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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Kap. 2 [ d / 2. Teil]

<22> § 5. Wenn lange ausgedehnte Passagen nach und nach von Legato zum Staccato (oder umgekehrt) übergehen, so gibt es zwischen jeder Hauptart noch viele kleinere Abstufungen, welche von sehr geübten Fingern und feinem Gefühl in's Unendliche ausgeführt werden können.

§ 6. Da bei diesem scharfen Abstossen des molto Staccato die ganze Hand, und sogar der Vorderarm <23> aufgehoben werden muss, so erhält jede Stelle, welche auf diese Weise vorgetragen wird, eine besonders glänzende (brillante) Wirkung und erscheint dem Zuhörer weit schwieriger, als sie sonst bei jeder andern Vortragsmanier wirklich wäre.

So z.B: wird Niemand folgende Stelle schwierig nennen:

[Notenbeispiel 23-1]

Aber man spiele sie folgendermassen:

[Notenbeispiel 23-2]

nämlich mit gebogenen, straffen Fingern, mit grosser Kraft, äusserst kurz, und mit der nöthigen Bewegung der Arme; - so wird man finden, dass sie in der That dadurch viel schwerer geworden, dass aber auch ihre Wirkung sehr gesteigert erscheint, und bis zu einem gewissen Grade sogar schon die Bewunderung des Zuhörers in Anspruch nehmen kann. Ist nun vollends eine so vorgetragene Passage wirklich schwer und glänzend componirt, so erhält sie den Charakter der Bravour, und des, vorzugsweise so genannten brillanten Spiels, und wenn der Spieler, (besonders öffentlich in grossem Locale) von dieser Manier an gehörigen Stellen Gebrauch macht, so kann er der gewählten Composition einen ungewöhnlichen Geist und Charakter einhauchen, und die Zufriedenheit der Zuhörer bis zum Enthusiasmus steigern.

§ 7. Diese Manier kann in ihrem ganzen Umfange, nur im f und ff angewendet werden, obwohl natürlicherweise das äusserst kurze Abstossen auch im p und pp häufig vorkommt.

Nur ist im letzten Falle der Arm weit ruhiger zu halten, und das Abstossen nur durch die Finger hervorzubringen.

§ 8. Kräftige Octaven-Passagen, Accorden-Sprünge u.d.gl: müssen meistens auf diese Art vorgetragen werden. Z.B:

[Notenbeispiel 23-3]

§ 9. Eine grosse Geschwindigkeit lässt sich mit dieser Manier nicht vereinigen: doch können und sollen selbst die Scalen, in einem mässig schnellen Tempo auf diese Art bisweilen geübt werden, um den Fingern und Armen die nöthige Sicherheit im Anschlage zu verschaffen.

<24> Denn der Spieler hat vorzüglich darauf zu achten, dass die Vorderarme nur gerade so viel Bewegung dabei machen, als zur Erreichung des Effekts, und steter Beibehaltung des schönen Tons eben nöthig ist. Das Übermass hierin könnte allzu anstrengend, ja bei lange anhaltenden Passagen selbst der Gesundheit schädlich werden.