label: DGG (LC 0173)
415 666-2
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 4:30
Archiv-Nummer: DLF 6 000 283 0