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Die Pianistin Clara Haskil

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 26.11.1987 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Robert Schumann
Werk-Titel: Kinderszenen op. 15
Auswahl: 'Fast zu ernst' <Track xx.> 1:25
Interpreten: Clara Haskil (Klavier)
Label: Philips (LC 0305)
6599 439
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:25
Archiv-Nummer: ____

Fast zu ernst – diese Klavierminiatur aus Robert Schumanns Kinderszenen könnte geradezu als Motto über dem Leben der Pianistin Clara Haskil stehen. Denn Ernst, Schwermut und Zurückhaltung waren die bezeichnenden Charaktereigenschaften dieser großen Pianistin. Aber nicht nur die Persönlichkeit Clara Haskils spiegelt sich in diesem kurzen Stück Musik wider. Auch ihr Klavierspiel wurde bisweilen als "fast zu ernst" beschrieben – vor allem von jenen Musikkritikern, die dem spätromantischen Virtuosen-Kult nachtrauerten und von Begriffen wie "musikalischer Werktreue" noch nie etwas gehört hatten.

Es war ein großes Hindernis für die Karriere von Clara Haskil, daß ihr jeglicher Sinn für musikalische Selbstdarstellung und Effekthascherei abging. Jahrzehntelang konzertierte sie in der Schweiz, in Frankreich und Holland, ohne daß das breite Musikpublikum – trotz hervorragender Kritiken – auf sie aufmerksam geworden wäre. Nicht, daß sie damals, in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, schlecht gespielt hätte – im Gegenteil –, aber die Zeit war anscheinend noch nicht reif für ihre Musikauffassung und ihren Interpretationsstil: Was half es, daß die Kritiker die sublimen Nuancen zwischen Piano und Pianissimo rühmten? Was half der Zuspruch von Musiker-Kollegen wie Dinu Lipatti oder Pablo Casals, solange Bach und Mozart beim Publikum allenfalls als "Fingerübungen" galten, um sich für die virtuosen Highlights der Klavierliteratur warm zu spielen.

So stieß sie bei Konzertveranstaltern auch immer wieder auf Ablehnung, wenn sie Schumanns Kinderszenen vorschlug. Die Sonaten, die Kreisleriana und den Carnaval – gerne; aber nicht doch Stücke, die jede höhere Tochter zu Hause klimperte! Damit war kein Publikum anzulocken. – Sehr spät erst, Mitte der 50er Jahre, erhielt sie dann die Möglichkeit, die Kinderszenen auf Schallplatte einzuspielen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Robert Schumann
Werk-Titel: Kinderszenen op. 15
Interpreten: Clara Haskil (Klavier)
Label: Philips (LC 0305)
6599 439
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 16:35
Archiv-Nummer: ____

Kinderszenen – aus dem Leben der Clara Haskil: geboren 1895 in Bukarest lernte Clara früh die Unbilden des Lebens kennen. Kaum war sie zwei Jahre alt, da brannte im Winter 1897 die herrschaftliche Wohnung der Haskils ab. Aber schlimmer noch als das, zog sich der Vater bei den Löscharbeiten eine Lungenentzündung zu und starb wenige Monate später.

Der Tod des Vaters hat Claras Kindheit und Jugend. entscheidend beeinflußt, denn als Oberhaupt der Familie fungierte von nun an der Bruder des Verstorbenen, Onkel Avram. Als man Claras besondere Begabung im Klavierspiel erkannte, widmete sich Onkel Avram ausschließlich ihrer musikalischen Erziehung, ohne jedoch auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Für Clara bedeutete dies, daß sie als Siebenjährige mit ihm nach Wien übersiedeln mußte, weil es in Bukarest angeblich keinen Lehrer gab, von dem sie noch etwas hätte lernen können. Fern ab der vertrauten Umgebung und ihrer Familie war Clara den ehrgeizigen Plänen ihres Onkels hilflos ausgeliefert.

Onkel Avram, der Junggeselle war, führte ein ausgesprochen unhäusliches Leben: Die meiste Zeit lebten sie in einem spärlich möblierten Zimmer zur Untermiete, und das Mittagessen wurde gewöhnlich in einem der vielen kleinen Lokal in Wien eingenommen. Darüber hinaus versuchte Avram aber auch, jeden Kontakt seiner Nichte zu Gleichaltrigen zu unterbinden, weil er fürchtete, Clara könne von ihrer Pianistenkarriere abgelenkt werden.

Das schüchterne und folgsame Mädchen erregte in Wien schon bald Bewunderung. In einer Kritik eines Konservatoriums-Konzertes heißt es:

"Ob sie Bach, Schumann oder Chopin spielt, alles lebt, ist voller Sensiblität, Anmut und Temperament. Alles ist von Grund auf erfaßt, empfunden und vollendet bis ins kleinste technische Detail."

Und so trachtet Onkel Avram nach Höherem: 1905 zieht er mit Clara von Wien nach Paris, wo sie bald schon in die Klavierklasse von Alfred Cortot aufgenommen wird. In den nächsten Jahren gewinnt sie mehrere Preise, und ihre Konzerte erhalten ungewöhnlich gute Kritiken. Aber wiederholt klagte Clara Haskil später über die Einsamkeit, unter der sie damals in Paris gelitten hatte. Denn jeder Versuch, Freunde zu finden und sich dem übermächtigen Einfluß ihres Onkels zu entziehen, wurde im Keim erstickt.

1912 scheint die Karriere der jungen Künstlerin zu Ende zu sein, als sich die ersten Anzeichen einer Skoliose, einer Rückgrat-Verkrümmung, bemerkbar machen. Mehrere Jahre lang mußte sie ein Gipskorsett tragen, das das Klavierspielen unmöglich machte. Und erst 1917 konnte sie sich – nach einer Unterbrechung von über sechs Jahren - wieder intensiv dem Klavierspiel widmen.

Verständlich, daß Clara Haskil auf Grund dieser Erfahrungen sehr unzugänglich und verschlossen war. Immer wieder wurde sie von Selbstzweifeln gepackt, sie stieß die Menschen vor den Kopf und verhielt sich häufig abweisend, auch gegenüber den Kritikern und Konzertagenten, auf deren Wohlwollen sie doch letztlich angewiesen war.

Aber obwohl sie sich Zeit ihres Lebens selber im Weg stand, genoß sie die Zuneigung und Sympathie vieler Künstler. Mit dem 22 Jahre jüngeren Dinu Lipatti verband sie eine innige Freundschaft, Pablo Casals lud sie wiederholt in sein Exil nach Prades ein, und sie war bevorzugter Kammermusikpartner von Isaak Stern und Arthur Grumiaux.

Mit Arthur Grumiaux hat sie 1957 auch sämtliche Violinsonaten von Beethoven eingespielt – eine Interpretation, der 1971 (also zehn Jahre nach dem Tod von Clara Haskil) der Deutsche Schallplattenpreis zuerkannt wurde. Hören Sie nun aus der Sonate Nr. 5, der sogenannten Frühlings-Sonate den ersten Satz.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate für Violine und Klavier Nr. 5 F-Dur, op. 24
Auswahl: 1. Satz (Allegro) <Track xx.> 10:10
Interpreten: Arthur Grumiaux (Violine)
Clara Haskil (Klavier)
Label: Philips (LC 0305)
6588 002
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 10:10
Archiv-Nummer: ____

Jungen Musikern wird gerne die Ermutigung auf den Weg mitgegeben, daß wahres Talent sich über kurz oder lang immer durchsetzt. Was dabei allerdings allzu gerne verschwiegen wird: daß es auch einer gehörigen Portion Glück bedarf. – Und dieses Glück blieb Clara Haskil über Jahrzehnte hinweg versagt.

Zwischen den beiden Weltkriegen gab sie immer wieder Konzerte, in deren Anschluß sie dann überschwenglich gefeiert wurde; vor allem in der Schweiz besaß sie eine treue Anhängerschaft. Aber der große künstlerische Durchbruch blieb aus. In manchen Jahren hatte sie auf Monate hinaus kein einziges Engagement in Aussicht, so daß sie sich oft genug fragte, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war, als sie das Klavierspielen zu ihrem Beruf machte. Von solchen Selbstzweifeln wurde sie Zeit ihres Lebens geplagt; kaum ein Konzertabend, mit dem sie wirklich zufrieden war. Hinzu kam, daß sie unter unsäglichem Lampenfieber litt, und – wenn es irgend ging – ihre Konzerte in letzter Minute absagte.

Dieser vergebliche Kampf um Anerkennung schlug sich unweigerlich auf das Gemüt nieder. Aber - als ob sie daran nicht genug zu tragen gehabt hätte, machte sich auch ihre verkrümmte Wirbelsäule wieder bemerkbar; und eines Tages diagnostizierten die Ärzte einen bedrohlichen Tumor an ihrem Sehnerv, der unter ungünstigsten Bedingungen während des Zweiten Weltkrieges operiert wurde.

Von all dem ist in ihren Interpretationen nichts zu spüren – es sei denn, man wollte die Zurückhaltung in ihrem Spiel, der Verzicht auf allen äußerlichen Glanz als Ausdruck einer gewissen Resignation ansehen.

In den 50er Jahren schließlich war es soweit: Die Konzertagenturen und Schallplattenfirmen wurden auf Clara Haskil aufmerksam. Hatte sie sich noch vor wenigen Jahren beklagt, daß sie monatelang ohne Engagement sei, so mußte sie nun durch ganz Europa von einem Termin zum nächsten hetzen.

In diesen Jahren entstanden auch die meisten ihrer Aufnahmen. Gemessen an dem Repertoire, das sie beherrschte, ist es allerdings nicht viel, was sie auf Schallplatte eingespielt hat: überwiegend Schumann und Mozart.

Wenige Wochen vor ihrem Tod – sie starb am 7. Dezember 1960 an den Folgen eines Sturzes – hat Clara Haskil noch mit dem Dirigenten Igor Markevich und dem Orchestre des Concerts Lamoureux eines ihrer Lieblingskonzerte von Mozart eingespielt: das Konzert in d-moll, Kachel-Verzeichnis 466. Hören Sie nun zum Abschluß daraus den 3. Satz.
Musik-Nr.: 04
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester d-moll, KV 466
Auswahl: 3. Satz (Rondo. Presto) <Track xx.> 7:05
Interpreten: Clara Haskil (Klavier)
Orchestre des Concerts Lamoureux
Ltg.: Igor Markevitch
Label: Philips (LC 0305)
6599 442
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 7:05
Archiv-Nummer: ____