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W. Lempfrid:

Der ferne Klang – Wanda Landowska und
die Wiederentdeckung des Cembalos

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandsender Kultur, Berlin
(Sendung: 20.9.1993)

Exposé

"Wenn Sie sich nicht belehren lassen wollen, spielen Sie Bach weiterhin auf Ihre Weise. Ich jedenfalls spiele ihn auf seine Weise." Über mangelndes Selbstbewußtsein konnte die Cembalistin Wanda Landowska (1877-1959) nicht klagen. Als sie 1899 erstmals auf einem Cembalo spielte, erkannte sie, daß die Barockmusik auf diesen Instrumenten ganz neue klangliche Reize offenbart. Fortan setzte sie sich unermüdlich für die Wiederbelebung des Cembalo-spiels ein. Auf ihr Betreiben hin entstand 1904 an der Berliner Musikhochschule die erste Cembaloklasse, und 1933 spielte sie erstmals in einem öffentlichen Konzert Bachs Goldbergvariationen. Wanda Landowska als frühe Vertreterin der Werktreue und der historischen Aufführungspraxis? Ihre Schallplatteneinspielungen seit den dreißiger Jahren und ihre polemisierenden Streitschriften machen die Antwort nicht gerade einfach.

Sendemanuskript

MUSIK 001:

Sätze wie diese konnte man noch bis weit in unser Jahrhundert in den Handbüchern und "Wegweisern durch die Klavier-Literatur" lesen. Das Cembalo war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts vom pianistischen Fortschritt überrollt worden. Mit dem Beginn der klassischen Periode, mit Carl Philipp Emanuel Bach, mit Haydn und Mozart hatte es ausgedient, und damit war gleichzeitig auch das Wissen um all das verschwunden, was wir heute als "historische Aufführungspraxis" bezeichnen.

Es war zu Beginn dieses Jahrhunderts, daß eine junge polnische Pianistin die klanglichen Reize des Cembalos neu entdeckte und dieses Instrument fortan zu ihrer Lebensaufgabe machte. Mit 23 Jahren war Wanda Landowska 1900 nach Paris gekommen - als fertig ausgebildete Pianistin, die sich nun ihren Platz in der Musikwelt erkämpfen wollte. Für virtuose Fingerakrobatik und lautstarke Kraftakte, wie sie im spätromantischen Klavier-Repertoire notwendig sind, hatte Wanda Landowska allerdings wenig übrig. Ihre Fähigkeiten lagen auf anderem Gebiet: Was sie reizte, war die kompositorische Miniatur, die musikalische Feinzeichnung, und so entdeckte sie für sich Mozart, vor allem aber Bach und die französischen Clavecinisten des 18. Jahrhunderts – Couperin, Antoine Francisque und Jean Philippe Rameau.

Ein Repertoire, das geradezu danach verlangte, sich mit dem lange Zeit vernachläßigten Cembalo auseinanderzusetzen, zumal auch die Voraussetzungen in Paris ideal dafür waren. Das Interesse an Alter Musik nahm stetig zu, die französische Klavierfirma Pleyel hatte zur Weltausstellung von 1889 erstmals wieder ein Cembalo gebaut, und es gab eine Reihe von Pianisten, die (wohl nicht zuletzt aus Gründen der Kuriosität) gelegentlich Konzertabende auf diesem Instrument gaben. Wanda Landowska war also nicht die erste, die das Konzertpublikum mit dem Cembalo bekanntmachte; aber ihr Verdienst ist es, daß sie sich mit Überzeugung und Enthusiasmus für das Instrument einsetzte wie kein anderer vor ihr und damit das Cembalo als ernstzunehmendes Musikinstrument rehabilitierte.

Eine ihrer frühesten Cembalo-Aufnahmen stammt aus dem Jahre 1928: die Scarlatti-Sonate in d-moll zusammen mit Couperins "Rossignol en amour" (die verliebte Nachtigall) aus dem dritten Buch der "Pièces de Clavecin".

MUSIK 002:

Unbeirrt von Anfeindungen der Pianisten und Musikkritiker setzte Wanda Landowska sich für "ihr" Instrument und für die Musik aus der "Cembalo"-Zeit ein. Wo immer sie Konzerte gab, be-suchte sie Instrumenten-Museen und Bibliotheken, sie exzerpierte in mühevoller Arbeit Noten aus alten Folianten und studierte die Schriften der Musiktheoretiker aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 1909 veröffentlichte sie eine umfangreiche Streitschrift mit dem Titel "Musique ancienne" (Alte Musik), wo sie mit polemisch-spitzer Feder alle Vorturteile gegen die Musik der vergangenen Jahrhunderte ad absurdum führte. Über die blinde Fortschrittsgläubigkeit in der Musik, daß die Kompositionstechnik sich im Laufe der Zeit zum Besseren entwickelt habe, schreibt sie:

Sich mit der Alten Musik zu beschäftigen, durfte allerdings nicht heißen, ihr Gewalt anzutun. Die damals herrschende Unsitte, die Barockmusik in Form von Bearbeitungen und Transkriptionen aufzuführen, war für Wanda Landowska ein Verbrechen an der Kunst.

Und auf den Vorwurf, daß das Cembalo bloß spielerisch klinge und daß wahrer Ausdruck auf einem solchen Instrument nicht möglich sei, erwidert sie:

Äußerungen, die allesamt belegen, wie wenig Wanda Landowska die Auseinandersetzung mit althergebrachten Vorurteilen scheute. Aber letztlich überzeugen konnten solche Vergleiche und Argumente nur, weil dahinter eine Musikerin stand, deren künstlerischer Anspruch außer Frage stand. Komponisten wie Camille Saint-Saens, Francis Poulenc und Manuel de Falla zählten zu ihren Bewunderern; der Pianist Alfred Cortot (ein Pianist romantischer Schule und kein sonderlicher Anhänger der Barockmusik) sprach in höchsten Tönen von ihrem Spiel; und Albert Schweitzer schrieb 1905 anläßlich eines Konzertes:

MUSIK 003:

Die Nachdrücklichkeit, mit der Wanda Landowska sich für das Cembalo einsetzte, zeigte bald schon Wirkung. 1912 gab sie auf dem Bachfest in Breslau eine Reihe von Konzerten - mit dem Ergebnis, daß 1913 an der Berliner Hochschule für Musik erstmals ein Lehrstuhl für Cembalo eingerichtet wurde – mit Wanda Landowska als erster Lehrerin. Als ein Jahr später der Erste Weltkrieg ausbrach, bedeutete ihre künstlerische Reputation allerdings wenig: Als gebürtige Polin und französische Staatsbürgerin galt sie im Deutschen Reich als potentielle Spionin, und sie mußte ihre Konzert- und Reisepläne erheblich einschränken.

Nach Kriegsende siedelte Wanda Landowska wieder nach Frankreich über. In Saint-Leu-la-Fôret, einem kleinen Ort nördlich von Paris, erwarb sie ein Landhaus, wo sie ihre Instrumentensammlung und ihre umfangreiche Bibliothek von mehr als zehntausend Bücher und Noten unterbringen konnte. Hier gab sie Unterricht und hielt im Sommer Meisterkurse ab, zu denen nicht nur Cembalospieler, sondern auch Pianisten, Cellisten, Flötisten und Sänger aus aller Welt strömten. Im Garten ihres Landhauses ließ sie einen kleinen Konzertsaal errichten:

Saint-Leu-la-Fôret blieb für mehr als fünfzehn Jahre das Refugium von Wanda Landowska. Hier in Saint-Leu entstanden Anfang der dreißiger Jahre auch die meisten ihrer damaligen Schallplattenaufnahmen, und in der Pariser Musikszene galten die Konzerte sonntagnachmittags in Saint-Leu als Geheimtip, als "französisches Bayreuth der Alten Musik", so daß nach einem halben Jahr schon eigens ein Sonderzug für die Konzertbesucher eingerichtet werden mußte.

Im Mai 1933 lud Wanda Landowska ein zur "ersten vollständigen Darbietung der 'Goldberg-Variationen' in diesem Jahrhundert" – ein Programm, an dem sie (wie sie selbst sagte) "seit 45"Jahren geübt hatte". Was kaum jemand vorherzusehen wagte: Die Zuhörer ließen sich tatsächlich eine Stunde lang in den Bann dieses monumentalen Variationen-Zyklus schlagen, und noch im selben Jahr konnte Wanda Landowska die "Goldberg-Variationen" auf Schallplatte aufnehmen.

MUSIK 004:

Wanda Landowska als frühe Verfechterin der "historischen Aufführungspraxis", der Text- und Werktreue? Der Schluß liegt nahe, wo sie sich für das Cembalo stark machte und immer wieder forderte, daß der Interpret sich vor allem mit dem originalen Notentext beschäftigen müsse. Anläßlich einer Kontroverse um die Frage, wie Bach sich die Ausführung bestimmter Verzierungen gedacht habe, soll Wanda Landowska die Diskussion abgebrochen haben mit den Worten: "Wenn Sie sich nicht belehren lassen, spielen Sie Bach weiterhin auf Ihre Weise. Ich jedenfalls spiele ihn auf seine Weise." – Auch wenn diese Anekdote nicht belegt ist, so dokumentiert sie doch das unerschütterliche Selbstbewußtsein der Landowska. Sie glaubte, es in jedem Falle richtig zu machen; und wo man ihr willkürliche Ritardandi, falsche Verzierungen und übertriebene Registerwechsel nachweisen konnte, rechtfertigte sie ihren Sujektivismus mit dem Argument:

Der blutleere Akademismus so mancher Musikgelehrten war ihr ein Greuel. Und selbst ihre Entscheidung für das Cembalo entsprang nicht einem Bedürfnis nach authentischer Darstellung, sondern weil 'sie selbst' den Cembaloklang als angemessener empfand. So war denn auch Instrument, das sie sich 1912 bei der Klavierfirma Pleyel bauen ließ, alles andere als ein historisch-getreuer Nachbau: mehr als zwei Meter lang, mit einem massiven gußeisernen Rahmen, verfügte das Cembalo über zwei Manuale mit mehreren Koppeln und Lautenzügen, wobei das klangkräftige 16-Fuß-Register auch große Konzertsäle mühelos füllen konnte.

MUSIK 005:

Die dreißiger Jahre in der ländlichen Idylle von Saint-Leu-la-Fôret waren für Wanda Landowska die wohl fruchtbarste Zeit. Die Schallplattenaufnahmen aus jener Zeit atmen eine umittelbare Frische und Musizierfreude, die sich in dieser Intensität später nie mehr so recht einstellen wollte. Aber als 1940 die Nationalsozialisten in Paris einmarschierten, war es mit der Idylle vorbei. Als Polin jüdischer Abstammung stand Wanda Landowska auf der Liste derjenigen Personen, die unbedingt zu verhaften waren und deren Hab und Gut beschlagnahmt werden sollte – nicht zuletzt auf Betreiben deutscher Musikgelehrter, die von Berlin aus ein Auge auf die kostbare Bibliothek und Instrumentensammlung geworfen hatten.

Mit ihrem Pleyel-Cembalo gelang Wanda Landowska kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen die Flucht in die Vereinigten Staaten. Im Februar 1942 spielte sie in New York die "Goldberg-Variationen" und knüpfte mit diesem Konzert an ihre spektakulären Erfolge während ihrer ersten Amerika-Tournee in den zwanziger Jahren an. Amerika war für Wanda Landowska in vielem ein Neuanfang. Auf Wunsch der amerikanischen Schallplattenfirma Victor nahm sie nochmals die "Goldberg-Variationen" auf, und in den fünziger Jahren spielte sie die beiden Bände des "Wohltemperierten Klaviers" ein.

Zu Anfang des Jahrhunderts war Wanda Landowska mit ihrem Cembalo zunächst als Exotin belächelt worden, in den dreißiger Jahren im französischen Saint-Leu-la-Fôret galt sie als anerkannte Wegbereiterin eines neuen, historisch orientierten Musikverständnisses: Als sie im August 1959 in Lakeville in Connecticut im Alter von 80 Jahren starb, war das Cembalo - dank ihres unermüdlichen Engagements – aus dem Musikleben nicht mehr wegzudenken.

Den Abschluß dieser Sendung soll allerdings eine Aufnahme bilden, die Wanda Landowska von einer weniger bekannten Seite zeigt: als Pianistin in Mozarts Klavierkonzert Nr. 22 in Es-Dur, Köchel-Verzeichnis 482. In einer Live-Aufnahme vom Dezember 1945 spielt das New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Artur Rodzinsky.

MUSIK 006:

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