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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Kap. 2 [ b / 2. Teil]

<19> § 4. Wenn aber die Läufe und Passagen noch schneller auf diese Weise gespielt werden sollen, dann findet die zweite Art dieses Vortrags Statt, welche darin besteht, dass jeder Finger mit seiner <20> weichen Spitze auf den Tasten die Bewegung des Kratzens oder Abrupfens macht, dabei mehr oder weniger Schnellkraft der Nerven anwendet, und dadurch ein sehr klares, perlendes, gleiches Spiel sich aneignet, mittelst welchem selbst im schnellsten Tempo alle Passagen gleich gerundet mit vollem, nicht scharfen Ton, und mit der schönsten Ruhe der Hand hervorgebracht werden können.

Dieser Anschlag ist ungefähr derselbe, dessen man sich beim Fingerwechsel auf einer, oft und schnell nacheinander angeschlagenen Taste bedient, wie z:B: im:

[Notenbeispiel 20-1]

nur dass dabei die Finger natürlicherweise niemals schief und seitwärts gehalten werden dürfen.

§ 5. Alle Compositionen, welche, im brillanten Styl geschrieben, aus einer grossen Masse von Noten bestehen, und auf ein schnelles Tempo berechnet sind, müssen vorzugsweise auf diese Art vorgetragen werden, weil das ruhige Legato dieselben matt und einförmig, das markirte Staccato hingegen dieselben allzu scharf und grell bezeichnen würde.

(Es versteht sich, dass einzelne Stellen hievon überall Ausnahmen bilden.)

§ 6. Diese Art gestattet alle Schattierungen des pp, p, m.v. , bis zum forte. Nur das Fortissimo würde da eine allzu grosse Anstrengung der Nerven erfordern. Denn es versteht sich, dass alle Arten des crescendo, etc: nur durch einen, dem Auge nicht sichtbaren, innern Nachdruck der Hand und Finger-Nerven hervorgebracht werden müssen.

Hier ein Beispiel dieser Art:

[Notenbeispiel 20-2]

<21> Alle, mit den Worten Leggierm: oder Leggieriss: bezeichneten Stellen müssen auf diese Art vorgetragen werden, so wie auch die meisten geschmackvollen Verzierungen, besonders in den obern Octaven, hiedurch den schönsten Reitz erhalten.

§ 7. Diese Spielweise ist zu wichtig, als dass der Clavierist sie nur so nebenher bei einzelnen Passagen üben sollte. Er muss durch eine geraume Zeit sich vorzugsweise damit beschäftigen, und hier sind wieder die vollständigen Scalen-Übungen in allen Tonarten das besste Mittel, wenn man sie auf diese Art in allen Graden des Piano und Forte, so wie in jedem Tempo, fleissig übt, bis man im Stande ist, jede Passage, (die nicht aus Doppelnoten besteht) in dieser Manier nach Willkühr auszuführen.

§ 8. Diese Art lässt sehr viele Schattierungen und Abstufungen, vom Legato bis zum wirklichen Staccato, zu, indem man dieses Abrupfen durch mehr oder weniger Anstrengung der Nerven, so wie durch mehr oder mindere Beweglichkeit der Fingerspitzen nach Belieben steigern oder vermindern zu können im Stande sein muss.