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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Ingrid Haebler zum 65. Geburtstag (20. Juni 1991)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 20.6.1991)

MUSIK 001:

Wolfgang Amadeus Mozart:
Klaviersonate A-Dur, KV 331;
daraus: 1. Satz (Anfang).

Den 33 CO 1517 <Tr. 7.>
[Dauer: _'__]

In einem Interview bekannte die Pianistin Ingrid Haebler einmal, daß es keine schwierigere Klavierliteratur gebe als die Sonaten und Konzerte von Mozart. Koketterie einer Interpretin, die sich fast ausschließlich der Musik Mozarts verschrieben hat? Wer in Konzerten und bei Schallplatten-Einspielungen genau hinhört, wird zugeben müssen, daß Ingrid Haebler recht hat mit ihrer Einschätzung. Mozart auf dem Klavier – das klingt in aller Regel entweder unverbindlich perlend, als süßes Rokoko-Geklimper eines pflegeleichten Wunderkindes, oder aber die Musik wird mit düsterer Dämonie befrachtet, als ob Mozart zeitlebens seinen frühen Tod vor Augen gehabt hätte.

Den angemessenen Ausdruck zu finden – offensichtlich ist es das, was es so schwierig macht, Mozarts Musik zu interpretieren. Ingrid Haebler hat sich dieser Herausforderung schon zu Beginn ihrer pianistischen Karriere gestellt. Als sie 1947 am Salzburger Mozarteum ihr Konzertexamen ablegte, erhielt sie für ihre Mozart-Interpretationen die begehrte Lotte-Lehmann-Medaille der Mozarteum-Gesellschaft. Wo ihre Kollegen mit lautstarkem Tastendonner und technischer Virtuosität brillierten - auf den internationalen Klavierwettbewerben in Genf, Bozen und München, da errang sie die ersten Preise wegen ihrer Fähigkeit, "dem Publikum ein neues, überzeugendes Mozart-Bild zu vermitteln".

MUSIK 002:

Wolfgang Amadeus Mozart:
Klaviersonate a-moll, KV 310;
daraus: 1. Satz.

Den 33 CO 1517 <Tr. 1.>
[Dauer: 6'10]

Was ist damals, in den Fünfziger und Sechziger Jahren, das Neuartige an Ingrid Haeblers Mozart-Interpretationen gewesen? Die Juroren der Klavierwettbewerbe und die Musik-Kritiker hoben er wieder die Natürlichkeit und schlichte Diktion ihres Spiels hervor, ihre Nüchternheit in der Darstellung, die jedoch Wärme und Gefühl nicht ausschließt. Sie hat, was Mozart angeht, den "schön klingenden, singenden Ton" auf dem Klavier wiederentdeckt und den Details in Phrasierung und Dynamik neue Beachtung geschenkt. Allerdings (und dies muß man der Gerechtigkeit halber auch eingestehen): Über diese Freude an der Detailarbeit ließ sie des öfteren den Blick für das Gesamte, die große Form, vermissen.

Bei Mozart mochte dies noch angehen, bei den Schubert-Sonaten mit ihren "himmlischen Längen" konnte der fehlende lange Atem indes zur Qual werden. Aber offensichtlich war dies ein Durchgangsstadium in ihrer interpretatorischen Entwicklung, ein (sicherlich notwendiger) Schritt zur künsterlischen Reife, wie ihre jüngsten Einspielungen der Mozart-Sonaten belegen. Und es scheint, daß Ingrid Haeblers Kammermusik-Partner hier wichtige Impulse gegeben haben. Zusammen mit dem Geiger Arthur Grumiaux hat sie zahlreiche Kammermusik-Abende gegeben und die Violinsonaten von Mozart und Schubert auf Schallplatte eingepielt. 1969 dann entstand mit dem Grumiaux-Trio und Jacques Cazauran (Kontrabaß) die vielfach prämierte Aufnahme von Schuberts Forellenquintett. – Hier ein Ausschnitt aus dem 3. Satz.

MUSIK 003:

Franz Schubert:
Forellenquintett;
daraus: 3. Satz (Ausschnitt)

Ph 422 838-2 <Tr. 3.>
[Dauer: _'__]

Ingrid Haebler wurde 1926 in Wien geboren und verbrachte ihre Kindheit in Polen. Die Eltern, beide musikinteressiert, zählten zu ihren Freunden so berühmte Interpreten wie Claudio Arrau, Robert Casadesus und Bronislaw Huberman, und diese Persönlichkeiten prägten früh schon den künstlerischen Anspruch von Ingrid Haebler. Den ersten Klavierunterricht erhielt sie mit sechs Jahren, und als die Eltern bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Salzburg zurückkehrten, wurde sie elfjährig als Studentin des Mozarteums, der Salzburger Musikhochschule, aufgenommen. 1947 Konzertexamen in Salzburg; danach nahm sie weiter Unterricht bei Nikita Magaloff in Genf und bei Marguertite Long in Paris.

Sie alle haben sicherlich Einfluß auf Ingrid Haeblers künstlerische Entwicklung genommen, ohne jedoch an der Richtung etwas zu ändern. Die pianistische Pranke, das auftrumpfende Fortissimo ist ihre Sache nie gewesen; dem musikalischen Pathos, wie er in Beethovens späten Klaviersonaten oder in den großen Klavierzyklen von Robert Schumann zu finden ist, dieser heroischen Attitüde stand sie immer schon skeptisch gegenüber; von Chopin spielt sie lieber die Walzer und lyrischen Nocturnes als die schillernd-virtuosen Etüden. Nicht, daß die Fingerfertigkeit dazu nicht besitzt – im Gegenteil! Aber in Anspruch an die musikalische Gestaltung liegt auf einem anderen Gebiet.

So überrascht es denn auch nicht, daß Ingrid Haebler schon Mitte der Sechziger Jahre, lange bevor die historische Aufführungspraxis in Mode kam, den Hammerflügel der Mozartzeit für ihren Interpretationsstil entdeckte. Auf einem solchen Instrument begann sie 1969, die Klavierkonzerte von dem Bach-Sohn und Mozart-Zeitgenossen Johann Christian Bach einzuspielen. Hier ein Ausschnitt von dem Konzert in D-Dur, op. 13, Nr. 2. Ingrid Haebler wird begleitet von der Capella Academica Wien unter der Leitung von Eduard Melkus.

MUSIK 004:

Johann Christian Bach:
Klavierkonzert D-Dur, op. 13, Nr. 2;
daraus: 1. Satz (Ausschnitt).

Ph 426 085-2 <Tr. 1.>
[Dauer: _'__]