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W. Lempfrid:

Opfer des nationalsozialistischen Terrors –
der Pianist Karlrobert Kreiten

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 8.9.1988 – "Historische Aufnahmen")

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Am 14. September 1943 konnte man in den deutschen Tageszeitungen folgende Notiz lesen:

Es war das tragische Ende eines Musikers, der sich nichts weiter hatte zu Schulden kommen lassen als seiner Vermieterin gegenüber zu äußern, der Krieg sei praktisch verloren und die deutsche Kultur treibe dem Untergang entgegen. Diese beiläufige Bemerkung wurde Karlrobert Kreiten zum Verhängnis: Die Vermieterin hatte nichts Eiligeres zu tun als den Pianisten bei ihrer Schulungsleiterin zu denunizeren; diese wiederum meldete den Vorfall zunächst bei der Reichsmusikkammer, und als sich nichts tat, wandte sie sich direkt an das Propagandaministerium. Die Gründe für diese Beharrlichkeit kennen wir nicht. War es bloßes Geltungsbedürfnis einer Parteigenossin oder trieb sie der Neid auf das großbürgerliche kunstsinnige Milieu, in dem die Familie Kreiten sich in Düsseldorf bewegte und das den Nationalsozialisten wegen der betont unpolitischen Haltung suspkt war? – Jedenfalls war der Name Kreiten allen Beteiligten durchaus ein Begriff.

Mit der nachbarschaftlichen Anzeige nahm das Schicksal seinen Lauf. Am 3. Mai 1943 wurde Karlrobert Kreiten während einer Konzertreise von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Alle Termine mußten abgesagt werden; es folgten Verhöre durch die Gestapo, und vier Monate später wurde er im Schnellverfahren vom Freisler' schen Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Nichts half mehr; alle Interventionen und Gnadengesuche um Aufschub des unmenschlichen Urteils gingen auf den Dienstwegen verloren oder blieben auf den Schreibtischen unbearbeitet liegen - wie es scheint, mit Absicht: Es sollte aus Propaganda-Gründen ein Exempel der Härte statuiert werden; die nationalsozialistischen Henker wollten demonstrieren, daß sie nicht davor zurückschreckten, auch prominente Künstler (wie sie es nannten) zur Rechenschaft zu ziehen.

In diesem Sinne ist auch jener Kommentar zu verstehen, den ein gewisser Werner Höfer am 14. September 1943 als kulturpolitischen Leitartikel im Berliner 12-Uhr-Blatt veröffentlichte. Darin heißt es im Stile Goebbels'scher Durchhalteparolen:

Politischer Opportunismus gepaart mit zynischer Menschenverachtung spricht aus diesen Zeilen. Doch vertiefen wir uns nicht zusehr in den Gesinnungsjournalismus des Dritten Reichs, der auch vor den Feuilletonseiten nicht Halt gemacht hat. – Hören Sie zunächst Karlrobert Kreiten mit dem Brahms'schen Intermezzo in As-Dur, op. 76, Nr. 3, eine Privataufnahme, die im November 1934 entstanden ist.

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Wer war dieser junge Pianist, daß er sich derart den Zorn des Freisler'schen Volksgerichtshofs zugezogen hatte? daß die Nationalsozialisten ihn mit einer solch unmenschlichen Härte behandelten? – Über den künstlerischen Rang Karlrobert Kreitens mag eine Begebenheit Aufschluß geben, die Ihnen vielleicht in einem anderen Zusammenhang bekannt sein dürfte. Beim Wiener Pianisten-Wettbewerb im Jahre 1933 kam es zu einem Eklat, der weltweit für Aufsehen sorgte: Unter Protest verließ damals Alfred Cortot die Jury, weil sein Favorit, der Rumäne Dinu Lipatti, nur den zweiten Preis erhalten sollte. Sieger des Wettbewerbs war der damals 16jährige Karlrobert Kreiten geworden.

Damals lag ihm die deutsche Presse noch zu Füßen. Er galt als "pianistische Begabung ganz großen Formats", wie das Berliner Tageblatt schrieb; und die Konzertkritiken der nächsten Jahre waren voll von Lobeshymnen auf diesen "jungen Wundermann am Flügel". Das Kölner Tageblatt schrieb nach einem Konzert:

Der steilen Konzertkarriere sollten Schallplattenaufnahmen folgen. Ein Vertrag mit der Firma Telefunken war schon abgeschlossen, aber wegen des Krieges wurden die Einspielungen auf unbestimmte Zeit verschoben. Zu den Aufnahmen ist es aber dann nie mehr gekommen. Die Tondokumente, die wir von Karlrobert Kreiten besitzen, stammen fast alle aus den Jahren 1934 und 1935. Es sind private Aufnahmen, die unter unzureichenden technischen Bedingungen im heimischen Wohnzimmer entstanden sind und die vor allem für Freunde und Verwandte gedacht waren. Drei Jahre später, 1938, entstand dann die folgende Einspielung des Donau-Walzers von Johann Strauß/Sohn:

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Es ist nicht einfach für uns, die wir durch die Klangqualität heutiger Schallplatten und Compact-Discs verwöhnt sind, den künstlerischen Gehalt dieser Einspielungen zu würdigen. Aber trotz aller aufnahmetechnischer Mängel vermitteln sie doch, mit welch zupackender Gestaltungskraft Karlrobert Kreiten musiziert hat. Bisweilen möchte man von jugendlicher Waghalsigkeit reden, wenn er etwa im zweiten Heft der Brahms'schen Paganini-Variationen keine Rücksicht auf das nimmt, was die damaligen Mikrophone zu leisten in der Lage waren. Mit stürmischem Temperament meistert er die Oktavpassagen und die vertracktesten Arpeggien, aber bei aller Brillanz und Virtuosität wirkt sein Spiel nie oberflächlich. Die Struktur des schroffen, bisweilen sperrigen Klaviersatzes bleibt jederzeit hörbar.

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Wenn man die Konzertprogramme von Karlrobert Kreiten durchblättert, so staunt man immer wieder über die Vielseitigkeit und Aufgeschlossenheit dieses jungen Menschen. Daß er das umfangreiche und anspruchsvolle Repertoire auch beherrschte, davon zeugen die Kritiken aus jenen Tagen.

Die großen Werke der Klassik und Romantik – etwa Beethovens Waldsteinsonate, die Appassionata oder die h-moll-Sonate von Franz Liszt – standen zwar im Mittelpunkt, aber immer wieder setzte sich Karlrobert Kreiten für die Musik der damals schon in Mißkredit geratenen modernen Kompnisten ein. Im November 1938 schrieb ein Berliner Kritiker, der Kreiten mit Strawinskys Petrouschka-Suite gehört hatte:

Von all diesen Aufsehen erregenden Interpretationen ist uns nichts geblieben als das geschriebene Wort in den Zeitungen. Mit welch perkussiver und motorischer Kraft Karlrobert Kreiten spielen konnte, offenbart sich lediglich in einer frühen Aufnahme der Klavier-Toccata von Othmar Schoeck.

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Wunderkinder werden nicht erzogen, sondern geboren. Aber die besten Veranlagungen nützen nichts, wenn sie nicht von Kindheit an gefördert werden. Karlrobert Kreiten hatte das Glück, in einen Milieu aufzuwachsen, wo man sich intensiv um die Erziehung kümmerte, ohne die Kinder allzuvielen Zwängen zu unterwerfen. Er lernte Französisch, weil seine Großmutter gebürtige Französin war; und schon als kleines Kind empfing er reichhaltige musikalische Anregungen, weil im Elternhaus viel musiziert wurde: Die Mutter galt als eine respektable Sängerin, und der Vater, Theo Kreiten, hatte an der Düsseldorfer Musikhochschule eine Professur für Komposition und Tonsatz inne.

Obwohl der junge Karlrobert schon früh am Klavier mit Klängen und Melodien experimentierte, ließen die Eltern sich Zeit, ihrem Sohn einen planmäßigen Musikunterricht zu verordnen. Die ersten Klavierstunden erhielt er mit sieben Jahren, doch als Zehnjähriger bereits konnte er sich in der Düsseldorfer Tonhalle mit Mozarts D-Dur-Sonate und zwei Schubert-Impromptus hören lassen.

Es muß in jenen Jahren gewesen sein, daß der Vater Theo Kreiten für seinen Sohn eine viersätzige Sonatine komponiert hat, ein Werk mit impressionistichem Einschlag, das Karlrobert 1934 auch auf Schallplatte hat aufnehmen lassen.

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Nach seinem spektakulären Erfolge beim Wiener Pianisten-Wettbewerb von 1933 blieb Karlrobert Kreiten zwei Jahre lang in der Donau-Metropole und nahm Unterricht bei der Pianistin Hedwig Rosenthal-Kanner, der Frau des berühmten Klaviervirtuosen Moritz Rosenthal. Doch nahmen diese Wiener Studienjahre 1937 ein Ende, weil seine Lehrerin aus Furcht vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten emigrierte. Von Chicago aus schrieb sie an ihren Schüler:

Aber Kreiten zögerte. Zuerst wollte er sich in Europa einen Namen schaffen, bevor er daran ging, den amerikanischen Kontinent zu bereisen – eine schicksalsschwere Entscheidung. Nachdem seine Lehrerin emigriert war, hielt ihn nichts mehr in Wien. Er siedelte nach Berlin über, um bei Claudio Arrau Unterricht zu nehmen, bis auch Arrau 1942 Deutschland verließ. Arrau war es auch, der seinen Schüler später einmal "eines der größten Klaviertalente" nannte:

Hören Sie nun zum Abschluß Karlrobert Kreiten mit dem Nocturne cis-moll op. posthum von Frédéric Chopin.

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