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Vladimir Horowitz

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: Nov. 1990 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Vladimir Horowitz
Werk-Titel: Walzer f-moll
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
Label: foné (LC ____)
90 F 12 CD
<Track 12.> Gesamt-Zeit: 1:35
Archiv-Nummer: ____

Komponist wollte er ursprünglich werden, und noch in den letzten Interviews betonte er immer wieder, daß er die Pianistenlaufbahn nur deswegen eingeschlagen habe, um sich und seiner Familie den Lebensunterhalt zu sichern. Ein Glück, möchte man fast sagen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse im damaligen revolutionären Rußland ihn aufs Podium getrieben haben, denn als Komponist wäre er heute sicherlich vergessen.

Die Rede ist von Vladimir Horowitz, der vor gut einem Jahr, am 5. November 1989, in New York gestorben ist. Der Walzer, den Sie soeben gehört haben, stammt aus seiner Feder – eine jener Salonpiecen, die Horowitz noch in den 20er Jahren zu Dutzenden komponiert hat. Für uns heutzutage eher ein Kuriosum.

Als "Tastengott" und "Zauberkünstler am Klavier" ist Horowitz in der Presse stilisiert worden, sein Klavierspiel als "dämonisch virtuos" oder "versonnen schwelgend in himmlischen Kantilenen". Wenn es darum ging, ein Horowitz-Konzert zu rezensieren, entdeckten die abgebrühtesten Musikkritiker in Europa und Amerika ihre poetische Ader. Ein Filmportrait, das 1985 über ihn gedreht wurde, bezeichnete ihn als den "letzten Romantiker"; und vielleicht ist dies die noch treffendste Charakterisierung seiner künstlerischen Ausstrahlung: Wie weiland Chopin und Liszt kannte auch Horowitz keine technischen Schwierigkeiten. Und wie die Romantiker machte auch er keinen Hehl daraus, daß sein Klavierspiel in höchstem Maße subjektiv war, daß Werktreue und eine wie auch immer geartete Authentizität für ihn keine Bedeutung besaßen. Horowitz ging es allein um den sinnlichen Reiz der Musik – sei es als virtuoses Feuerwerk oder als dahinschmelzende Kantilene wie in der Liszt-Bearbeitung von Schuberts "Ständchen".
Musik-Nr.: 02
Komponist: Franz Schubert (Bearb.: F. Liszt)
Werk-Titel: Ständchen (aus: Schwanengesang)
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
427 772-2
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 5:40
Archiv-Nummer: ____

Wie kaum ein anderer verstand es Horowitz, das Klavier regelrecht zum Singen zu bringen. Wenn sein Landsmann Igor Strawinsky das Klavier einmal ein vorzügliches Schlagzeug nannte, so straft Horowitz' Kunst, aus diesem Schlagzeug Melodien zu zaubern, ihn Lügen. – Oder sollte es nur am Instrument gelegen haben? Seit den 40er Jahren spielte Horowitz ausschließlich auf seinem eigenen Flügel, einem Steinway, den er auch während seiner ausgedehnten Tourneen von Konzertsaal zu Konzertsaal mitnahm. Ein eigens engagierter Klaviertechniker hatte dafür zu sorgen, daß alles stimmte; mit der Wasserwaage ließ Horowitz nachprüfen, ob sein Instrument auch wirklich waagerecht stand.

Starallüren, genialische Überspanntheit? – Auch hierin erwies sich Horowitz als Romantiker: Er machte aus seinen kleinen und großen Marotten keinen Hehl, sondern kultivierte sie mit sichtlichem Genuß – zum Entsetzen der Konzertveranstalter und zur Freude der Regenbogen-Presse. Konzerte nur sonntag-nachmittags zur Teezeit um fünf Uhr; Absagen, wenn ihm im Restaurant der Seelachs nicht mundete oder er sich wieder einmal vor Eisenbahnen, Schiffen und Hotelzimmern fürchtete.

Und schließlich die berüchtigten Nervenkrisen, derentwegen er sich jahrelang

vom Konzertpodium zurückzog. Viermal hat Horowitz derart ausgedehnte künstlerische Ruhepausen eingelegt; die erste Ende der 30er Jahre, als ihm das Eheleben mit der Wanda Toscanini, der Tochter des italienischen Dirigenten, über den Kopf zu wachsen drohte: Denn nicht nur, daß Wanda Toscanini eine ausgesprochen energische und resolute Frau war, die ihrem Pianisten-Gatten vorschrieb, wo es langging; auch Schwiegervater Arturo setzte dem sensiblen Vladimir mächtig zu: Gleichermaßen cholerisch wie perfektionistisch probte Toscanini drei Wochen lang an Tschaikowskys erstem Klavierkonzert; drei Wochen lang immer wieder dieselben Akkorde und Läufe; und erst, als Horowitz am Rande des Zusammenbruchs stand, gab Toscanini die Erlaubnis zur Aufnahme.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Peter I. Tschaikowsky
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-moll, op. 23
Auswahl: 3. Satz (Allegro con fuoco) <Track 19.> 6:05
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
NBC Symphony Orchestra
Ltg.: Arturo Toscanini
Label: RCA (LC 0316)
GD 60449
<Track 19.> Gesamt-Zeit: 6:05
Archiv-Nummer: ____
Das Repertoire, das Horowitz beherrschte, war immens: In Leningrad gab er im Winter 1923 über zwanzig Konzerte hintereinander, ohne ein Stück zweimal aufs Programm zu setzen. Zu Beginn seiner Karriere setzte er vor allem auf die virtuosen "Schlachtrösser", mit denen er das sensationshungrige Konzertpublikum in seinen Bann zu ziehen verstand: Liszt, Chopin, Medtner, Rachmaninov. In zunehmendem Maße aber erschloß er sich auch ein Repertoire, das seiner Neigung zum jeu perle, perlenden Fingerspiel, entgegen kam. Die Sonaten von Mozart – das bot sich ohnehin an; aber Horowitz war einer der ersten, der darüber hinaus auch Scarlatti und Muzio Clementi auf seine Programme setzte.

Die Beschäftigung mit dem Klavierbauer und Komponisten Clementi verdankte Horowitz seiner Ehefrau Wanda, die die komplette Erstausgabe aller Sonaten bei einem Antiquar in Italien erstanden hatte. 46 Sonaten in zwölf Bänden. Horowitz studierte sie ein – eine nach der anderen und kam zu der Überzeugung, daß Clementi der eigentliche Vater der modernen Klaviertechnik gewesen ist, auch wenn ihm das Genie eines Mozart oder Beethovens fehlte. In einem Inteview nannte er es einmal eines der größten Verbrechen in der Musikgeschichte, daß von Clementi nur die Sonatinen und Etüden bekannnt sind, daß seine Sonaten im Konzertsaal nie gespielt werden und auch an den Musikkonservatorien nicht zum Pflichtrepertoire gehören. Hier nun die Sonate op. 26, Nr. 2 in fis-moll in einer Aufnahme von 1954.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Muzio Clementi
Werk-Titel: Sonate fis-moll op. 26,2
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
Label: RCA (LC 0316)
GD 87753
<Track 10.11.12.> Gesamt-Zeit: 11:35
Archiv-Nummer: ____

Man hat Horowitz als den "letzten Romantiker" bezeichnet – und in der Tat: mit den romantischen Virtuosen hatte er nicht nur die künstlerische Grundhaltung gemein, sondern auch den Umgang mit dem Publikum. Wie kaum ein anderer Pianist des 20. Jahrhunderts verstand er es, sein Publikum zu fesseln, und ebenso wußte er, was medienwirksam war. Aus den Gagen, die er erhielt machte er nie einen Hehl; Allein sein Konzert in Moskau im April 1986 brachte ihm 500 Tausend Dollar ein. Und sein Auftreten in der Öffentlichkeit war immer ein Pressephoto wert: Sei es, daß er an der Konzertkasse den wartenden Enthusiasten heißen Kaffee und Krapfen spendierte, oder daß er als 74Jähriger im berüchtigten New Yorker Nachtclub Studio Fifty-Four das Tanzbein schwang – und das nicht unbedingt zu Chopins elegischen Mazurken ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Mazurka a-moll, op. 17,4
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Vladimir Horowitz (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
419 045-2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____