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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

A.

Vom Forte und Piano.

<1> § 1. Jederman weiss, wie unendlich theilbar die Zeit und der Raum ist.

<2> Eben so unendlich theilbar ist nun aber auch die Kraft, und demzufolge kann man aus einer einzelnen Taste eines guten Fortepiano vom leisesten pp bis zum stärksten ff: so viele Grade von schwachem oder starkem Tone herauszubringen, dass es, streng genommen, kaum berechenbar wäre. Ein Beispiel wird dieses klar machen. Nehmen wir die folgende Figur:

[Notenbeispiel 02-1]

Das unter den Noten stehende Zeichen < > bedeutet, die ersten 8 Noten anschwellen, und die nachfolgenden 8 Noten in demselben Verhältnisse wieder schwächer werden zu lassen.

Das Anschwellen wird hervorgebracht, indem jeder Ton etwas stärker als der vorhergehende angeschlagen, oder vielmehr aufgedrückt wird.

Da die erste Note mit Piano bezeichnet ist, so darf nun dieses Anschwellen höchstens nur zum mezza voce gesteigert werden, da bei der 8ten Note kein sf oder forte steht.

Demnach gibt es in diesem Beispiel schon 8 Grade von Stärke, welche vom ersten piano bis zum mezza voce hervorzubringen sind.

Nehmen wir nun aber denselben Satz verlängert an, wie Z.B:

[Notenbeispiel 02-2]

Da hier das Anschwellen, (ebenfalls nur bis zum mezza voce) durch 16 Noten dauert, so folgt daraus, dass jede Note um einen geringeren Grad stärker anzuschlagen ist, als in dem früheren Beispiel, um erst auf der 16ten mit dem mezza voce auszukommen. Hier gibt es also schon 16 verschiedene Grade von Stärke vom piano bis zum mezza voce.

Denken wir uns nun aber diese Stelle noch mehr verlängert (etwa im chromatischen Laufe,) so, dass das Anschwellen durch Z.B: 32 Noten dauert, so gibt es schon vom p bis zum m:v: [mezza voce] 32 verschiedene Grade von Kraftanwendung.

Nun war aber bei allem diesem noch von keinem Forte, von keinem Fortissimo, und auch von keinem Pianissimo die Rede, welche alle wieder eben so viele Grade zu einander möglich und nöthig machen. Z.B:

[Notenbeispiel 02-3]

§ 2. Alles eben Gesagte beweist, dass wir, ohne Übertreibung, wenigstens 100 Grade von Stärke und Schwäche annehmen können, mit welchen ein Ton angeschlagen werden kann, so wie der Mahler eine einzelne Farbe so manigfach verdünnen kann, dass sie, von dem dicksten Striche sich nach und nach, in unzähligen Abstufungen, bis zum feinsten, kaum merkbaren Anflug (und so umgekehrt) verliert und verschmilzt.

Welche Menge Mittel zum Ausdruck stehen demnach dem Spieler allein durch den Anschlag zu Gebothe! -

§ 3. Aber natürlicherweise gehört auch eine grosse Geübtheit, ein hoher Grad von Macht über seine physischen Kräfte, und vollkommene mechanische Ausbildung der Finger, so wie endlich ein feines Gehör dazu, um von allen diesen Schattierungen Gebrauch zu machen.

Ungeschickte oder plumpe Finger können derselben nicht mächtig sein, und solche Spieler glauben hinreichend mit Ausdruck zu spielen, wenn sie auf eine höchst grelle Art Forte und Piano von einander unterscheiden, so wie ungeschickte Mahler ihre Farbe bald dick, bald dünn, ohne die feineren Verschmelzungen, auftragen, und demnach nur bunte, harte Klexereien hervorbringen.

§ 4. Um nun den Fingern die nöthige Geübtheit in dieser Rücksicht zu verschaffen, bleiben vor Allem wieder die Scalen in allen Tonarten das vorzüglichste Mittel, und der Schüler hat sie nun auf folgende verschiedene Arten zu üben: <3>

  1. 1tens Pianissimo. 2tens Piano 3tens Mezza voce. 4tens Forte. 5tens Fortissimo.
    Und zwar in allen Arten des Zeitmasses, vom Tempo moderato bis zum Prestissimo, jedoch anfangs ohne alle crescendo's oder diminuendo's.

  2. Wenn er alle diese Grade der Stärke in seiner Macht hat, sind dieselben Scalen mit der Anwendung des Anschwellens und Sinkens zu üben, indem der tiefste Ton pp oder p anfängt, und beim Aufwärtssteigen die Kraft gleichmässig bis zum höchsten Tone zunimmt, von wo sie dann, beim Abwärtsgehen der Passage, wieder bis zum ersten Piano sich vermindert. Auch hier gibt es mehrere Abstufungen. Z.B:
    1tens Vom pp bis zum mezza voce und dann eben so zurück.
    2tens Vom pp bis zum Forte und eben so zurück.
    3tens Vom pp bis zum Fortissimo und zurück.
    4tens Vom piano (oder mezza voce) anfangend, bis zum forte (oder fortissimo).

§ 5. Der Spieler hat äusserst streng darauf zu achten, dass beim crescendo das Zunehmen der Stärke nach gleichen Graden, und ja nicht allzuplötzlich, oder auch allzuspät, Statt finde.

Man muss daher stets die Länge der Passage berücksichtigen, welche cresc: oder dimin: vorzutragen ist, und den höchsten Grad der eben anzuwendenden Stärke an dem Wendepunkte anbringen.

Wenn man Z.B: in folgendem Laufe:

[Notenbeispiel 03-1]

schon in der Mitte des ersten Taktes einzelne Töne forte anschlagen, und hierauf in den nächstfolgenden wieder schwächer würde, so wäre die schöne Wirkung des crescendo schon verfehlt.

Beim diminuendo ist es eben so.