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Der Pianist Heinrich Neuhaus

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 30.5.1993 – "Historische Aufnahmen")

Exposé
Berühmt geworden ist der Pianist Heinrich Neuhaus hauptsächlich als Lehrer. Von 1922 an bis zu seinem Tod im Oktober 1964 unterrichtete er am Moskauer Konservatorium. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Svjatoslav Richter, Emil Gilels, Radu Lupu oder Victor Krainew. Daß er nicht nur "Meistermacher", sondern selbst einer der besten russischen Pianisten war, ist vielzuwenig bekannt. Seine Aufnahmen aus den 50er Jahren mit Werken von Bach, Beethoven, Chopin und Skrjabin sind erst vor kurzem von den sowjetischen Rundfunkarchiven freigegeben worden.
Musik-Nr.: 01
Komponist: Alexander Skriabin
Werk-Titel: Prélude op. 13,4 e-moll
Interpreten: Heinrich Neuhaus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
VG 651 / 65 1028
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 0:55
Archiv-Nummer: ____

Den Klavierspielern ist der deutsch-russische Pianist Heinrich Neuhaus wohl vornehmlich ein Begriff wegen seines Buches: "Die Kunst des Klavierspiels". Als diese nicht sehr umfangreiche Schrift 1958 in Moskau erstmals veröffentlicht wurde, sorgte sie bei den Klavierpädagogen für Unruhe: Forderte doch Neuhaus, daß eine vernünftige Pianistenausbildung sich nicht auf die technischen Aspekte, auf Fingerfertigkeit und Treffsicherheit beschränken dürfe; sondern beim Klavierspiel müsse es um mehr gehen – um die musikalischen Inhalte und wie sie am besten zum Ausdruck gebracht werden können.

"Allgemeinplätze", möchte man meinen. Und dennoch scheinen gerade diese Allgemeinplätze an den Musikhochschulen und Konservatorien in aller Welt immer wieder in Vergessenheit zu geraten. Zu sehr sind Lehrer und Schüler darauf fixiert, schneller und lauter zu spielen; zu wenig wird im Unterricht Wert gelegt auf die Interpretation und den musikalischen Vortrag, so daß die Abhandlung von Heinrich Neuhaus auch heute noch so aktuell ist wie eh' und je.

Heinrich Neuhaus als Lehrer: Da fallen einem vor allem die russischen Pianisten-Größen Svjatoslav Richter und Emil Gilels ein, die durch seine Schule gegangen sind. Daß Neuhaus aber auch selber ein hervorragender Pianist gewesen ist, ist hierzulande nur wenigen bekannt. Mittlerweile haben die sowjetischen Rundfunkarchive eine Reihe von Einspielungen mit ihm freigegeben, so daß man sich ein ungefähres Bild machen kann, was Neuhaus unter "musikalischem Vortrag" verstand. Allerduings nur ein ungefähres Bild: denn Neuhaus war damals, als die Aufnahmen entstanden, weit über 60 Jahre alt; er hielt nicht viel von den Produktionsbedingungen im Aufnahmestudio; und die Aufnahmequalität der Moskauer Studios in den 50er Jahren ließ oftmals zu wünschen übrig.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Alexander Scriabin
Werk-Titel: Préludes op. 16, Nr. 3
Préludes op. 16, Nr. 4
<Tr. 12.>
<Tr. 13.>
__:__
__:__
Interpreten: Heinrich Neuhaus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
VG 651 / 65 1028
<Track 12.13.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____

Geboren wurde Heinrich Neuhaus im März 1888 im ukrainischen Kirowograd. Seine Eltern waren Klavierlehrer, sein Onkel der berühmte Pianist Felix Blumenfeld. Ein familiäres Umfeld, so sollte man meinen, in dem musikalische Begabungen gut gedeihen. Aber wie Neuhaus in seinen Erinnerungen einmal schilderte, hatten die Eltern nur selten Zeit, sich intensiv um das pianistische Talent ihres Sohnes zu kümmern, und auch Onkel Blumenfeld kam nur sporadisch nach Kirowograd zu Besuch. Neuhaus mußte also schon in jungen Jahren selber sehen, was künstlerisch gut für ihn war; und nach eigenem Eingeständnis hat auch er in seiner jugendlichen Unbedarftheit jahrelang falsche Idole verehrt: Pianisten, die zwar virtuos spielen konnten, aber die musikalisch nichts zu sagen hatten.

1904, also mit 16 Jahren, debütierte er mit großem Erfolg in Dortmund und unternahm etliche ausgedehnte Konzerttourneen durch Deutschland, Österreich und Italien – wie er glaubte, als fertiger Klaviervirtuose. Dann aber lernte er in Wien Leopold Godowsky kennen, der wegen seines Perfektionismus' gleichermaßen berühmt wie berüchtigt war. Im Unterricht bei Godowsky erlebte Neuhaus, daß Musikalität zwar eine Gabe ist, daß aber für eine musikalische Interpretation harter Arbeit bedarf.

Von nun an verabscheute Neuhaus nichts mehr als Mittelmaß und jene klavierspielenden Dilletanten, die glauben, sich in der Öffentlichkeit produzieren zu müssen. Es war die Zeit, in der er auch für sich selbst erkannte, daß seine eigentliche Stärke nicht das Konzertieren, sondern das Unterrichten war: 1916 ging er als Lehrer an die Musikschule der Russischen Musikgesellschaft in Tiflis, 1919 wurde er Professor am Konservatorium in Kiew, und 1922 wechselte er über zum Moskauer Konservatorium, das unter Neuhaus' Einfluß regelrecht zur sowjetischen "Pianistenschmiede" wurde.

Als konzertierender Künstler machte Neuhaus sich allerdings rar. Von nun an trat er vornehmlich in Moskau und einigen wenigen russischen Städten auf, um sich die Mühsal des Reisens zu ersparen. "Man kann nicht zwei Dinge mit derselben Intensität betreiben. Entweder man widmet seine Zeit und Kraft den Schülern oder dem eigenen Üben, aber beides zugleich geht nicht", war seine Maxime. Andererseits aber benötigte er die Konzertauftritte, um das, was er im Unterricht propagierte, immer wieder an der Realität zu messen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: xx
Auswahl: Klavierstücke op. 119, Nr. 1
Klavierstücke op. 119, Nr. 2
<Track 6.>
<Track 7.>
__:__
__:__
Interpreten: Heinrich Neuhaus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
VG 651 / 65 1013
<Track 6.7.> Gesamt-Zeit: 7:55
Archiv-Nummer: ____

"Klarheit" war eine der unablässigen Forderungen von Heinrich Neuhaus. So wenig, wie er Halbheiten in der Interpretation duldete, so sehr legte er Wert auf einen transparenten Klavierklang. Im Unterricht verwandte er viel Zeit darauf, den Schülern das Gefühl für einen differenzierten Anschlag und den behutsamen Gebrauch des rechten Pedals zu vermittlel. Wo bei anderen Pianisten der Brahms'sche Klaviersatz im harmonischen Klangrausch ertrinkt, bleiben bei Heinrich Neuhaus die vielfältig verflochtenen melodischen Linien jederzeit durchhörbar.

Es ist der Einfluß seines Lehrers Leopold Godowsky, der sich hier bemerkbar macht. Wie auch Neuhaus schon früh Bachs "Wohltemperiertes Klavier" im Konzert spielte – zu einer Zeit, als diese Musik allenfalls als polyphone Übungsstücke für den Unterricht galten.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Das Wohltemperierte Klavier 1. Teil
Auswahl: Präludium und Fuge Nr. 14 fis-moll, BWV 859 <Track 9.> 4:05
Interpreten: Heinrich Neuhaus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
VG 651 / 65 1013
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: ____

Heinrich Neuhaus gehörte zu jenen Musikern, die lieber im Hintergrund wirken. Wichtiger als die eigene Konzertkarriere war ihm die geistige und pianistische Entwicklung seiner Schüler – so daß seine musikalische Auffassung mehr in den Interpretationen eines Emil Gilels oder Svjatoslav Richter weiterlebt als in eigenen Aufnahmen. Mit seiner Forderung, daß an erster Stelle das musikalische Kunstwerk stehen müsse und der Interpret dahinter zurückzutreten habe, legte er die Grundlagen zu einem Interpretations-Stil, den man als die "klassisch-russische Schule des 20. Jahrhunderts" bezeichnen könnte.

Schon in den zwanziger Jahren, als in den Konzertprogrammen noch das sentimental-romantische Salon-Repertoire vorherrschte, drang Neuhaus bei seinen Schülern darauf, daß sie sich intensiv mit der Musik von Bach, Mozart und Beethoven auseinandersetzten. Wenn man hört, wie er selbst das romantische Repertoire interpretierte, wie er Brahms, Chopin und Skriabin mit Empfindung, aber doch ohne jede Sentimentalität zu Gehör gebracht hat, möchte man nur allzugerne wissen, wie sein Mozart und sein Beethoven geklungen hat. Es bleibt zu hoffen, daß in den russischen Rundfunk und Schallplattenarchiven die ein oder andere Einspielung noch auftaucht. Solange müssen wir uns begnügen mit einer recht schmalen Hinterlassenschaft, die vor allem die Musik des 19. Jahrhunderts umfaßt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Impromptu Nr. 3, op. 51 Ges-Dur
Interpreten: Heinrich Neuhaus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
VG 651 / 65 1032
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____